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Andrea CarzanaLesedauer: 4 Minuten
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Textilbranche und Nachhaltigkeit Fast Fashion kommt aus der Mode

Neues Lieblingsstück
Neues Lieblingsstück: Die Textilindustrie gehört zu den umweltschädlichsten Branchen überhaupt. Der Trend geht aber immer stärker von Fast Fashion in Richtung Second Hand. | Foto: Imago Images / MASKOT
Andrea Carzana, CTI

Pro Jahr werden aktuell rund 100 Milliarden Kleidungsstücke verkauft – das sind 50 Prozent mehr als 2006. Dafür verantwortlich ist vor allem die Fast Fashion: Trendige, günstige Klamotten, die schnell wieder aus der Mode sind. Durch das rasante Wachstum ist die Modeindustrie mittlerweile eine der umweltschädlichsten Branchen der Welt: Sie bläst mehr CO2 in die Atmosphäre als die Luft- und Schifffahrt zusammen. Zudem verbraucht sie knapp 79 Milliarden Kubikmeter Süßwasser pro Jahr.

Nur sehr wenig Bekleidung wird recycelt oder wiederverwendet. Der Großteil landet auf Mülldeponien oder wird innerhalb eines Jahres nach der Produktion verbrannt. Laut der in Großbritannien registrierten Wohltätigkeitsorganisation Ellen MacArthur Foundation, die die Kreislaufwirtschaft fördert, stellt die globale Modeindustrie rund 53 Millionen Tonnen Fasern pro Jahr her, von denen mehr als 70 Prozent letztlich im Müll landen. Weniger als ein Prozent wird für neue Bekleidung wiederverwendet.

Wir befinden uns jedoch in der Anfangsphase eines strukturellen Wandels, der von jungen Verbrauchern vorangetrieben wird und durch ein größeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist. Die Einzelhändler freunden sich langsam mit der Idee des Recyclings und Wiederverkaufs an und Regierungen entwickeln Initiativen, um diesen Wandel zu unterstützen.

Der Aufstieg des Wiederverwendungs- sowie Second-Hand-Marktes könnte auch Anlegern Chancen bieten: Prognosen zufolge wird sich sein Volumen in den kommenden fünf Jahren auf 77 Milliarden US-Dollar verdoppeln und könnte bis 2030 zweimal so groß sein wie der Markt für Fast Fashion.

Unternehmen denken um

Ein Unternehmen, das diese Chance bereits erkannt und genutzt hat, ist Zalando. Der E-Commerce-Anbieter für Mode- und Lifestyle-Produkte hat sich zum Ziel gesetzt, die Grundsätze der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft in seine Unternehmensstrategie zu integrieren. Dadurch möchte es eine Modeplattform werden, die in jeder Hinsicht positiv wahrgenommen wird. Wenn sich die Vorlieben der Verbraucher weiter in Richtung nachhaltigerer Produkte und Wiederverkauf bewegen, dürfte das Unternehmen davon profitieren.

Zalando konzentriert sich auf die Förderung der Kreislaufwirtschaft und möchte die Lebensdauer von mindestens 50 Millionen Produkten verlängern sowie das Bruttohandelsvolumen aus nachhaltigeren Produkten von 16 Prozent im Jahr 2020 bis zum Jahr 2023 auf 25 Prozent zu steigern. Dafür hat das Unternehmen auf seiner Plattform Kennzeichnungen und Suchfilter für nachhaltigere Produkte eingeführt. Kunden können gezielt Artikel auszuwählen, bei deren Herstellung umweltfreundlichere Materialien genutzt beziehungsweise auf den Wasserfußabdruck und Arbeitnehmerschutz geachtet wurde.

Darüber hinaus bietet das Unternehmen die Möglichkeit zum Kauf und Verkauf von Second-Hand-Artikeln auf der firmeneigenen Plattform Zircle und kauft über die „Pre-Owned“-Initiative direkt gebrauchte Artikel von Kunden. Zalando hofft, von der so entstehenden Loyalität zu profitieren, indem die Kundenbeziehungen durch das stärkere Engagement länger und besser werden.

Second Hand gewinnt immer stärker an Bedeutung

Zalando ist nicht der einzige bedeutende Akteur in der Modebranche, der sich auf diesen langfristigen strukturellen Wandel einstellt. Das E-Commerce-Unternehmen Etsy hat für 1,6 Milliarden US-Dollar Depop übernommen. Dabei handelt es sich um eine Second-Hand-Mode-App, deren Nutzer zu 90 Prozent jünger als 26 Jahre alt sind. H&M hat 70 Prozent der Anteile an Sellpy erworben, einem Second-Hand-Marktplatz, der sich auf Nachhaltigkeit konzentriert und in 20 neue Märkte expandieren will. Die H&M-Tochtergesellschaft COS wiederum hat eine digitale Wiederverkaufsplattform namens Resell eingeführt, die den Wiederverkauf von COS-Artikeln zwischen Verbrauchern ermöglicht. Vinted, eine europäische Online-Plattform für den Wiederverkauf von Bekleidung, warb bei ihrer letzten Finanzierungsrunde 250 Millionen ein – und ist damit jetzt 3,5 Milliarden Euro wert. Selbst der Luxus-Mischkonzern Kering beteiligt sich an diesem Trend und erwarb einen Anteil von 5 Prozent an Vestiaire Collective. Dabei handelt es sich um eine Plattform für den Wiederverkauf von Luxuskleidung.

Ein weiterer Schritt, der den strukturellen Wandel im Modekonsum verstärken könnte, ist das von Nike eingeführte Second-Hand-Pilotprojekt für Sneakers, Nike Refurbished. Dies ist ein Beispiel für einen direkten Schritt eines Unternehmens in den Resale-Markt. Bisher haben die meisten führenden Marken eine direkte Beteiligung am Produktwiederverkauf vermieden.

Regulatorische Unterstützung

Ebenso wie die Branche hat auch die Politik erkannt, wie wichtig das Thema ist. Das Vereinigte Königreich und die EU streben eine Abkehr von der Wegwerfwirtschaft an. Die britische Umweltorganisation WRAP hat das Programm „Textiles 2030“ ins Leben gerufen. Die Initiative steht allen Unternehmen in der Wertschöpfungskette der Mode- und Textilindustrie offen – vom Einzelhändler bis zum Recycler. Sie ermöglicht es ihren Mitgliedern, beim Thema Nachhaltigkeit zusammenzuarbeiten. Außerdem gibt sie ihnen die Gelegenheit, zur politischen Diskussion auf Regierungsebene über weitere gesetzliche Regelungen im Vereinigten Königreich beizutragen.

Das britische Ministerium für Umwelt, Ernährung und Angelegenheiten des ländlichen Raums berät indes über einen Plan für eine erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) in den Bereichen Mode, Bau, Fahrzeuge, Nahrungsmittel und Elektronik. Die EU wiederum zieht im Rahmen ihres Aktionsplans Kreislaufwirtschaft ähnliche Maßnahmen in Betracht, auch für die Textilbranche. Auf diese Weise erhalten die Hersteller Anreize für eine nachhaltigere Produktion. Für die Unternehmen bedeutet das aller Voraussicht nach, dass sie in das Recycling von Kleidung investieren und im Hinblick auf Materialien und Textildesign innovativ werden müssen. Dazu tragen im Übrigen auch die immer ambitionierteren Klimaziele bei.

Der Einfluss auf der Konsumseite sowie der regulatorische Druck könnten zu einem unaufhaltsamen und langfristigen strukturellen Wandel in der Modebranche führen. Zumal Konsumenten beim Kleidungskauf planen, einen größeren Teil ihrer Ausgaben für wiederverwendbare Artikel zu tätigen. Second Hand könnte sich daher als erstklassige Anlagechance erweisen.

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