Fast vergessen scheint die Zeit, in der so gut wie alle großen Notenbanken auf der Welt ihre Leitzinsen sehr schnell und sehr stark anhoben. Das plötzliche Aufflammen der Inflation führte zu einer Abkehr der jahrelangen „Nullzins-Politik“. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Leitzinsen in den USA von null auf bis zu 5,5 Prozent angehoben. Diese enorme geldpolitische Kehrtwende blieb selbstverständlich nicht ohne Folgen. So gut wie alle Assetklassen kamen weltweit unter Druck. Auch Anleihen, die oft als Risikopuffer in Depots dienen sollen, verzeichneten zweistellige Verluste.
Heute herrscht an den Börsen dagegen wieder ausgelassene Stimmung. Hohe Kursgewinne und neue Allzeithochs bei Aktien und Indizes scheinen Alltag geworden zu sein. Dabei ist die letzte Zinserhöhung in den USA gerade einmal ungefähr eineinhalb Jahre her. Tatsächlich war der Tiefpunkt an den Aktienmärkten aber schon neun Monate früher erreicht. Das allgemeine Narrativ und die Hoffnung der Anleger war und ist weiterhin, dass in den USA das „Soft-Landing“ gelingen wird, also die erfolgreiche Bekämpfung der Inflation, ohne die Wirtschaft dabei in eine Rezession zu stürzen.
Historisch gesehen standen die Chancen nicht gut, dass der Fed dieser Drahtseilakt gelingen würde. Aber trotz Eintrübung einiger Wirtschaftsindikatoren ist vor allem der Arbeitsmarkt in den USA robust geblieben, wodurch der private Konsum die US-Wirtschaft erfolgreich stützen konnte. Das Ergebnis war ein Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent 2023 und 2,8 Prozent 2024. Damit befindet sich die USA in Sphären, von denen wir in Europa und insbesondere in Deutschland nur träumen können. Gleichzeitig konnte die Inflation in den USA erfolgreich auf unter drei Prozent gedrückt werden.
Trump wird die Staatsverschuldung weiter in die Höhe treiben
Die Fed steht allerdings bereits vor dem nächsten Problem. Sie sieht sich nämlich mit einem US-Präsidenten konfrontiert, der der Notenbank ihre Unabhängigkeit absprechen möchte und voraussichtlich die ohnehin sehr hohe Staatsverschuldung weiter in die Höhe treiben wird. Dies könnte dazu führen, dass trotz Leitzinssenkungen, die langfristigen Zinsen wieder steigen werden. Abzulesen ist das an der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die aktuell in etwa auf dem Niveau des Leitzinses liegt.
Eigentlich sollte dieses Niveau Aktieninvestoren bereits jetzt ein Dorn im Auge sein, vergleicht man die Rendite der Staatsanleihen beispielsweise mit der Gewinnrendite des S&P 500. Diese liegt aktuell nämlich mit ca. 3,5 Prozent unterhalb der Anleihenrendite. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass das höhere Risiko der Aktien gegenüber den Anleihen nicht mit einer höheren Rendite ausgeglichen wird.
Der Einfluss auf die langfristigen Zinsen ist allerdings nicht so einfach. Die Einflussfaktoren auf die Anleihenrendite sind sehr vielseitig und nicht immer von einer Notenbank zu beeinflussen. So ist es vorstellbar, dass aufgrund der Unsicherheit über die hohe Staatsverschuldung der USA schlicht und ergreifend die Käufer der Staatsanleihen ausbleiben. Um die hohen Schulden zu finanzieren, müsste die Rendite also weiter steigen, um mehr Käufer anzulocken. Dem hat die Fed jedoch nicht viel entgegenzusetzen. Unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen, wie wir sie in Folge der Finanzkrise gesehen haben, erscheinen Angesichts eines robusten Wirtschaftswachstum und einer Inflation deutlich über dem Zielwert der Fed als ausgeschlossen.
Auch wenn die Fed, wie an den Märkten erwartet, die Leitzinsen im Jahresverlauf weiter senken wird, könnten die Anleiherenditen wieder in Richtung der Fünf-Prozent-Marke steigen und dem Aufschwung an der Börse ein vorübergehendes Ende bereiten. Die Auswirkungen der fiskalpolitischen Entscheidungen sind allerdings nur schwer einschätzbar und das aktuelle Umfeld einer weiterhin starken US-Wirtschaft bleibt positiv für Aktien. Außerdem hat die Fed ja bereits bewiesen, dass sie einen herausfordernden Drahtseilakt mit Bravour bestehen kann.
Über den Autor:
Christopher Lindken ist Prokurist bei der GAP Vermögensverwaltung in Köln.