Flossbach von Storch zu Anleihen Ein Sport mit eigenen Regeln

Rugby-Spieler in London: Anleihen sind flexibler und dynamischer als viele Anleger denken. | © Getty Images

Rugby-Spieler in London: Anleihen sind flexibler und dynamischer als viele Anleger denken. Foto: Getty Images

Aktien sind wie Fußball und Anleihen sind wie Rugby. Warum? Die meisten Deutschen kennen sich einigermaßen gut mit Fußball aus oder haben zumindest eine Meinung zu diesem Sport. Positiv oder negativ. Aber versuchen Sie einmal, sich mit anderen über Rugby zu unterhalten. Entweder treffen Sie auf einen wirklichen Spezialisten oder auf freundliches Desinteresse gegenüber einer etwas groben und rohen Sportart. Ähnlich verhält es sich mit Aktien und Anleihen. Zu Aktien hat jeder eine Meinung, Anleihen hingegen sind bestenfalls langweilig. Denn: Was soll interessant sein an einer zehnjährigen Anleihe, die dem Anleger 0,01 Prozent Rendite p.a. verspricht? Da sind Aktien doch viel spannender…

Anleihen haben besondere Eigenschaften

Doch schon dieser Vergleich ist im Grunde falsch. So wie Fußball und Rugby völlig unterschiedliche Sportarten sind und mit ganz unterschiedlichen Parametern bewertet werden müssen, so haben auch Aktien und Anleihen ganz besondere Eigenschaften, die sich nicht einfach miteinander vergleichen lassen. Anleihen werden hier oft unterschätzt – weil Anleger oftmals nur die Rendite als Bewertungsmaßstab nutzen.

Vergessen Sie die Gleichung Anleihe =Rendite p.a.

Wer heute erfolgreich in Anleihen investieren möchte, muss sich von der alten Gleichung Anleihe = Rendite p.a. freimachen. Vergessen Sie für einen Augenblick den Gedanken, dass sich durch die Null-Rendite mit Anleihen kein Geld verdienen lässt. Anleihen sind dynamischer und bieten mehr Ertrags-Möglichkeiten als nur die Rendite p.a. Denken Sie in barwertigen Effekten und den daraus resultierenden Total-Return-Chancen, die diese Anlageklasse bietet.

Anleihen mit wichtigem Alleinstellungsmerkmal

Anleihen verfügen über ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal gegenüber Aktien. Das ist die Berechenbarkeit. Denn anders als am Aktienmarkt sind viele Input-Faktoren bei Anleihen klar definiert, lediglich die Zahlungsfähigkeit des Emittenten entzieht sich dem. Mit diesen Input-Faktoren lässt sich ein Anleiheinvestment präziser berechnen, als ein Aktieninvestment, bei dem viele Faktoren vorab unbekannt sind. Es sind diese Faktoren, die den Anleihemarkt für aktive Investoren nachgerade prädestinieren. Im Folgenden möchte ich diese unterschiedlichen Dimensionen näher betrachten.

Anleihen bieten mehrere Ertragspotenziale

Wie eingangs erwähnt: Die ausgewiesene Rendite ist längst nicht die einzige Ertragsquelle bei Anleihen. Ob sich ein Investment lohnt, zeigt erst der Blick auf das gesamte Ertragspotenzial. Das kann neben der jährlichen Rendite beispielsweise auch aus möglichen Kursgewinnen nach Bonitätsverbesserung oder Änderungen des Zinsniveaus bestehen. Ertragspotenzial bietet auch der so genannte Roll-down-Effekt, der in bestimmten Marktsituationen Kursgewinne ermöglicht. Dieser Roll-Down-Effekt entsteht, wenn sich die Laufzeit von Anleihen verkürzt: Sinkt bei einer fünfjährigen Anleihe im Zeitablauf die Restlaufzeit auf vier Jahre, entsteht bei einer steilen Zinskurve durch das Sinken der Laufzeit automatisch ein Kursgewinn. Diesen Kursgewinn kann ein aktiver Investor als Ertragsquelle nutzen.

Dimension Anlageuniversum und Anleihegestaltung

Das Anlageuniversum ist viel größer als bei Aktien. Anleger können zum Beispiel Titel kaufen, die es bei Aktien gar nicht gibt: Staaten begeben Anleihen, aber keine Aktien. Und bei einzelnen Unternehmen können Sie aus einer Vielzahl von unterschiedlichsten Anleiheausgestaltungen wählen, während es in der Regel bei den Aktien nur Vorzüge und Stämme gibt.

Dimension: Laufzeit und Rang

Eine weitere Dimension von Anleihen ist ihre Laufzeit. Anleger können mit dieser Laufzeit arbeiten – es gibt Kurzläufer, aber auch 100-jährige Anleihen. Die nächste Dimension ist der Rang der Anleihe: Kaufe ich eine Nachranganleihe oder doch lieber eine Anleihe im ersten Rang? Hinzu kommen die unterschiedlichen Währungen: Während beispielsweise die Aktie eines Konsumgüterherstellers in Euro notiert, kann dasselbe Unternehmen Anleihen auch in US-Dollar oder einer anderen Währung begeben.

Verschiedene Dimensionen eröffnen Potenziale

All dies sind Dimensionen, die ein aktiver Investor in seinem Portfolio nutzen kann. So kann ein Währungswechsel in einer Anleihe dazu führen, dass auch eine ganz andere Zinsstrukturkurve zugrunde liegt. Denken Sie nur an die zurzeit inverse Zinsstrukturkurve in den USA im Vergleich zu der in der Eurozone.

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