Faktencheck Spanien: Wie ernst ist die Lage wirklich?
Hat Spanien ein langfristiges Wachstumsmodell?
In den Jahren 1998 bis 2007 lag das durchschnittliche Wachstum Spaniens bei 3,7 Prozent. Wesentliche Wachstumstreiber waren der private Verbrauch (+4,0 Prozent pro Jahr) und die Bauinvestitionen (+6,3 Prozent pro Jahr). Seit 2008 hat sich der Wind indes komplett gedreht (vgl. Abb. 8). Wie oben bereits angemerkt, ist bei den Bauinvestitionen zwar eine Abflachung, aber noch kein Ende des Abwärtstrends absehbar.
>> Vergrößern

Noch trüber stellt sich der Ausblick für den privaten Verbrauch dar. Um an preislicher Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, haben sich die Unternehmen mit den Gewerkschaften für das laufende und die kommenden beiden Jahre auf sehr niedrige Lohnzuwachsraten geeinigt (ca. +0,5 Prozent pro Jahr), die somit deutlich unter der Verteuerung der Lebenshaltungskosten liegen dürften (derzeit 2,0 Prozent). Entsprechend werden die Reallöhne spürbar sinken.
Weiteren Gegenwind erzeugen die fallenden Immobilienpreise sowie die hohe Verschuldung der Privathaushalte. Wir gehen daher davon aus, dass der private Verbrauch in den nächsten beiden Jahren schrumpft und 2014 nur minimal wächst.
Bleibt als einziger Rettungsanker der Export, der bereits in den vergangenen drei Jahren „Schlimmeres“ verhindert hat. Dabei schien die Ausgangslage Anfang 2009 alles andere als günstig. Die spanische Exportquote (Exporte/BIP) lag mit ca. 27 Prozent unter dem Durchschnitt der Eurozone (41 Prozent). Zugleich war die Ausfuhr stark auf Europa konzentriert – 70 Prozent der Exporte gingen in die EU – und die Industrie galt infolge der zwischen 1998 und 2007 kräftig gestiegenen Lohnstückkosten als wenig wettbewerbsfähig.
>> Vergrößern
Die spanische Wirtschaft hat jedoch alle Pessimisten eines Besseren belehrt. Das Land weist in der Nachfolge der Finanzkrise die beste Exportperformance unter den Euroländern auf (vgl. Abb. 9). Die stärksten Impulse kamen dabei aus den Schwellenländern. So hat sich etwa der Export in die BRIC-Staaten seit Anfang 2009 verdoppelt. Auch profitiert das Land von den traditionell guten Beziehungen zu Lateinamerika. Immerhin knapp 5 Prozent der Exporte gehen nach Mittel- und Südamerika (in Deutschland sind es nur 2 Prozent).
Spanien ist es dank des dynamischen Exportwachstums gelungen, seinen zugegebenermaßen niedrigen Weltmarktanteil von 2,0 Prozent zu halten. Die Chancen stehen gut, dass dies auch in Zukunft so bleibt, denn im Hinblick auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit konnte das Land in den vergangenen Quartalen Boden gutmachen. Die Lohnstückkosten sind seit Mitte 2009 um fast 7 Prozent gefallen, während sie zum Beispiel in Deutschland leicht gestiegen sind (vgl. Abb. 10).
Diese gegenläufige Entwicklung sollte sich in den nächsten Jahren sogar noch verstärken. Dafür sprechen neben der konträren Arbeitslosenentwicklung (gemäß Eurostat liegt die Quote derzeit in Spanien bei 24,1 Prozent, in Deutschland bei 5,6 Prozent) auch die spanischen Arbeitsmarktreformen. Sie haben unter anderem das Ende der strikten Kopplung der Löhne an die Inflationsrate mit sich gebracht und eröffnen wirtschaftlich angeschlagenen Betrieben die Möglichkeit, vom Tarifvertrag abzuweichen.
Vor dieser Kulisse gehen wir davon aus, dass die Lohnstückkosten in Spanien in den nächsten drei Jahren um 2,0 Prozent pro Jahr fallen, während sie in Deutschland um 1,0 Prozent pro Jahr zulegen dürften. Bis 2016 könnte sich somit die Schere, die sich im vergangenen Jahrzehnt aufgetan hat, wieder schließen.
>> Vergrößern

Nicht zuletzt dank der steigenden Wettbewerbsfähigkeit erwarten wir, dass der spanische Export weiterhin im Einklang mit dem Welthandel wächst. Mit anderen Worten: In einem Jahr mit durchschnittlichem globalem Wachstum (3,5 Prozent bis 4,0 Prozent) sollte die spanische Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen (real) um 4 Prozent expandieren und könnte so bei einer schwachen Binnennachfrage einen Wachstumsbeitrag von 1,0 Prozentpunkten generieren.
Wenn man darüber hinaus davon ausgeht, dass die Binnennachfrage ab 2014 wieder leicht expandiert, ist ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von 1,5 Prozent realistisch.
Spanien – kurzfristig mit Risiken behaftet, mittelfristig überwiegen positive Tendenzen
Das Fazit für Spanien fällt zweigeteilt aus. Kurzfristig sind weiter Negativschlagzeilen vorprogrammiert: Die Rezession wird sich im 2. und 3. Quartal aufgrund der restriktiven Fiskalpolitik nochmals vertiefen. Damit einher gehen steigende Arbeitslosenquoten und weiter fallende Immobilienpreise.
Daneben dürfte die Einrichtung der „Bad Banks“ einige Leichen bei den Kreditinstituten zu Tage befördern und zusätzliche staatliche Kapitalhilfen notwendig machen, die den Staatshaushalt belasten.
Mittel- und langfristig ist es aus unserer Sicht aber nicht allzu schlecht um Spanien bestellt. Auch nach einer umfassenden (staatlich gestützten) Bankensanierung dürfte die Solvenz gewährleistet bleiben – zumindest wenn die EZB und/oder die Euroländer für ein erträgliches Zinsniveau sorgen. Die Schwelle von 100 Prozent Staatsverschuldung zum BIP wird nach unserer Prognose nicht überschritten.
Auch was ein zukünftiges Wachstumsmodell Spaniens anbetrifft, zeichnet sich Licht am Ende des Tunnels ab. Der Export könnte die Rolle des Wachstumsmotors übernehmen. Nach dem Abschluss der Haushaltskonsolidierung sollten daher wieder durchschnittliche Wachstumsraten von mindestens 1,5 Prozent pro Jahr möglich sein.
Meistgelesen
Top-News

