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Anhebung auf 2 Prozent EZB wagt weiteren Riesen-Zinsschritt – das sagen Finanzexperten

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Sébastien Galy, Marktstratege bei Nordea Asset Management, kommentiert:

„Bei der heutigen Entscheidung der EZB ging es nicht so sehr darum, um wie viel sie die Zinsen anhebt – 75 Basispunkte wurden allgemein erwartet –, sondern darum, auf welchem Zinsniveau sie eine Pause einlegt und die Politik der Bilanzverkürzung fortsetzt.“ Es sei zu begrüßen, dass die EZB vorsichtiger agiere als die Fed. Die US-Notenbank hatte den US-Zins 2022 innerhalb von nur sechs Monaten um beinahe 3 Prozent angehoben. Das habe den Aktienmarkt „schwer erschüttert“, so Galy. Der EZB komme zugute, „dass die Bewertungen in Europa weitaus vernünftiger sind als noch vor Monaten.“ Als negativ wertet Galy jedoch: „Was bleibt, sind Anomalien wie die Verknappung von Sicherheiten, die Bundesanleihen und französische OATs (OAT = französische Staatsanleihen) sehr teuer machen.“

Mit Blick auf kommende Schritte der Euro-Notenbanker meint Galy: „Dank sinkender Erdgaspreise und einer langsamen Verbesserung der Versorgungskette gewinnt die EZB zunehmend den Kampf mit den professionellen Anlegern, aber noch nicht mit den Haushalten. Daher muss sie rasch handeln, bevor sie ihren Zinserhöhungszyklus verlangsamt, wenn die Inflation zu schwinden beginnt.“

Und weiter: „Dann dürften auch die Inflationserwartungen sinken und die Realzinsen endlich positiv werden, da dann die eigentliche Straffung der Geldpolitik erfolgt - den Rest erledigen eine weniger expansive Geldpolitik und gutes Marketing. Im Laufe der Zeit werden sich dann auch die Aussichten für festverzinsliche Wertpapiere, Kredite und Aktien wieder grundlegend verändern.“

Jan Holthusen, Bereichsleiter aus dem Research der DZ Bank, sagt: 

„Erste Erhöhungen wären schon vor einem Jahr angebracht gewesen. Nun versucht die EZB mit Jumbo-Zinsschritten Schadensbegrenzung zu betreiben.“ Das Zeitfenster für weitere Zinserhöhungen könnte eng werden, denn die Eurozone könnte bald in eine tiefe Rezession rutschen. „Weitere Zinserhöhungen wären in einem solchen Umfeld zwar nicht unmöglich, aber deutlich schwerer zu vermitteln“, befürchtet der Ökonom.

Im Dezember rechnet man bei der DZ Bank mit einer weiteren Zinsanhebung um 50 Basispunkte und Anfang 2023 mit einem abschließenden Schritt um 25 BP nach oben – was dann „das vorläufige Ende dieses Zinserhöhungszyklus markieren dürfte“, so Holthusen.

Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS, meint: 

„Auch wenn eine Rezession in der Eurozone vor der Tür steht, die hohen Inflationsraten – auch in 2023 – werden weitere große Zinsschritte nötig machen, die über das neutrale Zinsniveau von etwa 2 Prozent hinausgehen müssen.“ Für die Dezember-Sitzung des EZB-Rats rechnet Kastens mit einer weiteren Leitzinsanhebung um mindestens 50 Basispunkte. 

Kastens erinnert zudem an die stark ausgedehnte Bilanz der Notenbank, die durch stützende Anleihekaufprogramme auf mittlerweile rund 9 Billionen Euro angestiegen ist: „Mit den veränderten Konditionen für die Langfristtender und den zusätzlichen Terminen zur vorzeitigen Rückzahlung dürfte über diesen Kanal die EZB-Bilanz in den kommenden Monaten schrumpfen. Hier ist nun der erste Schritt gemacht, der auch den größten Effekt auf die EZB-Bilanz hat. Denn allein im ersten Halbjahr 2023 laufen mehr als 1.000 Milliarden Euro aus diesen Langfristtendern aus.“ Über mögliche Wiederanlagen der auslaufenden Anleihen werde die EZB jedoch erst im Dezember entscheiden. „Hier rechnen wir mit einem langsamen Ausstieg, aber nicht mit einem aktiven Verkauf der Anleihebestände“, vermutet Kastens.

Fazit der Ökonomin: „Alles in allem nimmt die Normalisierung der Geldpolitik Fahrt auf.“

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