Adam Riese, das digitale Tochterunternehmen der Wüstenrot & Württembergische, hat seinen Privathaftpflichttarif komplett neu aufgestellt, und möchte damit in der ersten Liga der Produktlandschaft mitspielen. Auf dem größten Vergleichsportal ist der Anbieter als „Premium non plus ultra“ gelistet, mit Bestnote. Grund genug, sich das überarbeitete Produkt genauer anzusehen.
Unübersichtliches Produktangebot
Denn direkt zu Beginn gibt es die erste Hürde: Welcher Tarif ist überhaupt neu, und welcher wurde da ausgezeichnet? Der Maklertarif liegt in der vierten Version vor. Der Online-Tarif (L bis XXL) ist weiterhin der alte und nach wie vor extrem verbesserungswürdig. In einer früheren Version des Beitrags habe ich den Online-Tarif bewertet. Doch jetzt soll es um das eigentliche Produkt-Update gehen.
Spannend: Große „Online-Makler“ vermitteln und bewerten gar nicht den Maklertarif, sondern den alten Online-Tarif. Das sorgt für ordentlich Verwirrung. Daher vielleicht die wichtigste Information: Wer zwischen beiden Produktlinien wählen kann, hat außer „billiger“ keinen Grund, nicht den deutlich besseren neuen Maklertarif zu wählen. Im Wettbewerb kann das entscheidend sein, da der Online-Tarif häufig verkauft wird.
Maklertarif mit einfacherer Struktur
Gerade im Vergleich zum Online-Produkt macht der neue Tarif eine ganze Menge besser. Die Preisstruktur wurde entschlackt. Statt wilder Preisspreizung (online von unter zehn bis deutlich über 120 Euro) gibt es jetzt eine klare Struktur. Eine Selbstbeteiligungsvariante (150 Euro für minus 10 Prozent beim Beitrag), nur zwei Tariflinien: „Besser“ und „Riesig“, wobei es mit einem kleinen „Plus“-Baustein wieder drei sind. Dazu 5 Prozent Rabatt bei Dreijahresverträgen.
Leider gibt es immer noch vier verschiedene „Personenkreise“: Single und Paar, jeweils mit und ohne Kind(er). Es sind zwar bis zu zwei Vorschäden möglich, aber nicht erwünscht, da sich der Beitrag auf exorbitante 200 Euro erhöhen kann. Online wird nach Alter und Postleitzahl differenziert. Hier zum Glück nicht. Zwar fragt das System diese Daten weiterhin ab, jedoch nur noch „für statistische Zwecke“. Das klingt wie ein Relikt, das hoffentlich bald verschwindet.
Wesentliche Unterschiede bei den Tarifvarianten
Der Tarif richtet sich ausschließlich an den Maklermarkt – mit entsprechend höheren Ansprüchen. Ein ganz gutes Produkt reicht hier nicht. Niemand braucht die zehntbeste Privathaftpflichtversicherung. Deshalb ist der „Besser“-Tarif schlicht überflüssig. Bei nur rund 10 Prozent Beitragsunterschied müssen Vermittler und Kunden aus meiner Sicht immer „Riesig“ wählen, denn die Unterschiede sind gravierend.
- Die Deckungssumme steigt im höherwertigen Tarif von 20 auf 50 Millionen Euro
- Das Sublimit für Kinder und Enkel liegt statt bei 200.000 bei 50 Millionen Euro
- Nur im „Riesig“-Tarif ist ein Opferschutz mit inkludierter Rechtsschutzkomponente dabei
- Die Bestleistungsgarantie, vielleicht der wichtigste Baustein einer modernen Privathaftpflicht, ist nur im Tarif „Riesig“ enthalten
Viele Leistungserweiterungen
Laut Adam Riese stehen beim neuen Produkt Mehrleistungen aus den Bereichen New Work, Nachhaltigkeit und Mobilität im Vordergrund. Insgesamt sind die Neuerungen eine Mischung aus echten Verbesserungen, Selbstverständlichkeiten und eher kosmetischen Deckungen. Insbesondere, da einige der knapp 20 Leistungserweiterungen auf den kostenpflichtigen Zusatzbaustein „Plus“ entfallen.
Es gibt keine Einschränkungen mehr bei wilden Kleintieren (zum Beispiel nach Größe und Gewicht). Ein Wiedereinfangen ist jetzt immerhin bis 10.000 Euro versichert. Viele Sublimits sind auf solidem Premium-Niveau angekommen. So wurde zum Beispiel die Ausfalldeckung bei Vorsatz auf eine Million Euro verdoppelt, die Internetschäden nicht auf Europa begrenzt, Segelboote dürfen übliche 25 statt 20 Quadratmeter Segelfläche haben und Motorboote 15 statt 5 PS.
Positiv ist auch die Anhebung der Sublimits für Betankungsschäden auf 100.000 Euro. Damit dürften die meisten Schäden abgedeckt sein. Das gilt auch für die namentliche Aufnahme der Deckung für Balkonkraftwerke, Kleinkläranlagen sowie diverser weiterer Haustechnik.
Weniger Ausschlüsse bei Best-Leistungs-Garantie
Im Tarif „Riesig“ wurde die Best-Leistungs-Garantie verbessert – statt neun gibt es nur noch sieben Ausschlüsse. Der schlimmste, nämlich pauschal alle Auslandsschäden, wurde gestrichen. Das ist sehr gut. Geblieben sind Ausschlüsse bei Fahrzeugen und Asbest. Außerdem gilt die Garantie nur bei öffentlich zugänglichen Bedingungen (also keine Pool- oder Rahmenverträge) und erfordert Nachweise durch den Kunden. Das ist für Laien kaum machbar.
Welche Schwächen das Produkt hat
Bei einigen neuen Leistungen, beispielsweise für Unfälle mit Car-Sharing-Fahrzeugen, Reparaturkosten bei Sachschäden oder dem Schutz im Home-Office sind die Deckungshöhen vergleichsweise gering und die Definitionen aus Versichertensicht eng gefasst.
Der Forderungsausfall ist immer noch faktisch auf Europa beschränkt, da ein Urteil dortiger Gerichte Voraussetzung ist. Zudem verstecken sich trotz klarer Produktinfos im Kleingedruckten immer noch Stolperfallen: Handwerkliche Nebentätigkeiten (außer Kunsthandwerk) sind nicht versichert. Wobei die dort wichtigen Tätigkeitsschäden ohnehin raus sind. Auch Nebengewerbe mit eigener Adresse oder Räumen sind ausgeschlossen. Da fallen der Kiosk oder der Onlineshop weg. Zusätzlich sind einige beratende und medizinische Berufe außen vor.
Chemikaliengebinde sind nur bis 150 Liter (üblich: 200) und bei Schlüsselverlust der Folgeschaden nur bis 5.000 Euro abgesichert. Risiken aus Geothermie-Bohrungen sind ausgeschlossen. Es gibt außerdem weiter einige Evergreens der Ausschlüsse. Dazu zählen Gentechnik, Übertragung von Krankheiten, Elementarschäden sowie Krieg und Kernwaffen.
Untragbar ist, dass das Ehrenamt ausgeschlossen bleibt, zumindest, wenn es sich um eine „verantwortliche Tätigkeit in Vereinigungen“ handelt. Das geht in einer modernen Premium-Police nach meiner Auffassung schlicht nicht.
Was kann der „Plus“-Baustein?
Der optionale Baustein enthält fünf nette Extras: Glasschäden, interne Schäden, gemietete E-Scooter, Differenzdeckung bei Zeitwert-Leistung fremder PHVs (hoch auf den Neuwert). Dies gibt es jedoch alles mit Einschränkungen (Laufzeit, Höchstgrenzen, Selbstbehalte). Es empfiehlt sich den Baustein immer mitzuverkaufen, um Diskussionen zu vermeiden, auch wenn es den Beitrag um circa zehn Euro erhöht.
Mein Fazit
Adam Riese liefert eine lange Liste an Besonderheiten. Am Ende bleibt ein leistungsstarker Tarif, der im Gegensatz zu anderen Produkten des Hauses im Premium-Segment angekommen ist, aber tief im Kleingedruckten eben noch nicht durchgehend auf Spitzenniveau ist. Der Anbieter ist aber auf einem guten Weg mit Vereinfachung, Verbesserung und klarerer Struktur.
Ich hoffe auf noch mutigere Schritte beim nächsten Update. Das größte Problem liegt nicht im Bedingungswerk, sondern darin, dass große Online-Anbieter den viel schlechteren Online-Tarif als „Testsieger“ anpreisen. Das ist für mich völlig unverständlich und brandgefährlich.
Über den Autor:
Florian D. Schulz ist seit 1999 in der Finanzbranche. Er ist unter anderem Inhaber von Finanzmakler F. Schulz & Team. Mit seinen Mitarbeitern hat er sich früh auf Gewerbe, Industrie & Verbände spezialisiert. Als Experte für Gruppen- und Rahmenverträge ist die Privathaftpflicht im Belegschaftsgeschäft eine wichtige Sparte. Schulz engagiert sich in diversen Vermittlerverbänden, arbeitet als Trainer und Dozent für Fach- und Betriebswirte und auf Firmenveranstaltungen. Er betreibt den privaten Podcast „#FragFinanzFlorian“.
