Europäischer Rentenmarkt: Das große Zweifeln

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16 Minuten spricht Jean-Claude Trichet. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) redet über die schönen Seiten der Eurozone, über die niedrige Inflation, das stärkere Wirtschaftswachstum, die kaum gewachsene Geldmenge, den Leitzins. Dann sind die 16 Minuten um, die Journalisten dürfen fragen. Und damit ändert sich die Themenlage sofort. Wie lange die EZB noch die Anleihen problematischer Euroländer kaufen will, wollen sie an jenem 2. Dezember wissen. Und warum die Märkte trotz Stützungskäufen noch immer so labil sind. Und wie er es bewertet, dass sein amerikanischer Kollege Ben Bernanke neuerdings hemmungslos US-Anleihen aufkauft, um die Schulden seines Landes zu finanzieren. Klare Antworten gibt Trichet kaum.

Seit sich Ende 2009 mit Griechenland das erste Land aus der Eurozone als überschuldet gemeldet hat, hat sich der Markt für Staatsanleihen verändert. Länder mit schwachen Finanzen und hohem Schuldenberg müssen höhere Zinsen für ihre Kredite zahlen als vergleichsweise solide Staaten. So bringt eine zehnjährige Griechenland-Anleihe derzeit eine Rendite von 11,9 Prozent, ein Papier aus Deutschland dagegen unter 3 Prozent. Vor der Krise lagen beide Länder nur wenige Zehntelprozentpunkte auseinander, wie übrigens die gesamte Eurozone. Schon bald erfanden Analysten für die Problemzone die Abkürzung PIIGS – Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Um einen weiteren Kursrutsch von deren Anleihen zu verhindern – und damit einen weiteren Renditeanstieg –, kauft die EZB seit Mai Anleihen am Markt. Bisher für 72,5 Milliarden Euro. Und ginge es nach Investoren, würde es noch viel mehr werden. Denn sie wollen ihre Risikopapiere gern loswerden. Doch darauf will sich Trichet nicht einlassen. „Ich kommentiere niemals das aktuelle Marktverhalten“, sagt er nur. Das Ankaufprogramm werde weitergehen, aber nicht ausgeweitet.

Knackpunkt Spanien

Das ist nicht das, was der Markt hören will. Dort spielen Anleiheinvestoren das Spiel „... und raus bist du“. Gestern Griechenland und Irland. Jetzt vielleicht Portugal, Spanien und Italien. Sogar Belgien ist schon als Problem im Gespräch. Der Markt besteht aus Angst und Zweifeln. Das kann auch der Rettungsschirm nicht ändern – jene Bürgschaft, die die Eurozone, die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds (IWF) gegenüber Gläubigern abgegeben haben. Für bis zu 750 Milliarden Euro stehen sie im Notfall gerade. Für Griechenland, Irland und Portugal mit ihren insgesamt knapp 600 Milliarden Euro Schulden reicht das. Aber was, wenn auch Spanien mit seinen 667 Milliarden Euro fällt? Als der Rettungsschirm im Mai entstand, beruhigte das die Märkte zunächst. Inzwischen reicht das aber nicht mehr.

„Es gibt eine unterschwellige Angst vor einer weiteren Krisenwelle“, sagt Jochen Intelmann. Diese Angst sei zwar durchaus begründet, so der Chef-Volkswirt der Hamburger Sparkasse, aber ein Extremfall wie die Auflösung des Euro sei äußerst unwahrscheinlich. Auch Oliver Postler ist misstrauisch. „Die Marktteilnehmer sind nicht umsonst so skeptisch“, sagt der Investment-Chef des Private Banking bei der Hypovereinsbank. Einerseits sei das Schuldenproblem so schnell nicht in den Griff zu bekommen. Andererseits zweifele der Markt daran, dass die Sparmaßnahmen der Regierungen nachhaltig so umsetzbar sind.

Der Markt will, dass die Politik endlich eine einheitliche Linie findet. Der Wille wird zumindest darin deutlich, dass sich die EU Mitte Dezember überraschend auf einen Krisenmechanismus für die Zeit nach dem Rettungsschirm geeinigt hat. Wie sich professionelle Anleger derzeit am Euro-Rentenmarkt verhalten, fand DAS INVESTMENT.com im Gespräch mit Experten heraus, die die Vermögen deutscher Stiftungen und wohlhabender Privatkunden verwalten.

In einem Punkt sind sich die Befragten schon mal einig: Die Eurozone wird nicht zerbrechen. Denn träte ein schwaches Land aus dem Euro aus, würde seine neue Währung rapide abwerten. Da die Schulden in Euro bestehen, würden sie automatisch zunehmen. Tritt dagegen ein starkes Land wie Deutschland aus, würde die neue D-Mark extrem aufwerten. Das würde die Exportwaren im Ausland verteuern. Das Jobwunder wäre vorbei. Ein Aus des Euro würde kaum Gewinner bringen, so die Experten einhellig. Der Kampf geht weiter.

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