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Europäischer Aktienmarkt: „Meide den Süden, kaufe den Norden“

Russ Koesterich, Managing Director, iShares Chief Investment Strategist
Russ Koesterich, Managing Director, iShares Chief Investment Strategist
Zusammenfassung eines Artikels von Russ Koesterich, Managing Director, iShares Chief Investment Strategist

Europa ist heute mit den Folgen seiner ersten Schritte hin zu einer engeren Gemeinschaft konfrontiert, die vor mehr als 60 Jahren stattgefunden haben. Das Handeln der Europäischen Zentralbank (EZB) – wie das jüngste Ankaufprogramm (OMT) – mag zwar die zentralen Risiken entschärft haben. Die zugrundeliegenden Strukturprobleme sind damit aber nicht gelöst.

Für Europas Politiker verbleibt daher viel Arbeit: Sie müssen die strukturellen Ungleichgewichte angehen. Doch können sie schnell genug handeln?

Die Probleme haben zwei Ursprünge: das unfertige Wesen des Projekts „Europa“ sowie die strukturellen Verkrustungen, die ein europäisches Wachstum behindern. Wir sehen insbesondere drei Reformbereiche. Erstens müsste die Währungsunion durch eine Form der „Fiskalunion“ ergänzt werden. Zweitens sorgt das fragmentierte europäische Bankensystem dafür, dass seine Institute eine Achillesferse bleiben. Um dieses Problem anzugehen, bedarf es unter anderem eines realistischen Plans zur Rekapitalisierung, zudem sollten sich die Banken in ihrer Regulierung angleichen.

Angenommen, die Europäische Union schafft die Schritte hin zu einer stärkeren fiskalischen und bankbezogenen Integration, dann verbleibt – drittens – eine weitere Hürde: das Wachstum. Auf lange Sicht gesehen muss Europa schneller wachsen. Dafür müssten unter anderem die südlichen Länder Europas ihre starren Strukturen in den Arbeitsmärkten angehen, die das Wachstum bereits für mehr als zehn Jahre behindert haben.

Unterm Strich steht jedoch eine gute Nachricht: Alles in allem ist Europa solvent. Während es bereits ökonomische Lösungen gibt, vollzieht sich der politische Wandel langsamer.

Deutsche Aktien sind unterbewertet

In den letzten Wochen war bei europäischen Aktien eine deutliche Nachfrage zu beobachten – Anleger rechneten wieder mit steigenden Kursen. Obwohl unsere Portfolien im Sektor Europäische Aktien in der jetzigen Situation grundsätzlich untergewichtet bleiben, würden wir Aktien aus den stabileren, nordeuropäischen Ländern zum Kauf empfehlen (siehe auch Tabelle).

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Besonders Aktien aus Deutschland, Niederlande und Norwegen, erscheinen uns im Vergleich zu den Fundamentaldaten unterbewertet.

Nur wenige europäische Länder haben besonders gute Wachstumsaussichten. Die einzigen wirklichen Ausnahmen, die sich bisher um die schlimmsten Auswirkungen der europäischen Rezession manövrieren konnten, sind Schweden und Norwegen.

Für alle anderen Länder stellen sich die Fragen: Wie schlecht ist der Ausblick und in welchem Maße spiegelt sich dies bereits in den Preisen wider?

Hier bietet Deutschland ein anschauliches Beispiel: Während wir davon ausgehen, dass das deutsche Wachstum weiter zurückgehen wird, scheint diese Annahme bereits in Gänze in die deutschen Aktien eingepreist zu sein. Zwar signalisieren Deutschlands wirtschaftliche Kennzahlen noch keine ernsthafte Rezession – die Preise für deutsche Aktien hingegen schon. Die Papiere werden deutlich unterhalb ihrer historischen Bewertungen gehandelt.

Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Euro erhalten bleibt – vorausgesetzt, der lange Übergang zur Fiskalunion gelingt. Daher empfehlen wir Aktien aus dem stabileren Nordeuropa, besonders aus Deutschland.

Spanien oder Italien empfehlen wir eher unterzugewichten – diese Aktien sind nicht ohne Grund günstig bewertet.

Unter folgendem Link finden Sie den kompletten Artikel: Europe at a Crossroads: The Outlook and Opportunities (November 2012)
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