Europa genießt als Anlageregion international momentan nicht den besten Ruf. Die Gründe sind mannigfaltig, aber schnell zusammengefasst: Politisch kämpft der alte Kontinent mit lähmender Fragmentierung und Überregulierung. Die wichtigsten Partnerländer für Energieimporte wie Russland und Güterexporte wie etwa China sind uns nicht gerade wohlgesonnen. Globale Investoren sind sich einig: Europa bietet wenig Wachstum, aber umso mehr Risiken.
Das hat an den Börsen Spuren hinterlassen. Warum sollten Investoren gerade jetzt einen Blick auf europäische Wachstumsaktien werfen? Weil Europa aktuell alle Zutaten für eine nachhaltige Erholung bietet, wie sie seit Jahren nicht möglich war.
Mehr als nur günstige Bewertungen
„Jetzt kommt das Bewertungsargument, das hat noch nie funktioniert“, mag nun manch ein Leser denken. Das ist richtig. Das zugegebenermaßen abgenutzte Bewertungsargument ist auch nicht der Grund, warum wir glauben, dass europäische Wachstumsaktien ein vielversprechendes Jahr 2025 vor sich haben. Die derzeit günstige Bewertung bietet jedoch eine hervorragende Ausgangsbasis für eine Rally. So lag der Bewertungsabschlag des MSCI Europe Growth Index gegenüber dem MSCI World Growth Ende 2024 mit 24 Prozent auf einem Rekordhoch.
In Deutschland liegt die Ampel-Regierung in Trümmern, in den USA wurde Donald Trump erneut zum Präsidenten gewählt, und in Europa gilt ausgerechnet das ehemalige Sorgenkind Griechenland plötzlich als Musterschüler in Sachen Wachstum. Kurz gesagt: Die Stimmung ist schlecht. Laut des Fund Manager Survey der Bank of America vom Dezember 2024 ist die Positionierung in Aktien der Eurozone im Vergleich mit US-Aktien auf dem niedrigsten Stand seit 2012.
Diese extrem negative Grundeinstellung der internationalen Investoren gegenüber europäischen Aktien ist bemerkenswert und lässt nur einen Schluss zu: Viel bearischer geht es nicht – und das wiederum ist ein bullisches Signal.
In globalen Portfolios unterrepräsentiert
Der europäische Markt für Wachstumsaktien ist global betrachtet nur noch ein Schatten seiner selbst: Zu Beginn des Jahrtausends, vor der Finanzkrise, betrug der Anteil europäischer Wachstumsunternehmen am MSCI World Growth mehr als ein Drittel. Nun ist der Anteil auf unter 15 Prozent gesunken.
Die immer niedrigere Gewichtung hat dazu geführt, dass europäische Wachstumsaktien in globalen Portfolien und ETFs so gering repräsentiert sind wie seit Jahrzehnten nicht. Im Umkehrschluss bietet dies viel Aufwärtspotenzial für europäische Aktien, sobald das Investoreninteresse zurückkehrt.
Günstige Bewertung, negatives Sentiment und ein geringes Investoreninteresse: All dies sind gute Voraussetzungen für eine Trendwende – aber nichts davon ist wirklich neu. Was also macht europäische Wachstumsaktien ausgerechnet jetzt interessant?





Noch weitgehend unbemerkte Wachstumsbeschleunigung
Auch wenn es sich anders anfühlt, sehen wir eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in Europa. Edgar Walk, Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management, erwartet für 2025 ein reales Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent in der Eurozone – nach 0,7 Prozent 2024 und 0,4 Prozent 2023.





Das ist zwar noch kein Boom, aber ein positives Zeichen für die Zukunft. Diesen Rückenwind hat ein Großteil der internationalen Investorengemeinschaft offenbar noch nicht bemerkt. An der Börse ist das der Stoff, aus dem Kursfantasien gemacht werden.
Hinzu kommt, dass die Inflation besiegt scheint. Angesichts dessen sinken die Zinsen in Europa stärker als in den USA – ein doppelter Kurstreiber für Wachstumsaktien:
- Erstens führen niedrigere Zinsen zu höheren Investitionen, was sich wiederum in höherem Wirtschafts- und am Ende auch Gewinnwachstum widerspiegelt.
- Zweitens sinkt mit den Zinsen der Diskontierungsfaktor, mit dem sich der heutige Wert zukünftiger Gewinne berechnen lässt. Bei sinkenden Zinsen steigt der heutige Wert zukünftiger Gewinne – und damit auch die Kurse von Wachstumsaktien.
Wachstumstitel sind somit an der Börse die größten Profiteure von Zinssenkungen
Das zentrale Kriterium, das Wachstumsaktien attraktiv macht, ist das Gewinnwachstum und dessen Veränderung. Beim Vergleich des Gewinnwachstums des globalen Wachstumsindex MSCI World Growth mit dem des europäischen Pendants MSCI Europe Growth fällt eines sofort auf: Europa wächst langsamer. Mit der Wachstumsdynamik der im MSCI World Growth dominierenden US-Tech-Riesen können die europäischen Werte nicht mithalten.
Aufholjagd hat begonnen
Entscheidender aber ist, dass Europa den Abstand in jüngster Vergangenheit kontinuierlich verkleinern konnte: Während die Erwartungen an das zukünftige Gewinnwachstum auf globaler Ebene auf hohem Niveau stagnieren, sind sie auf europäischer Ebene im Jahresverlauf deutlich gestiegen. Bei den Gewinnerwartungen hat die Aufholjagd also bereits begonnen – die Aktienkurse könnten bald folgen.
Nicht zu vergessen, dass europäische Unternehmen in einigen Bereichen weltweit führend sind. Dies gilt beispielsweise für die Ausrüstung von Chipfabriken, bei grünen Technologien oder der Automatisierung und Digitalisierung von Produktionsprozessen. Genau diese globalen Champions sind es, mit denen Anleger von den beschriebenen günstigen Aussichten für europäische Wachstumswerte besonders profitieren können.
Globale Champions besonders attraktiv
Bei unserer Aktienauswahl suchen wir nach denjenigen europäischen Weltstars, die dreifach mit Wachstum punkten: Erstens muss der Gewinn pro Aktie steigen, denn je stärker der Gewinn pro Aktie wächst, desto kräftiger steigt in der Regel über die Jahre der Aktienkurs. Zweitens muss sich die Gewinnmarge über die Jahre ausweiten.
Sie ist ein eindrucksvoller Beweis für die Preissetzungsmacht von Unternehmen. Und drittens sollte die Dividende stetig steigen oder es sollte ein Aktienrückkaufprogramm geben, das im Zeitverlauf immer üppiger ausfällt. Gewinnwachstum, Margenwachstum und Dividendenwachstum sind aus unserer Sicht für Anleger eine echte Siegerkombination im Wachstumssegment der Börse.
Zudem sollten Anleger auf „Qualität“, definiert durch Eigenkapitalrentabilität, Gewinnstabilität und niedrige Verschuldung achten. Die ersten beiden Faktoren zeugen von guter Unternehmensführung und effizientem Kapitaleinsatz, wohingegen der dritte Faktor zeigt, dass ein Unternehmen finanziell stabil ist. Wir sind überzeugt: Qualität setzt sich langfristig durch, in guten wie in schlechten Börsenzeiten.
Ferrari, Spotify und Essilor Luxottica als Paradebeispiele
Drei typische Beispiele für globale Champions aus Europa:
- Ferrari ist eine Ikone im Automobilsektor, was zu einer starken Preissetzungsmacht und im Konsumsektor einzigartigen Konjunktur-Resilienz führt.
- Spotify ist der unangefochtene Marktführer im Musik- beziehungsweise Podcast-Streaming und baut seine Marktmacht zum Beispiel durch Investitionen ins Hörbuch-Geschäft kontinuierlich aus.
- Essilor Luxottica ist der weltgrößte Hersteller von Brillengläsern und -gestellen. Überdurchschnittliches Wachstum generiert der Konzern durch technologische Innovationen im Bereich Smart Glasses (Ray-Ban Meta) oder mit der Integration von Hörgeräten in Brillen.
Es gibt also viele gute Gründe dafür, europäische Wachstumsaktien gerade jetzt genauer in den Blick zu nehmen. Günstige Bewertungen, ein negatives Sentiment und eine sich verbessernde Wirtschaftslage lassen eine Erholung erwarten. Wer auf globale Champions setzt, die qualitativ überzeugen, kann von dieser aufkommenden Dynamik besonders profitieren.
Über den Autor:
Marco Scherer ist Portfoliomanager für europäische Wachstumsstrategien bei Metzler Asset Management.

