Weder von Aliens entführt noch mit MK Ultra behandelt Foto: Johannes Arlt

Wachtendorf-Kolumne

Finanz-Querdenker: Gehirnwäsche mit Merkel-Raute

„Er ist wieder da“ – wer bei diesen Worten automatisch an einen Top-Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt denkt, liegt goldrichtig. Marc „Gänsehaut“ Friedrich, Autor von „Der größte Crash aller Zeiten“, hat sich nach der Trennung von seinem Partner Matthias Weik aus der Versenkung zurückgemeldet. Und beruhigt in einer Youtube-Botschaft seine Fans: Nein, er wurde nicht von Aliens entführt. Es geht ihm gesundheitlich gut, und er schreibt auch kein neues Buch. Davon einmal abgesehen, da lässt der Wiederauferstandene keinen Zweifel, muss der geneigte Zuhörer weiter mit dem Schlimmsten rechnen.

Ich weiß nicht, wie Sie es empfinden. Wenn ich das Video betrachte, ist „Gehirnwäsche“ noch der harmloseste Begriff, der mir dazu einfällt. Entfernt erinnert mich dieser bizarre Auftritt an den Fernsehprediger Kenneth Copeland, der auf die Nachricht, Joe Biden liege in der Auszählung der Stimmen zur US-Präsidentschaftswahl vorn, einen hysterischen Lachanfall simuliert. Oder an Trump-Sohn Donald Jr., der seinen Vater nach der Wahl auffordert, „bis zum Tod“ gegen den vermeintlichen Diebstahl der Präsidentschaft zu kämpfen. Nicht in der inhaltlichen Aussage, Gott bewahre. Aber in der Art und Weise, wie das eigene, permanent um ein einziges Thema kreisende Denken zur universell gültigen Wahrheit erklärt wird. In diesem Fall den totalen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, der nach Ansicht Friedrichs und seiner wechselnden, als „die weltweit klügsten Köpfe“ angepriesenen Gesprächspartner alternativlos ist.

Das wirklich Aufschlussreiche an derartigen Auftritten sind nicht die Botschaften an sich. Sondern die Reaktionen, die sie hervorrufen. Etwa die verklärten Gesichter und die stehenden Ovationen, mit denen das Publikum den Lachanfall des Predigers honoriert. Oder die Kommentare, die sich unter Friedrichs „Ich-bin-wieder-da“-Kolumne finden. Ein Betrachter etwa fürchtet wegen der mehrfach verwendeten Merkel-Raute, das Idol könne die Seiten gewechselt haben beziehungsweise – „noch schlimmer“ – mit der Geheimdienst-Droge MK Ultra behandelt worden sein. Ein anderer beklagt sich über die monatelange Funkstille: Deutschland habe sich in dieser Zeit immer mehr zu einer faschistischen Diktatur entwickelt, da hätte es Beistand gebraucht. Ein dritter wiederum bekennt freimütig, von Finanzen absolut keine Ahnung zu haben und hofft, aus den vollmundig als „atemberaubend“ angekündigten Analysen und Interviews etwas lernen zu können.

Für Journalisten wie für Finanzberater ergibt sich aus den geschilderten Reaktionen eine spannende Frage: Wie erreicht man ein solches Publikum? Denn es sind ja nicht eben wenige, die „Der größte Crash aller Zeiten“ begeistert gelesen haben und jedem neuen Beitrag von Friedrich & Konsorten förmlich entgegenfiebern.

Im ersten Schritt ist es natürlich wichtig, die gezielt geschürten Ängste ernst zu nehmen. Denn in einem Punkt könnte Friedrich durchaus recht behalten: Anlegern steht in den kommenden Jahren an den Finanzmärkten sehr wahrscheinlich ein Paradigmenwechsel bevor, der so manch sicher geglaubte Gewissheit auf den Kopf stellen wird. Wer dies gänzlich ignoriert und Empfehlungen lediglich aus der Vergangenheit ableitet, wird deshalb vermutlich nicht weit kommen. Statt Staatsanleihen und Spareinlagen sind tatsächlich Sachwerte das Gebot der Stunde. Wobei eine breite Streuung ebenso wichtig ist wie Gebührentransparenz und die nötige Rechtssicherheit sowie Praktikabilität (keine Diamanten, kein Whisky, keine Edelholz-Plantagen in Schwellenländern).

Bei 20, vielleicht auch 30 Prozent der Crash-Propheten-Klientel mag das funktionieren. Für die anderen bleibt nur eins: Sie machen lassen, was sie glauben machen zu müssen, und allenfalls anbieten, sich Ende 2023 wieder mit ihnen zu einem Depot-Vergleich zu treffen. Denn spätestens dann soll ja ihren Quer- und Vordenkern zufolge die Welt, wie wir sie heute kennen, untergegangen sein.

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