in MärkteLesedauer: 10 Minuten
Headphones
Artikel hören
25 Basispunkte runter
EZB startet Zinswende – das sagen die Finanzprofis
Die Audioversion dieses Artikels wurde künstlich erzeugt.

25 Basispunkte runter EZB startet Zinswende – das sagen die Finanzprofis

EZB-Präsidentin Christine Lagarde
EZB-Präsidentin Christine Lagarde | Foto: Imago Images / Eibner

 

Mark Wall, Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank

„Wie erwartet senkt die EZB ihren Leitzins um 25 Basispunkte. Aber die Erklärung gibt wohl weniger Hinweise auf die künftigen Schritte, als viele erwartet haben. In diesem Sinne ist der unmittelbare Ton eher der eines Falken: Diese Zentralbank hat es nicht eilig, ihre Politik zu lockern.“

 

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts

„Der Schritt ist sinnvoll, weil sich die Inflation in Europa mittlerweile in Richtung der angestrebten zwei Prozent zurückentwickelt. Diese Zinssenkung ist an den Märkten allerdings bereits eingepreist, der Impuls für die Konjunktur wird begrenzt sein. Dass weitere Zinssenkungen bald folgen können, ist angesichts deutlich steigender Löhne und verschobener Zinssenkungen in den USA eher fraglich.“

 

 

 

Jörg Krämer, Commerzbank

„Nach der weithin erwarteten Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte hat die EZB heute wenig Konkretes zur weiteren Zinsentwicklung gesagt. Alles hänge von den Daten ab, war ein häufig zu hörender Satz. Wir erwarten weiter, dass der EZB-Einlagensatz von jetzt 3,75 Prozent bis zum ersten Quartal 2025 auf 3,0 Prozent fallen wird. Danach rechnen wir mit keinen weiteren Zinssenkungen, weil das Inflationsproblem noch lange nicht gelöst sein dürfte. Letztlich ist die heutige Zinssenkung verfrüht.“

 

Eckhard Schulte, Vorstandsvorsitzender Mainsky Asset Management

„Dass die Europäische Zentralbank die Leitzinsen um 25 Basispunkte senken würde, darauf hatte sie den Markt in den vergangenen Wochen entsprechend vorbereitet und heute nun Fakten geschaffen. In der anschließenden Pressekonferenz hat Christine Lagarde allerdings auf die Kommunikation eines klar definierten Kurses verzichtet und somit auch keine Hinweise auf eine nächste Zinssenkung gegeben. Die Notenbank ist sich unsicher, wie restriktiv ihre Geldpolitik wirklich ist und ob der neutrale Zins möglicherweise deutlich höher als vor der Corona-Pandemie liegen könnte. Die Diskussion um den neutralen Gleichgewichtszins hat damit nun auch die EZB voll erfasst. Der überraschende Anstieg der Kerninflationsrate im Mai auf 2,9 Prozent dürfte diese Verunsicherung nicht nur weiter geschürt haben, sondern auch für die Anhebung der EZB-Inflationsprognose für 2024 und 2025 mitverantwortlich gewesen sein.

Aus unserer Sicht bleibt es allerdings dabei, dass die Argumente für einen deutlich höheren neutralen Zins in Europa wenig überzeugend sind. Im Gegensatz zu den USA sprechen hier weder die Demographie noch ein stärkeres Produktivitätswachstum für diese These. Auch die Investitionsoffensive zum klimaneutralen Umbau der Wirtschaft der EZB kann als Argument dafür nur wenig herhalten, da den potenziell höheren staatlichen Investitionen ein weiterer Rückgang privater Investitionen und damit eine sich fortsetzende Zersetzung des Produktionspotenzial entgegenstehen. Somit besteht in dem heute gestarteten Zyklus ein hohes Potenzial für weitere Zinssenkungen, während die Markterwartungen in diesem Punkt zu vorsichtig sind. In einem Jahr sollten die Leitzinsen in der Eurozone mindestens 100 Basispunkte tiefer liegen als heute.

Für die laufende Rally am Aktienmarkt sind dies alles gute Argumente. Der Rückenwind von der Zinsseite sichert die ohnehin nicht hohen Bewertungen ab und die Aktien profitieren von robusten Unternehmensgewinnen aufgrund eines hohen nominalen Wirtschaftswachstums. Zudem stützen die jüngst wieder gefallenen Energiepreise. Europas Börsen befinden sich in einem taktischen ‚Sweet-Spot‘ und sollten Investoren auch in den nächsten Wochen eine attraktive Rendite bieten. Für den Deutschen Aktienindex spricht derzeit allerdings weniger die intakte Wachstumsstory der deutschen Wirtschaft, sondern stattdessen seine internationale Ausrichtung.“

 

Christian Reicherter, Analyst der DZ Bank

„Die Währungshüter haben ihren Worten Taten folgen lassen und heute die Leitzinswende vollzogen. Angesichts der anhaltend hohen Inflation – bedingt durch teils kräftiges Lohnwachstum und der jüngst wieder anziehenden Nachfrage – lässt die Zinssenkung der EZB aber Raum für Kritik offen. Wir rechnen in den kommenden Monaten nicht mit einem aggressiven Zinssenkungskurs, da die Teuerung noch nicht besiegt ist. Rückschläge bei der Annäherung an die Zielmarke von zwei Prozent müssen weiter einkalkuliert werden. Besonderes Augenmerk richten die Notenbank-Oberen deshalb auf die Lohnentwicklung im Euroraum.

Ein ausgeprägter Lohndruck könnte vor allem die Preise im Dienstleistungssektor nach oben treiben. Die EZB dürfte den weiteren Lockerungspfad deshalb mit Vorsicht beschreiten. Dies spiegelt sich auch im geldpolitischen Statement wider, wonach die weitere Adjustierung des Notenbank-Kurses von der Datenlage abhängt. Wir erwarten eine weitere Lockerung der Zinszügel im September und Dezember. Zum Jahresende dürfte der Einlagensatz dann bei 3,25 Prozent liegen“

 

 

Marie-Christine Ostermann, Präsidentin der Familienunternehmer

„Ein Unternehmen, das in Deutschland wachsen möchte, wird seine Investitionsentscheidungen nicht von einer einmaligen Zinssenkung abhängig machen. Entscheidend sind die Weichenstellungen von Politik und Verwaltung für die Zukunft der Unternehmen. Leider sieht es hier nicht gut aus: Unser Alltag ist geprägt von unnötigen, teuren Berichtspflichten und ineffizienten Prozessen in der Verwaltung. Zudem verschlimmert die Regierung den Fachkräftemangel durch Bürgergeld und Rente mit 63 zusehends.

Ich vermute, dass es sich nicht um eine echte Zinswende handelt. Die EZB hat in den Jahren 2022 und 2023 zu spät und zu zaghaft auf die Inflation reagiert, und wir spüren immer noch die Folgen dieser Zögerlichkeit. Mit einer Inflation von 2,4 Prozent in Deutschland und 2,6 Prozent im Euroraum entfernt sich die EZB außerdem wieder von ihrem Ziel einer Inflation von 2,0 Prozent oder weniger.“

 

 

 

Shayne Dunlap, Portfoliomanager bei Pacific Asset Management

„Die EZB hat den Zinssenkungszyklus also endlich mit der Reduzierung des 4%igen Einlagensatzes für Banken um 25 Basispunkte eingeleitet. Das ist nach den jüngsten offensichtlichen Andeutungen von Präsidentin Lagarde und mehreren anderen Mitgliedern des EZB-Rats allgemein erwartet worden und gipfelte in der vergangenen Woche im grünen Licht von Chefvolkswirt Philip Lane. Aber jetzt bitte nicht zu sehr aufregen: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies bereits der Beginn eines mehrprozentigen Zinssenkungszyklus ist.

Wie die EZB selbst zugibt, will sie in einer Zone der Restriktivität bleiben. Sicher, die Inflation verlangsamt sich in einigen Sektoren, aber die Lohnverhandlungen laufen immer noch auf Hochtouren: Die deutschen Tariflöhne stiegen im ersten Quartal 2024 um 6,2 Prozent und damit so schnell wie seit zehn Jahren nicht mehr. In der Eurozone stiegen die Löhne sogar auf annualisierte 4,7 Prozent gegenüber 4,5 Prozent im Vorquartal. Diese Daten lassen vermuten, dass der Kürzungszyklus eher flach ausfallen wird." 

 

Francesco Fedele, Vorstandsvorsitzender (CEO) bei BF.direkt

„Die heutige Zinssenkung der EZB um 0,25 Prozentpunkte war vom breiten Markt erwartet worden und kommt wenig überraschend. Wir gehen nicht davon aus, dass die EZB zur Nullzinspolitik zurückkehrt. Wir erwarten jedoch vier bis fünf weitere Zinsschritte à 0,25 Prozentpunkten – davon mindestens zwei in diesem Jahr. Allerdings darf man nicht den Fehler machen und allzu große Auswirkungen auf die Immobilienmärkte erwarten.

Der Leitzins hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Zinsen von zehnjährigen Immobilienfinanzierungen, die für den Immobilienmarkt entscheidend sind. Dennoch erwarte ich, dass auch die langfristigen Zinsen perspektivisch eher fallen und sich im Jahr 2025 bei den Einstandszinssätzen in Richtung Zwei-Prozent-Marke bewegen. Aus Sicht des Darlehensnehmers kommt noch die Bankmarge hinzu. Die Inflation ist aktuell mit 2,2 Prozent relativ niedrig. Die Konjunktur entwickelt sich aktuell in Europa eher schwach, insofern ist die Zinssenkung ein sehr positives Signal.“

 

Achim Degen, Vorstandsvorsitzender (CEO) Colliers

„Die EZB hat heute den Markterwartungen folgend den Leitzins um 25 Basispunkte reduziert und damit ihren Zinssenkungszyklus eingeleitet. Dieser hat kaum direkte Folgen für die mittel- bis langfristigen Finanzierungszinsen, da er bereits am Markt eingepreist war. Für den weiteren Jahresverlauf bleibt die EZB unkonkret und hat sich nicht auf weitere Zinsschritte festgelegt.

Dennoch scheint eine bessere Planbarkeit des Zinspfades die Unsicherheit im Finanzierungsumfeld zu reduzieren. Für den Immobilienmarkt ist der heutige Zinsentscheid ein wichtiges Signal in Richtung Aufbruch. Investoren, die auf die erste Zinssenkung gewartet haben, könnten nun verstärkt aktiv werden."

 

 

Patrick Brinker, Leiter Real Estate Investment Management bei Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank

„Die Zinssenkung ist vor allem ein psychologisches Signal an den Markt: Die Bodenbildung bei den Preisen ist erreicht. Immobilien rücken damit wieder stärker in den Fokus von Investoren, denn der Zeitpunkt für den Einstieg ist jetzt mitunter sehr günstig. Somit kann der Schritt der EZB zu einer leichten Belebung am Transaktionsmarkt führen. Dennoch sollte sich die Branche nicht zu stark auf das Zinsniveau fokussieren, da Faktoren wie Nachhaltigkeit eine ebenso wichtige Rolle spielen.“

 

 

 

Peter Axmann, Leiter Immobilienkunden bei HCOB

„Die heutige Zinssenkung um 25 Basispunkte entspricht der Markterwartung der letzten Wochen. Wir vermuten, dass die nächste Zinssenkung um weitere 0,25 Prozentpunkte erst im September stattfinden wird. Überhaupt ist unsere Erwartung, dass die EZB eher vorsichtig vorgehen und die künftige Entwicklung von Inflationsrate und Wirtschaftswachstum vor jeder weiteren Zinsentscheidung bewerten wird.

Daher werden sich aus unserer Sicht die langfristigen Renditen auch nicht groß nach unten bewegen. Für die Immobilieninvestoren verspricht der Schritt aber dennoch etwas mehr Planungssicherheit, denn sie können jetzt mehr als zuvor darauf vertrauen, dass der Zinsgipfel am kurzen Ende hinter uns liegt."

 

Mohit Kumar, Chefvolkswirt Europa bei der Investmentbank Jefferies

„Die Europäische Zentralbank senkte die Leitzinsen wie erwartet um 25 Basispunkte. Die Inflationsprognosen für die Jahre 2024 und 2025 wurden angehoben, was eine leicht falkenhafte Tendenz darstellt und darauf hindeutet, dass eine weitere Zinssenkung im Juli nicht erforderlich sein dürfte. Weitere Lockerungsmaßnahmen der EZB sind datenabhängig und würden von Sitzung zu Sitzung erfolgen.

Wir gehen weiterhin davon aus, dass die nächste Zinssenkung im September erfolgen wird. Der Schritt im September wird jedoch davon abhängen, was die Fed (und die USA) tun. Wenn die Fed in diesem Jahr überhaupt keine Zinssenkungen vornimmt, sind wir der Ansicht, dass die nächste Zinssenkung im Dezember erfolgen wird. Wir haben heute Morgen unsere Long-Ansicht zu den Auswirkungen der Zinsentwicklung aufgegeben und sind bezüglich der EZB-Politik neutral eingestellt.“

 

Felix Schindler, Leiter Research & Strategy HIH Invest

„Die heutige EZB-Leitzinssenkung um 25 Basispunkte entspricht unseren Erwartungen, kann aber nur ein erster kleiner Schritt für einen nachhaltigen Impuls an den Immobilieninvestmentmärkten sein. Insgesamt bedarf es neben Signalen der Geldpolitik noch weiterer Stabilisierungseffekte, um die Nachfrage der Investoren zu beleben.“ 

 

Oliver Kohnen, Geschäftsführer der Baufi24 Baufinanzierung

„Sie hat es tatsächlich getan: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erstmals seit 2019 wieder die Leitzinsen gesenkt. EZB-Chefin Christine Lagarde dreht die Zinsschraube wie erwartet um 25 Basispunkte auf ein Zinsniveau von 4,25 Prozent nach unten. Der Schritt war im Vorfeld erwartet worden. Vorausgegangen war ein intensiver Straffungszyklus.  Historische zehn Mal in Folge hatte die EZB zuvor zwischen Frühjahr 2022 und Herbst 2023 an der Zinsschraube gedreht.  Ob damit – und in welchem Tempo – ein neuer Zinssenkungszyklus eingeläutet wurde, erscheint derzeit noch offen.

Aktuell gehen die Märkte bis zum Jahresende von maximal zwei weiteren Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte aus. Tatsächlich gibt es fundamental wenig zwingende Gründe für schnelle Zinssenkungen. Erstmals in diesem Jahr legte die Inflation zuletzt nämlich wieder zu. So kletterte die Inflationsrate im Mai in der Eurozone wieder von 2,4 auf 2,6 Prozent und in der Bundesrepublik von 2,2 auf 2,4 Pro-zent. Das von der EZB ausgegebene Ziel einer Teuerungsrate von 2 Prozent könnte nach Einschätzung des ifo-Instituts dennoch bereits im Sommer in Reichweite rücken.   Insgesamt wirkt die Konjunktur weiter wie gelähmt: So rechnet die EU-Kommission 2024 in der Bundesrepublik lediglich mit einem Marginalwachstum von 0,1 Prozent und im Euro-raum mit immerhin 0,8 Prozent.

Eine weiter schwächelnde Konjunktur würde die Notwendigkeit von Zinssenkungen erhöhen. Anleger haben seit Jahresbeginn damit begonnen, diese Wahrscheinlichkeiten am Bond-Markt einzupreisen: Die Renditen zehnjähriger deutscher Staatsanleihen haben sich zu-letzt wieder deutlich auf ein Niveau von über 2,5 Prozent verteuert. Synchron dazu haben sich die Bauzinsen entwickelt, die zu Jahresbeginn kurzfristig ein Niveau von unter 3 Pro-zent erreicht hatten. In den vergangenen Monaten zogen die Hypothekenzinsen indes analog zum Bond-Markt wieder leicht an: Die besten Konditionen liegen aktuell bei 3,10 Prozent.

Für Immobilienanwärter zeigt sich damit einmal mehr, dass sich Zinsspekulation nicht lohnt. Wer zu Jahresbeginn in der Hoffnung auf weiter fallende Zinsen mit einem Haus- oder Wohnungskauf gezögert hatte, hätte abermals eine gute Einstiegsmöglichkeit verpasst. Die Hoffnung auf die Rückkehr eines Bauzinsniveaus zwischen ein und zwei Pro-zent ist illusorisch. Immobilieninteressenten sollten mit ihrem Kaufvorhaben daher nicht länger warten – die Talsohle bei den Immobilienpreisen scheint seit einigen Quartalen durchschritten. Der beste Augenblick, um sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen, ist jetzt.“

 

 

Klaus Bauknecht, IKB Deutsche Industriebank

„Wie erwartet, hat die EZB ihre Zinsen um 25 Basispunkte gesenkt. Der Einlagenzins liegt nun bei 3,75 Prozent. Weitere Zinssenkungen sind im laufenden Jahr 2024 zu erwarten, auch wenn sich die europäische Konjunktur weiter erholen wird und die EZB ihre Inflationsprognosen leicht nach oben angepasst hat. Für 2025 ist das Bild jedoch weniger eindeutig.

Denn viele Unsicherheiten, wie mögliche Zweitrundeneffekte, ein grundsätzlich höherer Gleichgewichtszinssatz oder globale Entwicklungen könnten die EZB zu einer Pause bei einem Einlagenzins von um die 3 Prozent nötigen. Da die Zinsstrukturkurve dann immer noch invers wäre, würde sich wenig Raum für spürbar niedrigere langfristige Renditen ergeben.“

 

Jan Felix Gloeckner, Senior Investment Specialist bei Insight Investment

„Die EZB hat heute wie erwartet ihren Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt nun bei 4,25 Prozent. Wer sich von der Pressekonferenz Hinweise auf das Tempo oder die Dauer des geldpolitischen Lockerungszyklus erhofft hatte, wurde jedoch enttäuscht. In der Begründung wurde klargestellt, dass es keine Vorfestlegung auf einen bestimmten Zinspfad gebe und künftige Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung auf der Grundlage der verfügbaren Daten getroffen würden.

Die Anhebung der Inflationsprognosen für die Jahre 2024 und 2025 sowie die Besorgnis über eine höhere Lohninflation und einen starken inländischen Preisdruck deuteten jedoch darauf hin, dass der Lockerungspfad möglicherweise nicht so geradlinig verlaufen wird wie von einigen erwartet.   

Ausblick auf festverzinsliche Wertpapiere: Der Zinsschritt ist bereits in den Märkten eingepreist und dürfte daher kaum Auswirkungen auf die Anleihenmärkte haben. Wir bevorzugen nach wie vor eine Long-Position bei der Duration und setzen auf eine Versteilerung der Kurve, da sich die wichtigsten Zentralbanken auf eine Lockerung der Geldpolitik zu bewegen.“

 

Tomasz Wieladek, Chefvolkswirt Europa bei T. Rowe Price

„Die EZB hat heute den Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Im Vorfeld der Sitzung hatten die EZB-Entscheidungsträger sehr deutlich gemacht, dass es heute zu einer Zinssenkung kommen würde. Die heutige Zinssenkung wurde daher von den Finanzmärkten vollständig eingepreist und weitgehend erwartet. Wichtig ist, dass sich die EZB nicht auf einen bestimmten Zinspfad festgelegt hat.

Dies bedeutet, dass es keine Verpflichtung zu weiteren Zinssenkungen in diesem Jahr gibt. Die aktuellen Daten haben die Erwartungen der EZB und der Märkte hinsichtlich des Inflationsdrucks in der Wirtschaft übertroffen. Die jüngsten Datenveröffentlichungen zeigen einen Anstieg des Lohnwachstums auf 4,7 Prozent im ersten Quartal 2024 gegenüber 4,5 Prozent im vierten Quartal 2023, entgegen den Erwartungen eines Rückgangs.

1.200% Rendite in 20 Jahren?

Die besten ETFs und Fonds, aktuelle News und exklusive Personalien erhalten Sie in unserem Newsletter „DAS INVESTMENT Daily“. Kostenlos und direkt in Ihr Postfach.

In der jüngsten Umfrage der Europäischen Kommission ist der Anteil der Unternehmen, die einen Arbeitskräftemangel als Produktionshindernis angeben, erneut gestiegen. Dies ist ein recht starker Indikator für das Wachstum der Tariflöhne, dem Schlüsselindikator der EZB für die Lohnentwicklung. Auch die HVPI-Inflation im Euroraum war im Mai deutlich höher als erwartet. Die Kerninflation im Euroraum war deutlich höher als erwartet.

Die Dienstleistungsinflation stieg von 3,7 % im April auf 4,1 Prozent im Mai. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Basiseffekt: Auf saison- und arbeitstäglich bereinigter Basis stieg die Teuerung im Dienstleistungssektor im Mai um 0,5 %. Das ist etwa doppelt so viel, wie die EZB zur Erreichung ihres Ziels benötigt. Umfragen deuten darauf hin, dass die Dienstleistungsinflation mit der Zeit zurückgehen wird, was sich aber noch nicht in den tatsächlichen Inflationsdaten widerspiegelt.

Schließlich steigen die Transportkosten aus China wieder rapide an, was die Kerninflation bei den Waren ebenfalls nach oben treiben dürfte. Schließlich haben auch die Gaspreise wieder angezogen. Nach einer langen Phase der Disinflation nimmt der Inflationsdruck bei allen Komponenten wieder zu. Diese Inflationsentwicklungen spiegeln sich in den heutigen Revisionen der EZB-Prognosen wider.

Im Vergleich zu den Projektionen vom März wurde die Inflation für 2024 und 2025 nach oben korrigiert. Diese Revision fiel stärker aus als vom Konsens der Ökonomen erwartet. Dennoch geht die EZB weiterhin von einer Inflationsrate von 1,9 Prozent im Jahr 2026 aus, die von der aktuellen Zinsentwicklung am Markt abhängt. Dies bedeutet, dass die EZB weiterhin davon ausgeht, dass die aktuelle Markterwartung mehrerer Zinssenkungen auf 2,5 Prozent zu einer leicht unter dem Zielwert liegenden Inflation führen wird.

Während die Prognosen heute nach oben korrigiert wurden und damit eine größere Inflationspersistenz in den Daten widerspiegeln, zeigt die Prognose für 2026 weiterhin, dass die Inflation unter der Annahme mehrerer weiterer Zinssenkungen im Jahr 2026 bei 1,9 % liegen wird. Dies steht im Einklang mit mehreren weiteren Zinssenkungen nach der heutigen Sitzung. Die Prognosekorrekturen zeigen jedoch, dass eine weitere unerwartete Stärke der Dienstleistungsinflation weitere Zinssenkungen der EZB erheblich verlangsamen oder sogar zunichtemachen könnte.   

Auf der Pressekonferenz zeichnete Präsidentin Lagarde ein gemischtes Bild der Daten. Sie wies darauf hin, dass die Kerninflation in den HVPI-Inflationsdaten für April weiter zurückgegangen sei. Sie betonte auch, dass die Unternehmen beginnen, das Lohnwachstum in ihre Gewinnmargen einfließen zu lassen. Schließlich betonte sie, dass die heutige Entscheidung auf dem Vertrauen des EZB-Rats in die Prognosen beruhe.

Wie wir heute gesehen haben, können sich die Prognosen jedoch erheblich ändern, wenn die EZB mit erheblichen positiven Überraschungen beim Lohnwachstum und bei der Dienstleistungsinflation konfrontiert wird.  Ob die EZB in diesem Jahr weitere Zinssenkungen vornehmen wird, hängt daher von den künftigen Prognosen ab. Es ist jedoch schwierig zu sagen, wie sich die Prognosen der EZB in Zukunft entwickeln werden. Präsidentin Lagarde hat zwar gesagt, dass der Weg nach vorne holprig sein wird, aber diese Prognosen werden sich mit den zukünftigen Daten ändern.

Ich glaube, dass die EZB in diesem Jahr noch zwei weitere Zinssenkungen vornehmen wird. Die Hürde für weitere kurzfristige Überraschungen bei den Prognosen ist hoch.  Die Märkte sollten aber keine Erwartungshaltung in Bezug auf die Prognosen haben. Alle weiteren Zinssenkungen in diesem Jahr werden wahrscheinlich negativ ausfallen. Es wird keine Forward Guidance geben. Dieser rein datengetriebene Ansatz bedeutet aber auch, dass die EZB leicht weniger als zwei Zinssenkungen vornehmen könnte. Vielleicht sehen wir nur eine weitere Zinssenkung gegen Ende des Jahres, wenn die Inflation viel hartnäckiger bleibt als erwartet.“

 

 

Ann-Katrin Petersen, Leiterin Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa beim Blackrock Investment Institute

„Die Europäische Zentralbank (EZB) hat heute erstmals seit September 2019 ihre Leitzinsen gesenkt – bei sich aufhellender Konjunktur, während die Inflationsentwicklung noch holprig ist - und vor der Fed. Dieser Schritt war vorgezeichnet, der Zinspfad ist es nicht. Wir glauben nicht, dass die EZB umfangreich und zügig vorgehen wird. Anleger sollten daher das Gesamtbild im Auge behalten: Die Zinsen im Euroraum dürften strukturell höher ausfallen als vor der Pandemie. Vorgezeichneter Zinsschritt, nicht Pfad der Zinslockerung. Wie erwartet hat die EZB die Zinsen heute um 25 Basispunkte gesenkt.

Das Wachstum stagnierte in den letzten zwei Jahren größtenteils und die Inflation nähert sich - “holprig” - dem mittelfristigen Ziel, was die neuen Makroprognosen bestätigen. Das weitere Tempo der Zinssenkungen bleibt mit einem Fragezeichen behaftet. Lagarde bekräftigte, dass die EZB einen „datenabhängigen Ansatz von Sitzung zu Sitzung” verfolgen werde, deutete jedoch an, dass die nächste Senkung wahrscheinlich nicht vor September erfolgen dürfte. Zähe Inflation bedeutet anhaltend straffe Geldpolitik. Wir glauben nicht, dass die EZB umfangreiche und zügige Zinssenkungen vornehmen wird. Wie ihr Zinserhöhungszyklus ist dies keine typische Abwärtsschleife: Dies ist keine Rückkehr zu einer Welt, wie wir sie kannten, in der die Inflation konstant merklich unter dem 2%-Ziel lag.

Da die Arbeitsmärkte immer noch angespannt und die Produktivität schwach ist, könnte der inländische Preisdruck die Inflation bei oder über 2% halten. Angesichts der Tatsache, dass die EZB die Zinsen auf ein deutlich straffes Niveau angehoben hat, würde selbst ein stetiges Zinslockerungstempo in den kommenden Quartalen die Konjunktur dämpfen. Dies gilt auch unter Berücksichtigung des wahrscheinlich nun höheren neutralen Leitzinses, welcher aufgrund struktureller Verschiebungen zustande kommt, wie die EZB-Vertreter Isabel Schnabel und Phillip Lane kürzlich einräumten. EZB lockert vor der Fed. Die EZB hat ihren Kurs angepasst, bevor klar ist, wie es mit der Geldpolitik in den USA weitergeht. Dort verlief der Inflationsrückgang zuletzt langsamer – auch eine weitere Zinserhöhung ist nicht ganz ausgeschlossen.

Das Tempo weiterer Zinssenkungen durch die EZB könnte auch von den US-Leitzinsen beeinflusst werden. Begrenztes Überraschungspotenzial für die Märkte – vorerst. Die heutige EZB-Sitzung dürfte die Märkte wenig überraschen. Sie waren bereits skeptisch gegenüber aufeinanderfolgenden Zinssenkungen. Anleger sollten das Gesamtbild im Auge behalten: Die Zinsen werden wahrscheinlich strukturell höher ausfallen als vor der Pandemie, was die Attraktivität von Zinseinkommen weiterhin unterstützt.

Wir sind taktisch neutral gegenüber Staatsanleihen des Euroraums, nicht zuletzt, da der geldpolitische Kurs ungewiss bleibt. Im Vergleich zu den USA sehen wir Unterstützung für europäische Staatsanleihen aufgrund geringerer Haushaltsdefizite. Wir bevorzugen US-Aktien gegenüber europäischen aufgrund stärkerer Unternehmensgewinne und der Begeisterung für KI.“

 

Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz

„Auf ihrer heutigen Sitzung hat die EZB ihre Leitzinsen erstmals wieder gesenkt. Das gesamte Zinsband wurde um 0,25 Prozentpunkte reduziert. Damit liegt der für den Finanzmarkt relevante Einlagenzins bei 3,75%. Gleichzeitig hat die EZB ihre Wachstums- und Inflationsprognosen aufwärtsrevidiert. Im Jahresdurchschnitt 2024 erwartet die Notenbank nun eine Teuerung von 2,5 Prozent (bisher: 2,2 Prozent). Auch die Inflationsprognose für 2025 wurde auf 2,2 Prozent angehoben (bisher: 2,0 Prozent). Das Statement der EZB und die Äußerungen von Präsidentin Lagarde sind taubenhaft und wenig konkret ausgefallen.

Die EZB sieht für Europa ein deutlich geringeres Risiko eines Wiederanstiegs der Inflation als die FED für die USA, vor allem da sich die Inflationserwartungen auf niedrigerem Niveau stabilisiert haben. Der anhaltende Lohndruck lässt die Geldpolitik aber auch in Europa sehr vorsichtig agieren. Die EZB hat ihre Ankündigung erfüllt und die erste Zinssenkung durchgezogen. Dabei dürfte auch die Glaubwürdigkeit von Ankündigungen generell eine Rolle gespielt haben. Gleichzeitig hat Lagarde deutlich gemacht, dass der heutige Schritt vor allem als Verringerung der aktuell starken Bremswirkung verstanden werden soll. Ob es auch der Beginn eines Lockerungszyklus sein wird, darauf wollte sich Lagarde heute nicht klar festlegen.

Und das ist gut so, denn die einzige Gewissheit mit Blick auf die Geldpolitik ist ihre Datenabhängigkeit. Für das zweite Halbjahr erwartet die EZB ein unangenehmes Auf und Ab der Inflationsrate bei einem schrittweisen Rückgang der Lohndynamik. Bei einem solchen Verlauf sind weitere moderate Zinssenkungen zwar realistisch, allerdings könnte sich die Landezone für den Leitzins bereits bei etwa 3% befinden. Stärkere Zinssenkungen sind nur im Fall einer erneuten deutlichen Konjunktureintrübung realistisch, und damit datenabhängig.“

 

 Felix Feather, Volkswirt bei Abrdn

„Die Europäische Zentralbank hat als erste große Zentralbank der Industrieländer heute die Zinsen seit der weltweiten Zinserhöhungswelle von 2022 und 2023 gesenkt. Der Schritt kam nicht allzu überraschend für Ökonomen und Finanzmärkte, da die Entscheidung in den Mitteilungen des EZB-Rats seit der letzten Ratssitzung im April deutlich signalisiert worden war.

Nachdem der EZB-Rat eine Senkung vorgenommen hat, richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die Möglichkeit weiterer Senkungen in den kommenden Sitzungen.

In dieser Hinsicht bleiben die Verantwortlichen unverbindlich und betonen die Datenabhängigkeit und Flexibilität. In der Erklärung zu den geldpolitischen Beschlüssen heißt es eindeutig: Der EZB-Rat legt sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest.

Tatsächlich wird ein datenabhängiger Ansatz wahrscheinlich ein zurückhaltender sein. Bis zur Juli-Sitzung werden der EZB nur wenige zusätzliche Daten zur Verfügung stehen. Insbesondere werden keine harten Daten zum Lohnwachstum für das zweite Quartal verfügbar sein. Wir sind daher der Ansicht, dass die erneute Betonung der Datenabhängigkeit im Einklang mit unserer Auffassung steht, den Einlagensatz im Juli bei 3,75 Prozent zu belassen."

 

 

Valentin Jansen, Analyst bei der Nord/LB

„Die Europäische Zentralbank hat auf der heutigen Sitzung ihrer wochenlang verteidigten Kommunikationslinie Folge geleistet und erwartungsgemäß alle drei Leitzinssätze um 25 Basispunkte gesenkt. Zum 12. Juni liegt der Hauptrefinanzierungssatz somit bei 4,25 Prozent, der Einlagefazilitätensatz bei 3,75 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 4,50 Prozent. Gemäß einiger neuen Passagen im begleitenden Statement sei es an der Zeit, nach nunmehr neun Monaten unangetasteter Leitzinsen den geldpolitischen Restriktionsgrad zu moderieren. Gleichzeitig wird aber vor offenkundig noch nicht ausgestandenen Inflationsrisiken gewarnt und eine nach oben angepasste Inflationsprognose für 2024 und 2025 ausgewiesen.

Eine insgesamt ausgesprochen falkenhafte Einleitung eines Zinssenkungszyklus nach der seit EZB-Gründung vor ziemlich genau 26 Jahren massivsten Leitzinsanhebung im Umfang von insgesamt 450 Basispunkten. Mit der spätestens seit der April-Sitzung vorverdauten Zinssenkungsabsicht hatte sich die Aufmerksamkeit an den Märkten auf die kommunikative Untermalung im Hinblick auf einen möglichen vorgezeichneten Zinspfad in den kommenden Monaten gerichtet. Vor allem wegen des hartnäckigen binnenwirtschaftlichen Preisdrucks und einer anziehenden Konjunktur im Euroraum will der Rat nach wie vor keine weitergehende Guidance geben, sondern betont stattdessen weiterhin den datenabhängigen Ansatz.

Diese Vorsichtshaltung spiegelt einen bereits im Vorfeld wahrzunehmenden und verhältnismäßig breiten Konsens zwischen Falken und Tauben im EZB-Rat wider. Die heutige Entscheidung ist nach Auskunft von Frau Lagarde – bis auf eine Ausnahme – einstimmig getroffen worden. Die kleineren Anpassungen an den Projektionen für das Jahr 2024 hatten die meisten Marktteilnehmer auf dem Zettel.

Eine Überraschung kristallisiert sich aber bei der Anhebung der Inflationsprognose für das Jahr 2025 heraus, wonach sich sowohl Gesamt- als auch Kerninflation (jeweils 2,2 Prozent) nunmehr etwas weiter von der Zielmarke von 2 Prozent entfernen. Die Konjunkturprognose für 2024 hebt die EZB von 0,6 Prozent auf 0,9 Prozent, ist aber für das Folgejahr etwas pessimistischer geworden (1,4 Prozent; zuvor 1,5 Prozent). Die Inflationsrate wird im Jahresmittel 2024 nun mit 2,8 Prozent etwas höher als noch im März prognostiziert.

Weil die Währungshüter eine Rückkehr zum Inflationsziel erst in der zweiten Jahreshälfte 2025 erwarten, schafft es der Wert von 1,9 Prozent für das erwartete Jahresmittel demnach erst 2026 die Ziellinie. Allerdings werden aus unserer Sicht die im Spätsommer zu erwartenden geringeren Inflationszahlen die Tür für einen weiteren Zinsschritt öffnen. Dies bedeutet, dass aus Vorsichtsgründen erst im September die nächste Zinssenkung zu erwarten ist. Zudem dürften die geldpolitischen Sitzungen mit Aktualisierungen der Projektionen einen Vorzug für weitere Zinsanpassungen erhalten, was für einen Zinspfad von 25 Basispunkten je Quartal spricht.

Diesem Tempo folgend erwarten wir dann aber auch im Dezember eine nochmalige Leitzinsreduktion in gleicher Höhe. Erst dann wird man stärker auf die Handlungen der US-Notenbank schielen (müssen), von der man sich im Rat zwar nicht abhängig machen möchte – ein zu starkes Auseinanderdriften der jeweiligen Zinspolitiken jedoch auch in Frankfurt sicher vermeiden möchte.  Fazit: Die Europäische Zentralbank hat auf ihrer heutigen Sitzung ihrer wochenlang verteidigten Kommunikationslinie Folge geleistet und erwartungsgemäß alle drei Leitzinssätze um 25 Basispunkte gesenkt.

Vor allem wegen des hartnäckigen binnenwirtschaftlichen Preisdrucks meidet der EZB-Rat wie der Teufel das Weihwasser weiterhin jede Vorfestlegung auf einen Zinspfad. Die im Spätsommer zu erwartenden geringeren Inflationszahlen werden die Tür für einen weiteren Zinsschritt öffnen. Dies bedeutet, dass aus Vorsichtsgründen erst im September die nächste Zinssenkung zu erwarten ist. Zudem dürften die geldpolitischen Sitzungen mit Aktualisierungen der Projektionen einen Vorzug für weitere Zinsanpassungen erhalten, was für einen Zinspfad von 25 Basispunkten je Quartal spricht.“

 

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust

„Der Zinsschritt wirkt angesichts der aktuellen Daten zu Inflation und Konjunktur verfrüht. Er war von der Notenbank jedoch angekündigt und ein Verzicht hätte die Märkte in Unruhe versetzt. Begründen lässt sich die Zinssenkung in erster Linie mit mittelfristigen Einschätzungen. Die EZB demonstriert mit der Zinssenkung ein hohes Maß an Zuversicht, dass die Inflation in 2025 und danach wieder am Zwei-Prozent-Ziel liegen wird.

Auch in Anbetracht der zuletzt verbesserten Konjunkturperspektiven im Euroraum ist kaum damit zu rechnen, dass die Inflationsrate schon in 2024 wieder das Zwei-Prozent-Ziel erreicht. Voraussichtlich dürfte es bei einer weiteren Zinssenkung im September bleiben. Der Einlagensatz läge dann bei 3,5 Prozent am Jahresende.“

Carsten Klude, Chefvolkswirt von M. M. Warburg & CO

„Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank heute den Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Die große Frage ist, wie es nun weitergeht. In der Pressemitteilung zur Zinsentscheidung heißt es: "Zugleich ist der binnenwirtschaftliche Preisdruck angesichts des kräftigen Lohnwachstums nach wie vor hoch, auch wenn er in den letzten Quartalen etwas nachgelassen hat. Die Inflation dürfte bis weit ins nächste Jahr über dem Zielwert bleiben.

Dies zeigt, dass sich die EZB derzeit nicht sicher ist, wann die nächste Zinssenkung erfolgen wird. Auf der kommenden Sitzung am 18. Juli wird wohl nichts passieren, dann werden die Falken die Oberhand behalten. Aber danach wird es spannend. Im Gegensatz zur Notenbank gehe ich davon aus, dass die Inflationsrate im August und September unter 2 Prozent fallen wird. Danach könnte es basisbedingt wieder etwas nach oben gehen - einen deutlichen Anstieg erwarte ich aber nicht.

Nahrungsmittel, Energie und Industriegüter haben das Ziel der Preisniveaustabilität bereits oder zumindest fast erreicht, und bei den Dienstleistungspreisen bin ich nicht so skeptisch wie andere Ökonomen, dass diese einen Strich durch die (Zins-) Rechnung machen könnten. Insofern rechne ich in diesem Jahr noch mit zwei weiteren Zinssenkungen, einer am 12. September und einer weiteren am 12. Dezember.“

 

 

Julian Marx, Flossbach von Storch

„Wie erwartet hat die EZB die Leitzinsen um 25 Basispunkte gesenkt. Nach zehn Zinserhöhungen ist dies die erste Zinssenkung seit fünf Jahren – ein „historischer“ Schritt. Eine Einordnung. Von Julian Marx Die heutige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) war mehrfach angekündigt worden, auch von Christine Lagarde, der Notenbank-Präsidentin. Selbst Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau sprach vorab sogar gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von einem „done deal“- also einer Entscheidung, an der nicht mehr zu rütteln sei.

Und so liegen die Zinssätze für die Einlagefazilität und die Hauptrefinanzierungsgeschäfte in der Eurozone fortan bei 3,75 beziehungsweise bei 4,25 Prozent. Dabei lag die Teuerungsrate im Mai in der Eurozone bei durchschnittlich 2,6 Prozent. Auch die Kerninflation hielt sich mit 2,9 Prozent weiter unverändert spürbar oberhalb des Zwei-Prozent-Inflationsziels der Notenbank. Die Lohninflation verzeichnete im ersten Quartal 2024 mit 4,7 Prozent sogar einen Höchststand in diesem Jahrtausend. Kann man also die zurückliegenden Erfolge im Kampf gegen zeitweise zweistellige Inflationsraten ohne Weiteres fortzuschreiben?

Zunächst bleibt unklar, ob die aktuellen Daten zur Lohninflation als Vorboten einer anhaltend hoher Inflation zu interpretieren sind oder ob es sich hierbei um einmalige Nachholeffekte nach den erheblichen Reallohnverlusten in den vergangenen Jahren handelt. Jüngste Unternehmensumfragen deuten zumindest auf eine Abschwächung der Lohninflationsdynamik hin - und dürften ein wesentlicher Baustein in den Inflationsprojektionen der EZB-Mitarbeiter sein. Diese gehen unverändert davon aus, dass das Inflationsziel im Laufe des kommenden Jahres erreicht wird, und haben ihre Inflationserwartungen leicht nach oben gezogen. In den gerade veröffentlichten Schätzungen rechnen sie mit einer Inflation von 2,2 Prozent im Jahr 2025.

Für das Jahr 2026 prognostizieren sie mit einer Teuerung von 1,9 Prozent einen Wert leicht unterhalb des Notenbankziels. Wenngleich die Inflationsprognosen zuversichtlich stimmen können, sind sie mit einem hohen Maß an Unsicherheit behaftet. Das wissen wohl auch die Ratsmitglieder der EZB nur zu gut, nachdem die Inflationsprojektionen der EZB den hochschnellenden Inflationsraten im Jahr 2022 hinterherliefen. Insofern bestimmt der heutige Zinsschritt den zukünftigen geldpolitischen Pfad auch nicht. Er ist also (noch) nicht mit einer erwartbaren Abfolge mehrerer Zinssenkungen gleichzusetzen. Und dass der heutige Zinsschritt nicht unmittelbar mit der Aussicht auf weitere Zinssenkungen verbunden sein muss, ist dabei positiv zu werten, denn das zeigt, dass die EZB hinzugelernt hat.

So war die Kommunikationspolitik lange Zeit vor allem von der „Forward Guidance“ geprägt, also davon, Interessierten regelmäßig eine Maßgabe für die künftige Geldpolitik an die Hand zu geben. Im Jahr 2022 hat diese Kommunikationspolitik die EZB offenbar sogar an früheren Zinserhöhungen gehindert. Das hat sich mittlerweile geändert. Noch im Januar sagte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“, dass sich einer ersten Zinssenkung sehr wahrscheinlich eine Reihe von weiteren Zinssenkungen anschließen würde. Doch mittlerweile agiert die EZB datenabhängig.

Daher wird nicht einfach, wie früher, an einmal getätigten Aussagen um jeden Preis festgehalten. Nun sind vielmehr Anpassungen in der geldpolitischen Ausrichtung an eine Veränderung der Datenlage geknüpft. In diesem Zusammenhang haben Philip Lane, Isabel Schnabel & Co. in den vergangenen Wochen wichtige Kommunikationsarbeit für die Vorbereitung des heutigen Zinsschritts geleistet. Nachdem die Zinssenkung recht frühzeitig in Aussicht gestellt worden war, wurde sie zuletzt unmissverständlich eingeordnet, um einer Extrapolation der heutigen Senkung an den Finanzmärkten vorzubeugen.

Aussagen wie „Der Weg zurück zur Preisstabilität ist holprig […]“, „Wir beobachten das genau und sollten uns genügend Zeit lassen“ oder „Ich möchte davor warnen, in zu schnellen Schritten voranzugehen“ deuten auf eine künftige, behutsame geldpolitische Vorgehensweise hin. Welchen Wert hat die heutige Zinssenkung also, wenn sich nicht zwingend unmittelbare und spürbare Zinssenkungen anschließen müssen? Denn hinsichtlich der realwirtschaftlichen Bedingungen ändert sich zunächst einmal wenig. Beispielsweise wurden neu vergebene Unternehmenskredite in der Eurozone jüngst mit gut fünf Prozent verzinst.

Das ist deutlich mehr als vor zwei Jahren, als sie mit weniger als zwei Prozent verzinst wurden, und auch mehr als die vier Prozent Durchschnittszins, die bestehende Unternehmenskredite aktuell aufweisen. Hinzu kommt, dass die reale Zinsbelastung angesichts rückläufiger Inflationsraten in den vergangenen zwölf Monaten spürbar zugenommen hat. Für sich genommen ändert die heutige Zinssenkung zunächst einmal auch wenig an der geldpolitischen Ausrichtung. Ohnehin stellte Lane jüngst klar, dass sich in den kommenden Quartalen weniger die Frage stellt, ob die Geldpolitik noch restriktiv sein muss, sondern vielmehr, wie restriktiv sie angesichts der bereits erzielten Erfolge noch sein muss.

Aus unserer Sicht ist daher die relevante Erkenntnis der heutigen Zinsentscheidung vor allem darin zu sehen, dass die EZB aus den Fehlern ihrer Vergangenheit gelernt hat. Dass die „Datenabhängigkeit“ künftig im Vordergrund des geldpolitischen Vorgehens steht, ist vermutlich keine leere Phrase, sondern gelebte Geldpolitik. Aus Sicht der Geldpolitik hat dies den Vorteil, dass Zielkonflikte wie im Jahr 2022, als die EZB sich einer zuvor gegebenen „Forward Guidance“ verpflichtet fühlte und Zinsanhebungen aufgeschoben hat, unwahrscheinlicher geworden sind.“

 

Daniel Hartmann, Chefvolkswirt bei Bantleon

„Notenbankpräsidentin Christine Lagarde begründete die erste Leitzinssenkung seit fünf Jahren damit, dass die Währungshüter in den vergangenen Monaten zunehmend Vertrauen in den Disinflationstrend gewonnen haben. Die Inflation habe sich seit dem Hochpunkt im Oktober 2022 geviertelt (von 10,7 auf 2,6 Prozent). Zuletzt hätten sich die mittelfristigen Inflationsprognosen überdies bei 2,0% eingependelt.  Dessen ungeachtet musste Lagarde aber zugleich einräumen, dass der heimische Preisdruck nach wie vor hoch ist. Dies spiegelt sich auch in den neuen offiziellen Inflationsprognosen der EZB wider, die für die Jahre 2024/2025 gegenüber den März-Projektionen angehoben wurden (vgl. Tabelle) – und zwar deutlicher als im Vorfeld erwartet wurde.

Mit 2,8 Prozent wird nunmehr im laufenden Jahr für die Kerninflation ein Wert unterstellt, der erkennbar über dem Inflationsziel liegt. Die Anhebung dürfte einerseits dem überraschenden Inflationsanstieg im Mai geschuldet sein. Daneben liegt für die Headline wohl auch eine höhere Annahme für den durchschnittlichen Ölpreis zugrunde.  Dass der Weg zur Erreichung des Inflationsziels immer noch holprig verläuft, ist ein Grund, weshalb Lagarde keinerlei Angaben zum künftigen Zinspfad machen wollte. Weitere Zinssenkungen seien zwar wahrscheinlich, aber keineswegs sicher. Es stünde weder die Geschwindigkeit fest, mit der mögliche Zinssenkungen erfolgen, noch sei der Endpunkt der Entwicklung offenkundig. Alles hänge von den zukünftigen Daten ab. Lagarde machte aber klar, dass ein Leitzinsniveau von 3,75 Prozent immer noch eindeutig restriktiv sei und weit entfernt von einem neutralen Niveau liege. Alles in allem will die Mehrheit des EZB-Rats den Restriktionsgrad der Geldpolitik wohl weiter zurückführen.

In den kommenden Tagen dürfte es hierzu zahlreiche Wortmeldungen von EZB-Vertretern geben. Insgesamt besteht aber im Hinblick auf die kommenden Entscheidungen keine Eile. Die jüngsten Daten haben vielmehr bestätigt, dass sich zum einen die Wirtschaft der Eurozone erholt und zum anderen der heimische Preisdruck (Servicepreise) hartnäckig ist. Die EZB wird daher aller Voraussicht nach nicht sofort im Juli nachlegen, sondern bis September abwarten, ob der Disinflationstrend noch intakt ist. Wir gehen davon aus, dass dies der Fall ist und die Teuerungsraten bis zum Spätsommer Richtung 2% fallen und somit der Weg zur nächsten Zinssenkung auf 3,50 Prozent geebnet ist. 

Ob im 4. Quartal 2024 ein oder sogar zwei zusätzliche Schritte um 25 Basispunkte folgen (auf dann 3,00 Prozent), hängt vom Verlauf der wirtschaftlichen Belebung ab. Gewinnt der Aufschwung weiter an Dynamik, schwinden die Argumente für geldpolitische Lockerungen. Verliert die Erholung dagegen an Schwung, gibt es gute Gründe den Restriktionsgrad weiter zurückzuführen. Wir sehen Letzteres als wahrscheinlicher an und prognostizieren daher für Ende 2024 ein Leitzinsniveau von 3,00 Prozent (bis 3,25 Prozent).

An den Geldterminmärkten sind dagegen aktuell nur noch ein bis zwei Zinssenkungen eingepreist. Dies sollte sich in den kommenden Monaten in Richtung drei bis vier verschieben. Darüber hinaus ist es sehr wahrscheinlich, dass die Märkte zumindest temporär mit den Erwartungen überschießen und für 2025 zusätzliche Lockerungen unterstellen. In Anbetracht dessen sehen wir gute Chancen, dass die Renditen 10-jährige Bundesanleihen bis Anfang 2025 noch um circa 50 Basispunkte fallen.“

 

 

Nicolas Forest, Investmentchef  bei Candriam

„Höheren Inflationserwartungen zum Trotz ist die Europäische Zentralbank (EZB) dem Club der Zinssenkungen beigetreten und hat die Zinsen um 25 Basispunkte auf 3,75 Prozent gesenkt. Sie ist die vierte Bank unter den G10, die ihren Lockerungszyklus einleitet – nach der Schweizer Notenbank (SNB), Schwedens Riksbank und der Bank of Canada. Mit diesem Schritt kommt die EZB der US-Notenbank (Fed) zuvor – ein großer Unterschied zu der Vorgehensweise in der Vergangenheit. Die Fed dagegen scheint mehr Geduld zu haben und wartet auf überzeugendere Daten, die darauf hindeuten, dass sich die Inflation ihrem Ziel nähert. Fed-Chef Jerome Powell dürfte nächste Woche bekräftigen, dass die Geldpolitik ausreichend restriktiv ist und mehr Zeit benötigt, um zu wirken.

 

 

 

Es gibt jedoch positive Anzeichen: Die Wirtschaftstätigkeit scheint sich zu verlangsamen und die Spannungen auf dem Arbeitsmarkt lassen nach.   Übermäßige Freude ist jedoch verfrüht: EZB-Vorsitzende Christine Lagarde möchte sich nicht auf weitere Zinssenkungen festlegen. Wie die anderen Zentralbanken verfolgt sie einen schrittweisen und vorsichtigen Ansatz und wird die Situation von Treffen zu Treffen neu bewerten. Die Inflationsdaten werden das Tempo und den Zeitpunkt der nächsten Zinsschritte bestimmen. Dennoch erwarten wir zwei weitere Zinssenkungen vor Jahresende, beginnend im September, denn die vorübergehenden Inflationseffekte im Dienstleistungssektor dürften verschwinden. Gleichzeitig hat die EZB die Inflationsprognose für 2024 und 2025 angehoben.

Das deutet darauf hin, dass diese erste Zinssenkung möglicherweise nicht den Beginn eines anhaltenden Lockerungszyklus signalisiert. Im Gegenteil: Die neue Prognose bleibt vorsichtig und vermeidet eine klare Richtung für zukünftige Maßnahmen. Diese erste Zinssenkung könnte angesichts des günstigen makroökonomischen Hintergrunds auch weiterhin europäische Aktien, insbesondere Small- und Mid-Caps, stützen “

 

 

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

Danke für Ihre Bewertung
Leser bewerteten diesen Artikel durchschnittlich mit 0 Sternen