Insgesamt wächst die US-Wirtschaft weiterhin solide, wenngleich das Beschäftigungswachstum nachlässt und die Inflation noch immer hoch ist, längerfristig aber weiter sinken dürfte.
Die Gesamtzahlen verschleiern jedoch große Unterschiede. Tatsache ist, dass viele der widerstandsfähigsten Segmente der Wirtschaft – ob Unternehmen oder Haushalte – nicht sonderlich empfindlich auf höhere Zinsen reagieren, da hohe liquide Mittel und gute Cashflows eine Kreditaufnahme weniger zwingend machen. Zugleich haben die ärmeren 50 Prozent der US-Amerikaner weit mehr Schulden (ohne Hypotheken) als Bares auf der hohen Kante. Als die Zinsen stiegen, litten sie daher unter den höheren Zinskosten, ohne von den höheren Vermögenspreisen oder Geldmarktrenditen zu profitieren. Hinzu kommen die langsamer steigenden Löhne, da der Arbeitsmarkt unter Druck geraten ist. Diese für sie schmerzliche Entwicklung geht in den Gesamtzahlen jedoch weitgehend unter, da die ärmere Hälfte der Bevölkerung einen geringeren Anteil am Gesamtkonsum hat.
Auch die Lage am zinsempfindlichen Wohnungsmarkt stellt weite Teile der Bevölkerung vor große Herausforderungen – vor allem junge Menschen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. Aus diesem Grund und wegen des schwächelnden Arbeitsmarktes hat die Fed im September die Leitzinsen gesenkt und wird diesen Kurs wohl in den kommenden Monaten fortsetzen.
Zudem ist die Verschuldung der Unternehmen insgesamt zwar nach wie vor niedrig. Doch bei genauerem Hinsehen fällt die stärkere Zinssensitivität beziehungsweise Abhängigkeit von Krediten kleinerer bis mittelgroßer Firmen auf, die für die Schaffung von Arbeitsplätzen enorm wichtig sind. Und während die Leitzinsen kurzfristig weiter sinken dürften, könnte der Fed und anderen Zentralbanken mittelfristig eine weitere Nagelprobe bevorstehen: ein schwaches Beschäftigungswachstum infolge technologischer Innovationen und Produktivitätssteigerungen.
Warum das lange Ende der Zinskurve wieder attraktiv werden könnte
Im Laufe der nächsten zehn Jahren könnte die Zinspolitik daher aus struktureller Perspektive ganz anders aussehen als vor der Pandemie. Während es der Fed in der Vor-Corona-Zeit kaum gelang, die Inflationsrate anzuheben, könnte sie schon bald in eine Situation geraten, in der es ihr schwerfällt, für mehr Beschäftigung zu sorgen.
Für Anleger stellt sich daher die Frage, wie sie in diesem Wirtschaftsumfeld die Anleihe-Komponente ihres Portfolios gestalten sollen. In den letzten Jahren konnten wir weltweit beobachten, dass sich das lange Ende der Zinskurve weniger verlässlich und zuweilen unberechenbarer verhielt, denn die Besorgnis angesichts unterschiedlicher haushaltspolitischer Weichenstellungen ist ein globales Phänomen. Inzwischen aber könnte ein Engagement am langen Ende wieder sinnvoll sein, da die Zinsen von ihren derzeit hohen Niveaus zurückkommen könnten (siehe Grafik 1).
Grafik 1: Renditen 30-jähriger globaler Staatsanleihen
Globale Chancen nutzen
Überdies gibt es unserer Ansicht nach auch Chancen, die Anlagen weltweit zu streuen. Einige europäische Staatsanleihen liefern weiterhin attraktive Renditen, die auf währungsgesicherter Basis besonders interessant sind. Angesichts einer möglichen geldpolitischen Wende und Neuausrichtung der Fed sollten Zinsprodukte am längeren Kurvenende in Portfolios zumindest ein gewisses Gewicht erhalten.
Am US-Anleihemarkt ziehen wir es trotz allem weiterhin vor, uns vor allem im vorderen bis mittleren Bereich der Renditekurve zu engagieren, da sich hier die Korrelationen verbessert haben und eine Absicherung wirksamer ist. Kurz- und mittelfristige Anleihen lassen sich mit verschiedenen Risikoaktiva kombinieren und liefern als Kernbausteine ein regelmäßiges Einkommen aus Gesamtportfoliosicht (siehe Grafik 2).
Grafik 2: Über sechs Monate rollierende Korrelation von US-Staatsanleihen mit dem S&P 500
Warum Anleihen in einem komplexen Marktumfeld überzeugen
Insgesamt bieten Anleihen nach wie vor attraktive Erträge, zumal Fundamentaldaten und technische Faktoren die Spreads nach wie vor stützen. Wie in früheren Ausblicken betont, leben wir in einer außergewöhnlich spannenden und interessanten Zeit für Anleger. Auch wenn einige politische und wirtschaftliche Entwicklungen die Unsicherheit geschürt haben, was durchaus beunruhigend sein kann, gibt es auch eine Fülle von Anlagechancen für diejenigen, die bereit sind, ihre Hausaufgaben zu machen.
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