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Geldpolitik der Eurozone EZB lässt Corona-Notprogramm auslaufen

EZB in Frankfurt
EZB in Frankfurt: Die Europäische Zentralbank leitet behutsam den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik ein. | Foto: Imago Images / Hannes P. Albert

Die Europäische Zentralbank (EZB) will das wegen der Pandemie aufgelegte Anleihekaufprogramm PEPP planmäßig im März 2022 beenden. Bei ihrer Sitzung am Donnerstag haben die Währungshüter aber beschlossen, das ältere Kaufprogramm APP zeitweise aufzustocken, um den Wegfall der monatlichen PEPP-Käufe zu lindern. Damit leitet auch die EZB ihren Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik ein, agiert dabei aber vorsichtiger als die US-Notenbank. Wie beurteilen Anlagestrategen und Ökonomen das Vorgehen? Hier einige ausgewählte Stimmen zur EZB-Sitzung.

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank:

Die EZB hat es geschafft, sich aus ihrem Korsett der vergangenen Wochen zu befreien. Bislang hatte sie stets klar signalisiert, ihren geldpolitischen Kurs im kommenden Jahr in jedem Fall beizubehalten. Heute hat sie den Grundstein für das Auslaufen ihrer Kaufprogramme gelegt. Dabei geht sie so defensiv vor, dass man – anders als bei der Bank of England oder der amerikanischen Notenbank Fed – höchstens von einem „Richtungswechsel light“ sprechen kann. Vielmehr hält sich die EZB weiterhin alle Optionen offen.


Mit der Anpassung ihrer Ankaufprogramme reagiert sie nur sehr vorsichtig auf die jüngste Preisentwicklung. In Europa ist die Inflation auf 4,9 Prozent gesprungen, aber sie könnte 2022 bereits im Januar den Rückwärtsgang einlegen. Hinzu kommt: Die Auswirkungen der Corona-Mutation Omikron kann derzeit niemand verlässlich einschätzen. Das hält die konjunkturelle Unsicherheit hoch.

Mit seinen heutigen Formulierungen hat der EZB-Rat Zeit gewonnen, um zu einem späteren Zeitpunkt eine Nachschärfung – in die eine oder andere Richtung – beschließen zu können. So macht er es innerhalb der EZB aktuell Tauben und Falken gleichermaßen recht – und ist dabei geldpolitisch noch nicht so festgelegt wie die Kollegen bei der britischen oder der amerikanischen Notenbank.

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust:

Die Beschlüsse der EZB sind allenfalls eine geringfügige Korrektur an einer weiterhin sehr expansiven Politikausrichtung. Dämpfende Auswirkungen auf die Inflationsrate sind davon nicht zu erwarten. Richtig ist, dass Sonderfaktoren wie Lieferengpässe und steigende Energiepreise nicht dauerhaft als Inflationstreiber wirken werden, und somit im Laufe der Zeit eine Beruhigung des Inflationsgeschehens eintreten dürfte.

Die Inflationsprojektionen der EZB sind allerdings sehr optimistisch. Es muss schon viel Positives zusammenkommen, um sie zur Realität werden zu lassen – Stabilisierung der Energie- und Rohstoffpreise, baldige Überwindung der Versorgungsengpässe im produzierenden Gewerbe und vor allem ausbleibende Zweitrundeneffekte über höhere Löhne.


Die Risiken einer zu hohen Inflation sind deutlich erkennbar und sollten nicht durch eine extrem expansive Liquiditäts- und Zinspolitik erhöht werden. Kommt es zu unerwarteten starken wirtschaftlichen Risiken etwa durch die Omikron-Variante des Corona-Virus, haben die Notenbanken genügend Flexibilität, dem durch geeignete Maßnahmen entgegenwirken. Als Argument für eine auf Dauer angelegte monetäre Reflationspolitik können sie nicht herhalten.

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