Pierre Ciret, Edmond de Rothschild Asset Management

Pierre Ciret, Edmond de Rothschild Asset Management

Europas Unternehmen finanzieren sich amerikanischer

//
Seit Beginn der Finanzkrise bemühen sich europäische Unternehmen, ihre Finanzierung neu zu strukturieren. So stammten früher etwa zwei Drittel der Fremdfinanzierung von Banken, und nur ein Drittel wurde auf dem Kapitalmarkt aufgenommen. In den USA ist das Verhältnis traditionell genau umgekehrt – und dem nähern sich auch immer mehr europäische Unternehmen an. Grund: Die Spannungen an den Finanzmärkten haben den Bankensektor in eine schwierige Lage manövriert. Aufgrund gestiegener Finanzierungskosten, der erforderlichen Stabilisierung ihres Eigenkapitals sowie der Häufung fauler Kredite in den Bilanzen mussten die Bankvorstände ihre Engagements und Risiken zurückfahren. Die daraus resultierende restriktivere Kreditvergabe hat europäische Unternehmen gezwungen, ihren Finanzierungsmix anzupassen. In den ersten sechs Monaten von 2011 übertraf die Summe der emittierten Unternehmensanleihen die Aufnahme von Bankkrediten und machte 52 Prozent der neuen Finanzierungen aus. Das Volumen der diesjährigen Emissionen (24,5 Milliarden Euro von Januar bis August) lässt darauf schließen, dass sich diese Entwicklung verstärkt hat.

Es ist nicht allein das finanzielle, sondern auch das regulatorische Umfeld, das den Banken zu schaffen macht. Die Basel-III-Vorschriften werden das Bankgeschäft deutlich erschweren. Infolgedessen werden die Kreditvergabemöglichkeiten der Banken bei gleichem Eigenkapital sinken.

Die Unsicherheit bezüglich der bankseitigen Finanzierung führte auf Unternehmensseite zunächst dazu, dass die Verschuldung zurückgeführt und die Cashflows verbessert wurden. Wer konnte, wandte sich darüber hinaus den Kapitalmärkten zu. Verstärkt wurde diese Entwicklung noch dadurch, dass viele Anleiheemissionen in den letzten zwei Jahren überzeichnet waren. Der Kapitalmarkt ist nicht nur wegen der niedrigen Zinsen attraktiv, sondern auch sehr flexibel aufgrund der vielen Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich Laufzeit und dem Rechtscharakter der Anleihen.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Finanzierung am Kapitalmarkt immer einfacher ist als die Beziehung zu einer Bank. Auch der Kapitalmarkt birgt Risiken. Die Märkte können sich irrational entwickeln und durch ihre Schwankungen Unruhe in ein Unternehmen und seine Finanzierungsstrategie bringen. Grundsätzlich muss auch das Finanzierungsinstrument zum Zweck passen: je nachdem, ob Betriebskapital oder aber langfristige Investitionen finanziert werden sollen. Banken werden also auch bei jenen Unternehmen in Zukunft eine Rolle spielen, die sich am Kapitalmarkt finanzieren können. Schließlich hat die Bankfinanzierung durchaus Vorteile: Die Analysemethoden der Banken sind bekannt, und sie bieten eine gewisse Kontinuität. Dennoch werden Unternehmen ihre Finanzierung am Kapitalmarkt in Zukunft weiter ausbauen.

Die Annäherung an das amerikanische Modell der Unternehmensfinanzierung ist noch nicht abgeschlossen. Durch die Krise sind europäische Unternehmen sensibler in Bezug auf ihre Finanzierungsquellen geworden. Sie legen Wert auf eine möglichst hohe Flexibilität und wollen ihre Abhängigkeit von den Banken reduzieren.

Mehr zum Thema
Ende der Immobilienkrise?
Bankensektor vier Jahre nach Lehman: Sackgasse oder Wiedergeburt?
Revolution rollt am Energiemarkt
nach oben