EZB-Chef

Spiegelfechten mit Draghi

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Ein Mann spaltet die Finanzwelt. Die einen halten Mario Draghi, den Chef der Europäischen Zentralbank, für mutig und umsichtig und gut. Die anderen halten ihn für einen Zerstörer, der marode Banken und Staaten über billiges Geld am Leben hält.

Seine Macht demonstriert „Mario, der Zauberer“ („FAZ“), als er am 5. Juni den Leitzins für die Eurozone auf 0,15 Prozent senkt – so tief lag er noch nie. Zudem müssen Banken künftig einen Strafzins von 0,1 Prozent zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Sie sollen das Geld an Unternehmen und Privatleute als Kredite rausgeben und damit Wirtschaft und Inflation wieder auf die Beine helfen. Die Märkte jubeln, der Dax springt über 10.000 Punkte.

Doch so hübsch das alles aussieht, es ist überflüssig. Denn merkwürdig sind zwei Dinge: Einerseits sinken die Bankguthaben bei der EZB schon seit Jahren auf nunmehr kaum zu erwähnende 17 Milliarden Euro (Grafik). Andererseits mehren sich Zweifel an der These, dass die sinkenden Kreditvolumen ausschließlich auf knauserige Banken zurückzuführen sind.



So zeigen die amerikanischen Universitätsprofessoren Atif Milan und Amir Sufi in ihrem Buch „House of Debt“, dass die Kreditklemme in ihrem Heimatland seit 2009 nur bedingt eine war. Vielmehr wollen viele Menschen und Unternehmen gar keine Kredite haben und lieber ihre Schulden abzahlen.

Ist das in Europa ähnlich? Nur zum Teil. Durch explodierende Arbeitslosigkeit und zentrale Sparmaßnahmen sinkt in vielen Ländern die Kaufkraft. Warum sollte nun ein italienischer Mittelständler einen Kredit aufnehmen, um sein Geschäft auszuweiten, wenn er gar nichts zum Investieren hat?

Warum sollte ein arbeitsloser Spanier eine neue Schrankwand auf Pump kaufen, wenn er den Kredit doch gar nicht bedienen kann? Berichte aus Spanien und Italien zeigen in der Tat, dass inzwischen der Großteil aller gewünschten Kredite nicht für Investitionen gedacht ist, sondern das Überleben von Firmen sichern soll.

Und hier knausern Banken, weil sie die sinkenden Umsätze der Unternehmen und damit hohe Risiken sehen. Damit wird klar, warum Banken ihr Geld seit Jahren vom EZB-Konto abziehen und in Staatsanleihen stecken.

Das hat Draghi geschafft: Durch seinen Satz, er werde alles tun, um den Euro zu retten, sprach er vor zwei Jahren eine indirekte Garantie für Staatsanleihen aus. Banken und Fonds griffen zu. Seitdem sinken die EZB-Guthaben. Ein Blick in die Berichte zeigt, womit Rentenfonds 2013 Gewinne machten: Staatsanleihen aus Krisenländern.

Das ist sicherlich schön für Investoren und erklärt manche Lobeshymne auf Draghi. Doch vielen reicht das nicht. Sie verlangen, dass die EZB verbriefte Kredite (ABS) und Staatsanleihen aufkauft, damit Banken ihre Bücher wieder leeren können.

Die EZB bekämpft das einzig Gute

Das alles kann auf längere Sicht die Eurozone gefährden. Denn nun können sich Italien und Co wieder günstig finanzieren und wichtige Reformen auf die lange Bank schieben. Spanien will jetzt schon Wahlgeschenke verteilen. „Der Moment ist gekommen, die Steuern für alle zu senken“, sagte etwa Finanzminister Cristóbal Montoro. Angesichts eines geschätzten Staatsminus von 5,9 Prozent für 2014 weiß er offensichtlich mehr als andere.

Zwar haben die Krisenländer Erfolge vorzuweisen, die Arbeitsmärkte haben sich stabilisiert, die Wirtschaft schrumpft langsamer oder gar nicht mehr. Doch die Probleme sind noch lange nicht gelöst, die Staatsschulden steigen weiter. Und nun fällt auch noch der Reformdruck weg, den die explodierenden Anleihezinsen vor ein paar Jahren erzeugt haben.

Das einzig Gute derzeit – nämlich die sinkenden Preise in Krisenländern – will die EZB jetzt auch noch bekämpfen. Dabei gehört Deflation zu einer Rezession dazu und ist nötig, damit die Länder wieder international konkurrenzfähig werden. Die Wirtschafts- und Preisblase lässt gerade Luft ab, und die EZB will sie mit Gewalt wieder aufpusten. Das geht schief. Viele Volkswirte reagieren deshalb verschnupft auf Draghis Maßnahmen und halten sie für mindestens überflüssig.

„Wir halten gegen jede ökonomische Logik marode, klinisch tote Geldinstitute über Wasser“, sagte Walter Krämer zur „Wirtschaftswoche“. Der Statistik-Professor von der TU Dortmund hält die Geldpolitik für ein Schmerzmittel, das die Euro-Krankheit nicht heilen kann. Im Gegenteil: „Die betäubte Krankheit bricht später umso heftiger wieder aus.“

Fünf Ex von Goldman Sachs

Böse Zungen behaupten, EZB-Chef Mario Draghi sei durch seine Zeit bei Goldman Sachs der Bankenbranche zugetan. In der Tat war er von 2004 bis 2005 Managing Director und Vizepräsident in London. Er ist nicht der einzige Ex-Goldman an den Schaltknüppeln der Macht.

Nur ein paar Beispiele: Ex-US-Finanzminister Henry Paulson saß als Chief Executive Officer in Goldmans Chefetage. Italiens Ex-Premierminister Mario Monti war Berater von Goldman Sachs ebenso wie der ehemalige Weltbank-Chef Robert Zoellick und der Ex-Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing. Auch der Chef der Bank von England, Mark Carney, begann seine Karriere bei Goldman Sachs.

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