China Evergrande, Country Garden und Co. – die Probleme der Projektentwickler schweben nicht nur in China, sondern weltweit wie ein Damoklesschwert über den Finanzmärkten. Das Thema ist zwar derzeit weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden, eine Lösung für den angeschlagenen Immobilienmarkt der Volksrepublik lässt aber weiter auf sich warten. Die Kommunistische Partei scheint bislang nur wenig Handlungsdruck zu empfinden.
Das ist erstaunlich, denn Peking kann sich einen Kollaps des heimischen Immobilienmarktes eigentlich nicht leisten. Experten schätzen, dass 70 bis 80 Prozent der Ersparnisse der chinesischen Haushalte in Betongold stecken. In China stammen rund 18 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts direkt von den Investments in Wohnimmobilien. Zum Vergleich: In den USA sind es weniger als vier Prozent.
In China ist es üblich, dass neue Wohnungen von den Käufern bereits bezahlt werden, bevor sie fertiggestellt sind. Die Schieflage und die extrem hohe Verschuldung verschiedener Projektentwickler sorgen somit für erhebliche Unsicherheiten.
Flaute auf dem Immobilienmarkt
Kein Wunder, dass die Neigung der Chinesen, weiteres Geld in den dortigen Immobilienmarkt zu investieren, stark gelitten hat, wenn bereits bezahlte Wohnungen nicht fertiggestellt werden. Die Verkäufe neuer Wohnungen sind zuletzt um mehr als 25 Prozent eingebrochen.
Zur vergleichsweisen jungen Krise des chinesischen Immobilienmarktes kommt noch die mittel- bis langfristig negative demographische Entwicklung hinzu. Die Geburtenrate ist in der Volksrepublik im vergangenen Jahr auf das Rekordtief von 1,09 gefallen. Die Gruppe der 20- bis 50-Jährigen, von der das Gros der Immobilienkäufer stammt, schrumpft bereits.
Die Krise des chinesischen Immobilienmarktes hat verschiedene gravierende Auswirkungen. Denn wenn spürbar weniger gebaut wird, sinkt unmittelbar die Nachfrage nach Zement, Kupfer oder Stahl. Es ist aber auch eine Kettenreaktion möglich, die über den Bausektor hinausgeht und zu Rückgängen bei der Beschäftigung führen könnte.
Die herrschenden Unsicherheiten wirken sich bereits stark auf die Konsumneigung der chinesischen Bevölkerung aus, die schon seit längerer Zeit den Rückwärtsgang eingeschaltet hat. Eigentlich peilt die chinesische Regierung ein stärker auf dem Binnenkonsum basierendes Wirtschaftswachstum an, um die Exportabhängigkeit zu reduzieren. Dieses Ziel könnte nun gefährdet sein und möglicherweise zu innenpolitischen Instabilitäten führen.
Doch noch gibt sich Peking gelassen. Die politischen Entscheidungsträger haben sich bislang dafür entschieden, so lange wie möglich auf großflächige Anreize zu verzichten. Offensichtlich sind die Behörden erst dann bereit, Stimuli zu gewähren, wenn die Arbeitslosenquote stark steigt oder an den inländischen Finanzmärkten Krisenmodus herrscht. Beides ist bislang (noch) nicht der Fall.
Der Internationale Währungsfonds zeigt sich dagegen schon deutlich besorgter. Dessen Chefvolkswirt, der französische Ökonom Pierre-Olivier Gourinchas, fordert von Peking ein energisches Vorgehen, um die angeschlagenen Bauträger zu sanieren, damit die finanzielle Instabilität des chinesischen Immobilienmarkts sich nicht auf das internationale Finanzsystem überträgt.
Zu den großen und unerklärlichen Auffälligkeiten des chinesischen Immobilienmarkts gehört sicherlich, dass sich Wohnungen bislang nicht verbilligt haben. Aufgrund der deutlich gesunkenen Nachfrage hätte das normalerweise der Fall sein müssen. Doch die Preise bewegen sich auf Rekordniveau. Das sieht verdächtig nach Interventionen durch staatliche Behörden aus, was einer Bereinigung des Marktes entgegensteht.
Preisrückgang dringend erforderlich
Zwar mögen die (zu) hohen und bislang stabilen Immobilienpreise die Stimmung der chinesischen Verbraucher etwas unterstützen. Den Projektentwicklern brechen aber die Umsätze weg und sie haben Schwierigkeiten ihre Wohnungsbestände abzubauen.
Grundsätzlich verfügt der chinesische Staat noch über die geeigneten Mittel, gegen die Immobilienkrise anzugehen. Im Gegensatz zum Rest der Welt, gibt es in der Volksrepublik keinen Inflationsdruck. Es gilt eher das Gegenteil, es herrschen deflatorische Tendenzen. Das eröffnet Spielräume in der Geldpolitik. Ähnliches gilt für die Fiskalpolitik.
Der chinesische Immobilienmarkt ist eigentlich zu groß, um zu scheitern. Das dürfte auch den Politikern in Peking bewusst sein. Diese fürchten vor allem einen spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit und damit verbunden soziale Unruhen. Junge und zum Teil auch gut ausgebildete Chinesen haben bereits heute Schwierigkeiten, eine vernünftige Arbeit zu finden. Das könnte sich kurioserweise als Hoffnungsschimmer erweisen und die Regierung zum Handeln bewegen.
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Über den Autor:
Norbert Hagen ist Sprecher des Vorstands der ICM Investmentbank. Das Institut wurde 1999 als Buyout der Hypovereinsbank-Gruppe gegründet und verwaltet rund 500 Millionen Euro an Kundengeldern.
