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EZB hebt Zinsen weiter an – das sagen Finanzprofis
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Stimmen aus der Branche EZB hebt Zinsen weiter an – das sagen Finanzprofis

EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde: Die Euro-Währungshüter setzen ihre restriktive Politik fort | Foto: Imago Images / Panama Pictures

Patrice Gautry, Chefvolkswirt bei Union Bancaire Privée (UBP):

„Keine Zinspause in Sicht. Die EZB konzentriert sich in ihrer Mitteilung weiterhin auf die Inflationsbekämpfung, wobei sie den Arbeitsmarkt und insbesondere die Löhne erneut genau beobachtet. Die Leitzinsen dürften daher auch im Juli wieder angehoben werden, und die EZB dürfte auch im September noch nicht von ihrer restriktiven Haltung abrücken.

Es ist in der Tat unwahrscheinlich, dass die im September veröffentlichten Wirtschaftsdaten das Inflations- und Lohngefüge drastisch verändern werden, sodass die EZB den Einlagensatz möglicherweise auf 4 Prozent anheben muss. Die nächsten vierteljährlichen Revisionen des Wirtschaftsszenarios der EZB im September werden dann vielleicht einen klareren Horizont mit Inflationsaussichten bieten, die 2025 schließlich auf 2 Prozent oder sogar darunter sinken könnten, sodass eine Pause bei der 4-Prozent-Marke gerechtfertigt werden kann.

 

 

 

Der Preis für diese restriktivere Politik wird natürlich eine noch deutlichere Verlangsamung der Kreditvergabe sein. Die Nettokreditvergabe an Unternehmen ist bereits jetzt rückläufig und wird sich wahrscheinlich noch weiter verschärfen. Die Haushalte waren von den Kreditbeschränkungen bisher nur wenig betroffen, dürften aber nach der Rückkehr aus dem Urlaub stärker betroffen sein.

Frau Lagarde forderte die Regierungen erneut auf, die Stützung der Wirtschaftstätigkeit rasch zu beenden, die die EZB derzeit dazu zwingt, länger restriktiv zu bleiben, während die wirtschaftliche Lage immer schwächer wird. Die Reformen des Maastricht-Vertrags sind im Gange und die Rückkehr zu einer gewissen Form der Haushaltsdisziplin ist auf Seiten der Regierungen noch nicht wirksam. Das Jahr 2024 stellt sich daher als ein Jahr der Rückkehr zu Haushaltsrestriktionen und der Fortsetzung einer Geldpolitik dar, die länger restriktiv bleiben wird, als von den Finanzmärkten erwartet.“

 

Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin bei der DWS:


„Die Europäische Zentralbank hat heute, wie erwartet, alle Leitzinsen um 25 Basispunkte erhöht und einen weiterhin restriktiven geldpolitischen Kurs in Aussicht gestellt. Indirekt kündigte EZB-Präsidentin Lagarde eine weitere Zinsanhebung im Juli 2023 an. Sie bekräftigte dabei mehrfach weiteren Handlungsbedarf („more ground to cover“), um das Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen. Dies ist nach den neuesten Projektionen nochmals in weitere Ferne gerückt, denn auch für 2025 wurde die Inflationsprognose von 2,1 auf 2,2 Prozent erhöht.

Besorgniserregend ist dabei die Entwicklung der Kerninflation, die vor allem wegen der guten Verfassung des Arbeitsmarktes und des kräftigen Anstiegs der Löhne und Lohnstückkosten weiter hoch bleiben wird.  Auf der anderen Seite hat die bisherige Geldpolitik bereits zu einem Rückgang der Kreditvergabe und zu einer Verlangsamung der konjunkturellen Entwicklung geführt. 

Dennoch liegt der Fokus der EZB im Moment klar auf der Inflationsentwicklung. Daher teilen wir die Markterwartungen eines Endes des Straffungskurses bei 3,75 Prozent im Juli nicht. Im Gegenteil:  Da weitere hohe Lohnsteigerungen bereits verhandelt wurden und viele Unternehmen immer noch über Preissetzungsspielraum verfügen, dürfte die Kerninflationsrate bis zum Herbst dieses Jahres bei über fünf Prozent liegen. Wir gehen daher unverändert davon aus, dass die EZB die Leitzinsen auf vier Prozent anheben muss, um mittelfristig ihr Mandat erfüllen zu können.“

 

Konstantin Veit, Portfolio-Manager und Leiter der European Rates- und Short-Term Desks bei Pimco:

„Der Leitzins muss weiter ansteigen, um ein ausreichend restriktives Niveau zu erreichen. Die heutigen geldpolitischen Entscheidungen entsprachen im Großen und Ganzen unserer Erwartung einer eher hawkish ausgerichteten Zinserhöhung um 25 Basispunkte.

 

 

 

Die EZB bestätigte zwar vorerst ihren weiterhin datengetriebenen Ansatz von Sitzung zu Sitzung, geht aber gleichzeitig davon aus, dass die Leitzinsen noch weiter ansteigen müssen, um ein ausreichend restriktives Niveau zu erreichen. Wir sehen im Vergleich zu den Markterwartungen eine höhere Wahrscheinlichkeit für Überraschungen auf der Oberseite und tendieren weiterhin in Richtung höherer Leitzinsen. Wir betrachten 3,75 Prozent als das untere Ende des finalen Zinskorridors für die Einlagenfazilität.

Wir gehen davon aus, dass weitere Fortschritte beim Abbau des APP-Portfolios (Asset Purchase Programme) und eine größere Klarheit  über den endgültigen Leitzins die notwendigen Voraussetzungen für eine Abkehr von der derzeitigen Reinvestitionsrichtlinie des PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) darstellen.“

 

 

 

Katharine Neiss, Europa-Chefvolkswirtin bei PGIM Fixed Income:

„Der jüngste Zinsbeschluss der EZB und die Bestätigung eines schnelleren Bilanzabbaus entsprechen den Erwartungen. Allerdings deuten die aktualisierten Prognosen der Experten und die Formulierungen in der Erklärung der EZB darauf hin, dass die geldpolitischen Aussichten deutlich restriktiver sind als erwartet. Ja, die von Experten erstellten Projektionen für das BIP-Wachstum wurden nach unten korrigiert, aber angesichts der schwächeren Datenlage nur leicht.

Noch wichtiger ist, dass die Inflationsaussichten für jedes Jahr nach oben korrigiert wurden, einschließlich des Jahres 2025, das die EZB nun bei 2,2 Prozent und damit über dem EZB-Ziel sieht. All dies deutet darauf hin, dass die EZB vor dem Hintergrund eines bereits schwächelnden Verbrauchs, der unter dem Niveau vor der Pandemie liegt, die Zinsen näher an 4 Prozent heranführen wird. Im Moment sieht es jedoch so aus, als ob die Schlüsselvariable für die EZB die Inflationsdaten in Echtzeit sind.“

 

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank:

„Den Falken bei Fed und EZB fallen immer mehr die Federn aus. Auf den hartnäckigen Preisdruck reagiert die EZB wie geplant mit einer weiteren Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte auf nun 4 Prozent und sendet Erhöhungssignale. Reden ist aber nicht handeln.

Im Gegensatz dazu hat es die Fed nicht eilig mit weiteren Zinserhöhungen. Mit Blick auf allmählich nachgebende Inflationsraten und dunkle Konjunkturwolken werden sich die Finanzmärkte ab Herbst sogar immer mehr auf Zinssenkungsphantasie in den USA einstellen. Ab 2024 folgt die Eurozone.“

 

Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz:

„Keine Zinspause in Europa. Auf ihrer Juni-Sitzung hat die EZB – anders als die FED – die Leitzinsen wie erwartet erneut um 25 Basispunkte angehoben und weitere Schritte in Aussicht gestellt. Der Zinsgipfel in Europa dürfte nicht vor Herbst erreicht sein. Mit Kollateralschäden in zinssensitiven und zyklischen Bereichen der Wirtschaft muss deshalb weiter gerechnet werden. Der geldpolitische Ausstiegspfad bleibt in Europa anspruchsvoller als in den USA, und der US-Markt bleibt auch deshalb attraktiver für Investoren.

Der Einlagensatz liegt mit 3,5 Prozent deutlich im restriktiven Bereich. EZB-Präsidentin Lagarde hat zudem eine weitere Anhebung im Juli klar angekündigt. Eine Zinspause war für die EZB – anders als für die FED – noch kein Thema. Der Straffungsimpuls wird dadurch verstärkt, dass die EZB die Reinvestitionen von Anleihen ab Juli zum Teil einstellen und somit den Abschmelzprozess ihrer Bilanz verstärken wird. Hintergrund der Entscheidung ist, dass die EZB ihren Inflationsausblick für die kommenden Jahre erneut nach oben revidiert hat und erheblichen Aufwärtsdruck durch die hohe Lohndynamik sieht. Beide Entwicklungen sind in den USA günstiger. Gleichzeitig sei die Unsicherheit des Ausblicks in Europa ungewöhnlich hoch.

Die EZB sieht den Zinsgipfel noch in größerer Entfernung und hat heute nicht gewackelt. Mit weiteren Kollateralschäden in zinssensitiven und zyklischen Bereichen der Wirtschaft muss deshalb weiter gerechnet werden. Der geldpolitische Ausstiegspfad bleibt in Europa damit anspruchsvoller als in den USA und die Risiken für die Konjunktur bleiben höher.“ 

 

Mark Dowding, Investmentchef bei RBC BlueBay Asset Management:

„In Europa hat die Europäische Zentralbank in dieser Woche den Einlagezins um 25 Basispunkte auf 3,5 Prozent erhöht. Da sich die Konjunktur in der Eurozone ebenfalls abschwächt, nähern wir uns unserer Meinung nach auch hier dem Höhepunkt des Zinszyklus. Wir rechnen für den kommenden Monat mit einer Anhebung auf 3,75 Prozent. Dies könnte aber der letzte Schritt sein, den die Währungshüter um Christine Lagarde gehen müssen.

Wir gehen davon aus, dass sich der Preisdruck im Laufe des Sommers abschwächen wird. Da die Inflationserwartungen nach wie vor gut verankert sind, dürften sich auch die Renditen auf dem derzeitigen Niveau stabilisieren.“

 

Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ BANK:

„Die EZB-Zinserhöhung ist die richtige Entscheidung.  Auch mit der achten Zinserhöhung in Folge sieht die Europäische Zentralbank ihren Job noch nicht als erledigt an. Sie betont, dass die Inflationsrate zwar bereits etwas gesunken sei. Nach den aktuellen Prognosen bleibe die Teuerungsrate aber immer noch „für eine zu lange Zeit zu hoch“. Ihre eigenen Inflationsprognosen für 2023 bis 2025 hat die Notenbank sogar angehoben.

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Das ist die Überraschung des heutigen EZB-Meetings. Nicht verwunderlich ist daher, dass die Zentralbank bei ihrer Aussage bleibt, dass die Zinsen perspektivisch auf ein angemessenes Niveau gebracht werden müssen. Mindestens eine weitere Zinserhöhung im Juni ist damit so gut wie garantiert. Nachdem die Federal Reserve in ihrer gestrigen Kommunikation schon „hawkisher“ war als erwartet, dürfte die Beharrlichkeit der EZB für einige Marktteilnehmer die nächste kalte Dusche sein.

Am Rentenmarkt kamen insbesondere kurze Laufzeiten deutlich unter Druck. Hoffnungen auf sinkende Leitzinsen wurden erst einmal klar enttäuscht. Die EZB beweist mit der Entscheidung, dass sie im Kampf gegen die Inflation einen langen Atem hat und sich von den schwächeren Konjunkturdaten nicht von ihrem Kurs abbringen lässt. Das mag ihr kurzfristig Kritik einbringen, ist aber mit Blick auf die Preisstabilität in den nächsten Jahren die richtige Entscheidung.“

 

 

Dave Chappell, Fixed-Income-Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle Investments:

„Die EZB ist immer noch im Rückstand. Angesichts der hawkischen Haltung der US-Notenbank Fed am Mittwoch war die Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte durch die Europäische Zentralbank (EZB) eine Entscheidung, mit der gerechnet worden war. Die deutliche Anhebung der Inflationsprognose für 2023 und 2024 überraschte dagegen. EZB-Präsidentin Lagarde räumte ein, dass die Inflation zwar gedreht habe, aber für eine Inflation um die 2 Prozent sei noch einiges zu tun.

Zwar hängt jede Anpassung der Geldpolitik von den Daten ab, jedoch war klar, dass es eine weitere Straffung geben würde – trotz stagnierenden Wachstums, der Abschwächung im verarbeitenden Gewerbe und der Verschärfung der Kreditbedingungen für Unternehmen und Haushalte. Ähnlich wie die anderen Zentralbanken muss die EZB die Lage auf den Arbeitsmärkten entspannen – ein sehr schwer zu steuernder Prozess, wenn er einmal in Gang gekommen ist.

Der Inflationsanstieg scheint höher zu sein, als wir erwarten würden, aber wir alle haben die Inflation in den letzten Jahren unterschätzt. Die Straffung ist im System bereits spürbar, aber die EZB holt gegenüber der Fed und der Bank of England immer noch auf, so dass ein oder zwei weitere Zinserhöhungen angemessen erscheinen. Die Frage wird sein: Wie viel weiter wird die ohnehin schon stagnierende Wirtschaft in den negativen Bereich abgerutscht sein, bevor die EZB beschließt, eine Pause einzulegen?“

 

Jan Felix Gloeckner, Senior Investment Specialist bei Insight Investment:

„Die EZB hat die Zinssätze erwartungsgemäß erhöht, vor allem aber ihre Inflationsprognosen nach oben korrigiert. Wir gehen davon aus, dass sich die EZB weiterhin stark auf die Inflation konzentrieren wird.

Während die erste Reaktion des Marktes hawkish war, kam es im Laufe der Pressekonferenz zu der bekannten Trendwende an den Märkten, und die Anleihen erholten sich von ihrem anfänglichen Ausverkauf. Präsidentin Lagarde betonte, dass eine Zinserhöhung im Juli sehr wahrscheinlich sei, und wir würden dieser Einschätzung zustimmen - in der Eurozone gibt es noch einiges zu tun, bevor die Zentralbank sicher sein kann, dass das "Geplänkel" zwischen Löhnen und Inflation wirklich eingedämmt ist.“

Nick Chatters, Fixed Income Manager bei Aegon Asset Management:

„Christine Lagarde hat heute das Inflationsziel der EZB nach oben korrigiert, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die Lohnentwicklung in der Eurozone ihrer Ansicht nach weiterhin stark ist. Sie wurde jedoch ein wenig von der zweiten Überraschung in Folge bei den US-Arbeitslosenzahlen überschattet, was die Anleiherenditen nach unten zog, obwohl Lagarde eine weitere Zinserhöhung im Juli andeutete.

Meines Erachtens hängt das Signal der EZB für weitere Zinserhöhungen trotz der Abschwächung des Wachstums und der Kreditvergabe weniger von den Lohndaten der Eurozone ab.“

 

Charles Diebel, Anleihen-Chef bei Mediolanum International Funds:

„Nach weiterem Zinsschritt im Juli könnte Ende des Straffungsprozesses beginnen. Die EZB hob auf ihrer heutigen Sitzung die Leitzinsen wie erwartet um 25 Basispunkte an und signalisierte recht deutlich, dass weitere Zinserhöhungen in der Pipeline seien. Die anfängliche Reaktion war hawkisch, da die Aufwärtskorrektur der Inflationsprognosen die Erwartung verstärkte, dass die EZB im September ebenso wie im Juli die Zinsen erhöhen könnte.

Der EZB-Rat bestätigte zudem die Absicht, die Wiederanlage von Tilgungsbeträgen fällig gewordener, unter dem APP-Programm erworbener Anleihen zu beenden und den Pfad der quantitativen Straffung beizubehalten.

Der Ton von EZB-Präsidentin Lagardes Anmerkungen war jedoch weniger hawkish als die Erklärung, in der sie hervorhob, dass sich die Inflation bereits deutlich verlangsamt habe. Zudem gebe es Anzeichen dafür, dass sich die Straffungspolitik der EZB auf die Wirtschaft auswirke.

Es bleibt der Eindruck, dass der Rat, obwohl er im Juli einen weiteren Zinsschritt vornehmen wird, sich langsam dem Ende des Straffungsprozesses nähert, nachdem er die Zinsen auf den höchsten Stand seit 22 Jahren angehoben hat. Wie auch bei der gestrigen FOMC-Sitzung dürfte sich dies positiv auf das lange Ende der Renditekurven auswirken und den Euro an den Devisenmärkten stützen.“

 

 

Jörg Angelé, Leitender Volkswirt bei Bantleon:

„Wie allgemein erwartet, hat der EZB-Rat die Leitzinsen heute um 25 Basispunkte (Bp) angehoben. Der Einlagensatz steigt mithin auf 3,5 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz auf 4,0 Prozent. Der künftige Zinspfad soll zwar prinzipiell von Sitzung zu Sitzung in Abhängigkeit der jeweils vorliegenden Daten bestimmt werden, nichtsdestotrotz kündigte EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine weitere Zinsanhebung im Juli de facto an.

Zwar gebe es erste vorsichtige Anzeichen für ein Nachlassen des noch immer starken unterliegenden Preisdrucks, die nach oben revidierten Inflationsprojektionen liessen der EZB jedoch keine andere Wahl, als weiter zu straffen. In der Pressemitteilung zur Zinsentscheidung wird auch darauf verwiesen, dass die bis dato erfolgten Zinsanhebungen stark auf die Finanzierungs- und die monetären Bedingungen im Euroraum durchschlagen und die Wirtschaft allmählich belasten. Die Geldpolitik wirkt mithin bereits erkennbar restriktiv. Wie Anfang Mai in Aussicht gestellt, werden fällige Wertpapiere aus dem Asset Purchase Programme (APP) ab Juli nicht mehr reinvestiert. 

 

 

 

Inklusive der heutigen Entscheidung wurden die Leitzinsen seit Juni 2022 um 400 Bp nach oben geführt. Damit kommt die aktuelle Zinsanhebungsphase der schärfsten geldpolitischen Straffung seit 1999 bzw. unter Einbeziehung der Bundesbank sogar der vergangenen 50 Jahre gleich. Verstärkt wird die Wirkung der höheren Zinsen durch den gleichzeitigen Liquiditätsentzug über das Abschmelzen des APP sowie das Auslaufen der TLTRO-III-Geschäfte.

Eine derartige Verschärfung der Finanzierungskonditionen kann unserer Einschätzung nach nicht ohne Auswirkungen auf die Konjunktur bleiben. In der Bauwirtschaft sind bereits deutliche Spuren in Form stark rückläufiger Auftragseingänge und einer wegbrechenden Nachfrage nach Hypothekenkrediten sichtbar. Zudem fragen auch die Unternehmen weniger Kredite nach. Dabei haben die bisher erfolgten Zinserhöhungen ihre volle Wirkung noch gar nicht entfaltet, was auch Lagarde einräumte. Umso überraschender ist daher, dass die Projektionen für den quartalsweisen BIP-Zuwachs von 0,3 bis 0,4 Prozent gegenüber den März-Projektionen gänzlich unverändert geblieben sind. 

Wir  halten die unterstellte Konjunkturbelebung in den kommenden Quartalen für zu optimistisch. Wir erwarten stattdessen einen weiteren Rückgang der Wirtschaftsleistung. Die Währungshüter werden unserer Ansicht nach daher nicht umhinkommen, ihre BIP-Prognose für 2023 und 2024 wieder spürbar zu senken. 

Davon abgesehen geht die Revision der Inflationsprojektionen in unseren Augen in die falsche Richtung. Die Inflation wird in den kommenden Monaten erheblich zurückgehen. Hierauf deutet eine wachsende Zahl von Frühindikatoren hin, darunter Erzeuger- und Großhandelspreise sowie Absatzpreiserwartungen. Wir rechnen für den Zeitraum Oktober bis Dezember mit Inflationsraten um 2,5 Prozent.

Auch die Kerninflationsrate wird im zweiten Halbjahr spürbar sinken. 2024 sollte der Preisauftrieb weiter nachlassen. Wir prognostizieren sogar ein zeitweises Unterschreiten des Zielwerts von 2,0%. Verantwortlich sind starke disinflationäre Impulse von den Gas- und Strompreisen sowie von den Nahrungsmittelpreisen. Lagarde begründete die Aufwärtsrevision der Kerninflationsprognose für 2024 von 2,5 auf 3,0 Prozentmit der robusten Arbeitsmarktentwicklung sowie der Annahme stärker steigender Lohnstückkosten. Allerdings wurde die entsprechende Prognose nur marginal von 3,2 auf 3,4 Prozent angehoben.

Fazit: Die heutige Zinsentscheidung sendet widersprüchliche Signale. Einerseits wird verbal eine Abschwächung der Konjunkturdynamik beschrieben, die Projektionen werden jedoch nicht angepasst. Mit Blick auf die Inflation wird von ersten Anzeichen eines nachlassenden Preisdrucks gesprochen, die Projektionen legen demgegenüber jedoch höhere Inflationsraten in den Jahren 2024 und 2025 nahe. In Summe vermittelt der Ausblick der EZB den Eindruck, als hätte die schärfste Straffung der Geldpolitik seit 50 Jahren keinen negativen Einfluss auf Konjunktur und Arbeitsmarkt, wohl aber einen dämpfenden Effekt auf die Inflation.

Wir hatten auf Basis unserer Analysen mit einer deutlichen Abwärtsrevision der BIP- und der Inflationsprognosen der Notenbank für 2024 gerechnet. Nun scheint ein Zinsschritt im Juli sehr wahrscheinlich. Selbst im September könnte es noch eine Erhöhung geben, sollten die Währungshüter auch dann noch an ihren zu optimistischen BIP-Prognosen bzw. an den zu hohen Inflationsprognosen festhalten. Wir rechnen daher mit mindestens einem weiteren Zinsschritt um 25 Bp.“

 

 

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