Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust:

„In einer schwierigen Wirtschaftslage geht die EZB mit der neunten Leitzinserhöhung seit Juli vergangenen Jahres weiter gegen die noch viel zu hohe Inflation vor. Vorankündigungen zur weiteren Zinspolitik wurden richtigerweise vermieden und weitere Schritte von den eingehenden Wirtschafts- und Inflationsdaten abhängig gemacht. Einigkeit dürfte im Zentralbankrat wohl darüber bestehen, dass die Inflationsdynamik noch keineswegs gebrochen ist. Trotz aller Fortschritte bei der Inflationseindämmung liegen Gesamtinflation und Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel noch bei viel zu hohen 5,5 Prozent. Der weitere Rückgang dürfte angesichts hoher Lohnabschlüsse wieder steigender Energiepreise und noch vorhandener Überwälzungsspielräume der Unternehmen nur graduell ausfallen. Differenzen dürfte es bei der Frage geben, inwieweit die bisherigen Zinssteigerungen – die ja mit zeitlicher Verzögerung wirken – die Konjunktur und damit auch den Inflationsdruck auf Sicht dämpfen werden. Eine harte Landung der Wirtschaft mit deutlichen Einkommensverlusten zeichnet sich zwar noch nicht ab, aber die Konjunktur ist erkennbar angeschlagen. Daher dürfte im September eine Zinspause eingelegt werden.“

 

Carsten Roemheld, Kapitalmarkstratege bei Fidelity International:

„Erwartungsgemäß erhöhte die EZB in ihrer heutigen Sitzung die Leitzinsen um 25 Basispunkte. Der Zinsschritt selbst war genauso erwartet worden und ist für Marktbeobachter nicht überraschend. Aus meiner Sicht neigt sich der Zinszyklus nach der heutigen Entscheidung aber noch nicht dem Ende zu. Es scheint innerhalb des Beirats keine Einstimmigkeit über die Zinspolitik bis Ende des Jahres zu geben. Die Falken rund um Isabell Schnabel und Bundesbank-Chef Joachim Nagel hatten sich schon vor einiger Zeit auf mindestens eine weitere Zinserhöhung über Juli hinaus festgelegt. Andere Mitglieder des Gremiums hielten dies für möglich, aber nicht sicher. In ihrer Kommunikation ließ sich die EZB heute alle Türen offen. Der Ton war insgesamt restriktiv, erste Erfolge der Zinspolitik wurden aber ebenso betont. Das zeigt: Statt zwischen den Zeilen zu lesen, sollten sich Außenstehende auf die Wirtschaftsdaten konzentrieren. Entscheidend wird die Kerninflation sein, die zuletzt nicht so stark nach unten ging wie die gewöhnliche Konsuminflation. Solange die Kerninflation über 4 Prozent verharrt, wird die EZB weiter restriktiv bleiben. Für Anlegerinnen und Anleger bleibt damit Vorsicht das Gebot der Stunde, insbesondere wenn sie in stark zinssensitive und wachstumsreiche Anlageinstrumente investiert sind.“

 

Michelle Cluver, Portfoliostrategin bei Global X:

„Die EZB hat die Leitzinsen erwartungsgemäß um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent erhöht. Dies war der neunte Zinsschritt in Folge. Trotz der Sorgen um das Wirtschaftswachstum bleibt die EZB ihrem Kurs im Kampf gegen die Inflation treu. Die Inflationsdaten vom Juni waren ermutigend, aber es muss noch mehr getan werden, um die Inflation wieder auf ein Niveau von 2 Prozent zu bringen. Nach dieser Anhebung erwarten die Märkte eine weitere Erhöhung in diesem Jahr. Die Zentralbanken nähern sich jedoch dem Ende ihres Zinserhöhungspfades, was den Märkten zugutekommt.“