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Michele Patri, Portfoliomanager für European Flexible Equities bei AB

Michele Patri, Portfoliomanager für European Flexible Equities bei AB

Expertenkommentar AB

Euphorie und Wirklichkeit bei europäischen Aktien

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In den USA, in Großbritannien und in Japan ist es überall zu einer drastischen Rallye an den Aktienmärkten gekommen, als dort jeweils quantitative Lockerungsprogramme aufgelegt wurden. Genau dasselbe passiert nun in der Eurozone. Der Stoxx 600 Index ist seit Anfang des Jahres in Euro um mehr als 15% gestiegen, seit die Europäische Zentralbank (EZB) an ihre Art der quantitativen Lockerung heranführt.

Doch ist das nachhaltig? In Anbetracht des mageren Wachstums der Eurozone, ihrer Deflationstendenzen und ihrer Anfälligkeit gegenüber immer wieder auftretenden politischen und wirtschaftlichen Krisen müssen Anleger auf der Hut sein. Nach unserer Einschätzung bestehen durchaus Gründe für (vorsichtigen) Optimismus über die langfristigen Aussichten bei ausgewählten Aktien aus der Eurozone. Wenn man allerdings das Tempo und den Umfang des jüngsten Rebounds betrachtet, so scheint es klug, eine strategische Position mit kurzfristigen taktischen Verteidigungsmechanismen zu verbinden.

Billigeres Öl, lockeres Geld und ein schwächerer Euro

Die EZB greift zur quantitativen Lockerung, um die Deflation zu bekämpfen und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Die regionale Wachstumsdynamik bessert sich (Abbildung) und die übergeordneten politischen und makroökonomischen Risiken nehmen ab, weil Politiker sich klar dazu bekannt haben, das Überleben der europäischen Währungsunion zu sichern.

Darüber hinaus scheinen europäische Unternehmen von der gesunden Konvergenz von mehreren günstigen zyklischen Einflüssen in den kommenden Monaten profitieren zu können. Der Ölpreis ist derzeit in Euro um etwa 30% niedriger als er im ersten Halbjahr 2014 durchschnittlich war. Dies ist ein Segen für viele Unternehmen in der Eurozone, deren Gewinnmargen angesichts sinkender Kosten steigen dürften. Die wesentlichen Nutznießer sind nicht nur Unternehmen in der Verkehrswirtschaft, sondern auch andere Sektoren mit hohem Energieverbrauch wie z. B. die Stahlindustrie und Lebensmittelhersteller. Gleichzeitig könnten Unternehmen des Konsumsektors eine stärkere Nachfrage nach ihren Waren und Dienstleistungen erleben, weil die Verbraucher wegen des billigeren Öls mehr Geld in der Tasche haben.

Die Bereitstellung von billigem Geld durch die EZB im Rahmen ihres QE-Programms ist ein weiterer bedeutender positiver Faktor. Hierdurch sollten Unternehmen in der Eurozone sehr günstig bei Banken oder direkt an den Kapitalmärkten Geld aufnehmen können. Des Weiteren schwächt die QE den Euro als Währung (Abbildung). Das sorgt für eine höhere preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Exporten aus der Eurozone auf den globalen Märkten. Gleichzeitig steigt der Wert von in Übersee erzielten Umsatzerlösen bei der Rückrechnung in Euro. Dies ist von wesentlicher Bedeutung, weil Exporte einen großen Anteil (etwa 44%) am BIP in der Eurozone haben, mehr als in den USA oder in Japan. Ein schwächerer Euro hilft zudem auch auf den Binnenmarkt ausgerichteten Unternehmen, da ihre Preise durch die teurer werdenden Importe zunehmend an Attraktivität gewinnen.

Es gibt folglich eine große Zahl von positiven Faktoren, die allmählich durchschlagen. Die Frage lautet aber, ob diese Faktoren bereits heute so voll in die Aktien aus der Eurozone eingepreist werden sollten. In Teilen des Marktes herrschen ziemlich angespannte Bewertungen, wenn man berücksichtigt, dass die Gewinne gemessen an historischen Standards nach wie vor eher schwach sind. Bei einigen zyklischen Aktien sind zwar die Gewinne sprunghaft gestiegen, doch das scheint weitgehend auf Kursgewinne zurückzuführen zu sein und nicht auf einen großen Nachfrageaufschwung.

Ist Vorsicht besser als Nachsicht?

Aktien aus der Eurozone sind vielleicht nicht mehr billig. Im Vergleich zu regionalen Staatsanleihen, deren Renditen immer mehr gegen null oder ins Negative tendieren, halten wir sie aber nach wie vor für recht attraktiv. In diesem Umfeld lohnt sich eine Teilhabe an den europäischen Aktienmärkten – selbst wenn kurzfristige Volatilität wahrscheinlich ist. Doch es ist auch vernünftig, Strategien anzuwenden, mit denen potenzielle Rückgänge an den Aktienmärkten minimiert werden sollen – vor allem wenn man bedenkt, in welchem Umfang regionale Aktien bereits zukünftige Gewinnsteigerung einzupreisen scheinen.

Welche Art von Strategien könnte demnach einen guten Schutz vor potenziellen bösen Überraschungen an den Aktienmärkten bieten? Ein Ansatz könnte darin bestehen, das Engagement in zyklischen Werten, die von besseren konjunkturellen Bedingungen profitieren dürften, durch defensivere Aktien auszugleichen, deren Gewinne auch in schwierigen Zeiten Bestand haben. Diese Art der Balance lässt sich aber gerade jetzt schwer bewerkstelligen, weil die starke Nachfrage der Anleger nach Aktien mit attraktiven freien Cashflow- und Dividendenrenditen dafür gesorgt hat, dass die Bewertungen von vielen „anleihenähnlichen“ Aktien von hoher Qualität in traditionell defensiven Sektoren so eindrucksvoll aussehen.

Stattdessen sollte ein differenzierterer Ansatz herangezogen werden, der auf eine Vielzahl verschiedener Anlagethemen und Treiber setzt. In Kombination mit Overlays als Beta-Absicherung können Anleger Schutz vor potenziellen Schäden bei sinkenden Aktienmärkten genießen und gleichzeitig an der Euphorie teilhaben, solange sie andauert.

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