Jennifer James (Gastautorin)Lesedauer: 4 Minuten

Schwellenländerexpertin ordnet ein „Evergrande allein macht keine Krise“

Fußgänger am Evergrande City Square in Peking
Fußgänger am Evergrande City Square in Peking: Die strauchelnde Immobilienfirma muss nicht zwangsläufig eine Finanzkrise auslösen. | Foto: Imago Images / Zuma Wire

Es ist unwahrscheinlich, dass Evergrande allein eine Finanzkrise auslösen wird. Die chinesische Regierung informierte die Banken vergangene Woche darüber, dass das Unternehmen in dieser Woche keine Zinsen zahlen wird. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Regierung Maßnahmen ergreift, um die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft einzudämmen.

Obwohl viele Banken Geschäftsbeziehungen zu China unterhalten, ist nur die Minsheng Bank in nennenswertem Umfang betroffen. 10,6 Prozent des gesamten Kreditportfolios entfallen auf Evergrande. Nichtsdestotrotz sind die NPLs (Non Performing Loans = notleidende Kredite) für chinesische Banken immer noch gering und liegen je nach Bank zwischen 1 bis 2 Prozent, und die NPL-Deckung ist hoch.

Sollte sich die Regierung jedoch dafür entscheiden, keine Maßnahmen für eine weiche Landung von Evergrande zu ergreifen – zum Beispiel wenn sie nicht sicherstellt, dass die geschätzten 1,6 Millionen bezahlten aber noch nicht gebauten Wohnungen fertig gestellt werden – dann könnte es zu einer Krise kommen. Diese äußert sich in der Regel in einem Vertrauensverlust, der einen sogenannten „Run auf die Bank“ auslöst – die Kunden fordern ihr Geld gleichzeitig zurück, wodurch ein Teufelskreis entsteht. Die Regierung wird jedoch versuchen, eine Massenhysterie zu vermeiden und die Verbraucher vorher zu beruhigen.

Die Krise begann sich bereits vor einem Jahr abzuzeichnen, als die „drei rote Linien“ informell eingeführt wurden und sich herausstellte, dass Evergrande alle drei – und weitere – verletzt hatte. Dadurch geriet das Unternehmen unter Druck, Schulden abzubauen. Gleichzeitig hat China eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um das Ziel des „gemeinsamen Wohlstands“ zu erreichen, d.h. die Mittelschicht zu Lasten der Superreichen und zu Gunsten der Unterschicht zu vergrößern. Der Immobiliensektor wurde in diesen Prozess verwickelt: Es wurden neue Maßnahmen eingeführt, um die Preisinflation zu bremsen, das Wachstum der Bautätigkeit zu verlangsamen und sicherzustellen, dass die Bauunternehmen über solide Bilanzen verfügen.

In diesem Zusammenhang wurde eine Reihe breit angelegter und tiefgreifender Veränderungen eingeführt, die Chinas Privatsektor umgestalten könnten – angefangen bei der Technologiebranche, aber auch bei anderen Sektoren wie Bildung, Immobilien, Gesundheitswesen und jetzt auch Glücksspiel (in Macau). Diese Veränderungen sind mit Risiken und Verlusten verbunden. China ist jedoch aufgrund seiner Top-down-Entscheidungen in einer einzigartigen Position, um politische Änderungen schnell vorzunehmen und zu korrigieren.

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