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Straßenverkehr in Mumbai: In Indien leben 30 bis 40 Millionen Menschen mit einem Jahreseinkommen von mehr als 10.000 US-Dollar, die Zahl könnte sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Foto: imago images / Hindustan Times

Fidelity-Expertenmeinungen

Warum Indien neues Terrain für Tech-Einhörner sein könnte

Amit Goel, Portfoliomanager des Fidelity India Focus Fund

Sobald das Silicon Valley feststellt, dass der chinesische Markt wegen des Handelskriegs mit den USA nicht mehr zugänglich ist, könnte es seine Zelte in Indien aufschlagen. Apple hat vor kurzem angekündigt, dass es einen Teil seiner Produktionslinien von China nach Indien verlagern wird, um sowohl die Exportmärkte als auch die Inlandsnachfrage Indiens zu bedienen. Eine ähnliche, aber nicht ganz so offensichtliche Schwerpunktverlagerung sehen wir auch bei den Internetfirmen.

Die großen US-amerikanischen Technologiekonzerne bauen seit Jahren ihre Präsenz in Indien aus. Doch unserer Ansicht nach hat der Markt jetzt einen Wendepunkt im Online-Konsum erreicht, der durch den steigenden städtischen Wohlstand in Indien vorangetrieben wird. Obwohl Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon in Indien bereits ihre jeweiligen Tätigkeitsfelder wie Suchmaschinen, soziale Netzwerke und E-Commerce dominieren, nimmt auch die heimische Start-up-Szene Fahrt auf. In Bereichen wie Online-Bildung und Lebensmitteleinzelhandel sind große Teile des Marktes noch nicht erschlossen.

Der direkte Sprung zum Handy

Die Verbreitung des Internets erfolgte in Indien später als in China, dafür aber umso schneller. Ermöglicht wurde dies durch digitales „Leapfrogging": Die Menschen in Indien haben feste Breitbandverbindungen umgangen und machten sich direkt billigere und leichter verfügbare mobile Technologien zu eigen.

Das inländische Unternehmen Reliance erwies sich hier als Katalysator, der die Spielregeln veränderte: Das Unternehmen stellte den weltweit günstigsten Datenzugang bereit. Dies führte dazu, dass Indiens Abonnentenzahlen für drahtlose Breitbanddienste innerhalb von vier Jahren von 150 Millionen auf rund 650 Millionen anstiegen. Dies sind allerdings immer noch gerade einmal 50 Prozent der indischen Bevölkerung, wohingegen die Durchdringungsrate des Internets in China bei etwa 65 Prozent liegt.

Für die globalen Internetfirmen ist es nicht ganz einfach, in Indien erfolgreich zu sein. Das regulatorische Umfeld ist angesichts des verstärkten Fokus auf die Datensicherheit mitunter sehr streng. Zu den weiteren Herausforderungen zählen die Anforderungen an inländisches Eigentum, der Widerstand der etablierten Unternehmen und die Anpassung an lokale Vorlieben und Kulturen.

Der Aufbau einer Kundenbasis in Indien ist eine Sache, die Erschließung von Einnahmequellen eine andere. Facebook und Google haben mit WhatsApp beziehungsweise YouTube eine große lokale Präsenz aufgebaut. Obwohl diese Unternehmen nun mit digitaler Werbung erfolgreich sind, hatten sie Schwierigkeiten, in anderen Bereichen Geld zu verdienen.

Indiens Unified Payments Interface (UPI) wurde 2016 als landesweiter kostenloser Service für Interbanküberweisungen eingeführt, wodurch ein Großteil des Bedarfs an anderen externen Zahlungssystemen entfällt – aber auch deren Gewinnmöglichkeiten. Ein weiterer Knackpunkt sind die Anforderungen, dass Benutzerdaten lokal gespeichert werden müssen. WhatsApp ist nun endlich so weit, sein Zahlungssystem, das auf UPI aufbaut, auf den Markt zu bringen, nachdem es die Vorgaben zur Datenlokalisierung erfüllt hat – drei Jahre nach Bekanntgabe des Projekts.

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