Flucht aus Rohstofffonds

Darum geht es an den Rohstoffmärkten weiter abwärts

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Das immer weiter zunehmende Angebot hat im Verlauf der vergangenen zwölf Monate zahlreiche Bärenmärkte geschaffen, während Bohrfirmen immer mehr Öl und Erdgas aus dem Boden holten, Kupferminen expandierten und die Landwirte Rekordernten bei Mais und Sojabohnen verzeichneten. Zudem ermutigt der stärkste Dollar-Kurs seit mindestens einem Jahrzehnt Länder mit schwächeren Währungen zu mehr Exporten.

Während die US-Wirtschaft an Dynamik gewinnt, schlägt sich Europa weiter mit der Schuldenkrise herum. Das Wachstum in China, dem Top-Verbraucherland für alles Mögliche von Eisenerz bis Schweinefleisch, kühlt sich derweil ab.

„Dies ist nicht der beste Zeitpunkt, um Wetten auf Rohstoffe abzuschließen“, sagt Sameer Samana, globaler Stratege bei Wells Fargo Investment Institute aus St. Louis. „Basismetalle und Agrarrohstoffe reagieren empfindlich auf das weltweite Wachstum, und die meisten dieser Märkte sind überversorgt. China und die Schwellenländer waren ziemlich schwach und wachsen nicht schnell genug, um eine Nachfrage zu erzeugen.“

Börsengehandelte US-Fonds mit einem breiten Korb aus Rohmaterialien erlitten in den ersten drei Monaten des Jahres einen Nettoabfluss von 1,23 Milliarden Dollar, zeigen Daten von Bloomberg. Das war der höchste Abzug innerhalb eines Quartals seit diese Wertpapiere 2006 geschaffen wurden.

Der Bank of America zufolge führt das üppige Angebot zu einem Preiskrieg, und Goldman Sachs Group sagt für die bereits in der Nähe eines 13-Jahrestiefs notierenden Rohstoffe einen Einbruch von 20 Prozent voraus. Auch Morgan Stanley und Société Générale haben ihre Prognosen für eine ganze Reihe von Rohstoffen gesenkt.

Der Bloomberg Commodity Index für 22 Rohmaterialien ist seit Ende Dezember um 4,8 Prozent gefallen. Am 18. März hatte der Index den niedrigsten Stand seit Juni 2002 verzeichnet. Der Rohölpreis, der in den drei Jahren bis Ende 2013 im Schnitt 96 Dollar je Barrel belaufen hatte, fiel Mitte März auf ein Sechsjahrestief unter 45 Dollar zurück. Die Talfahrt bei den Rohstoffen wurde im ersten Quartal von Agrargütern angeführt: Weizen, Kaffee und Zucker wiesen zweistellige Rückgänge auf. Der Index läuft auf das fünfte Jahr mit einem Verlust in Folge zu, das wäre die längste Abwärtsserie seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1991.

Mit der Talfahrt endete der ein Jahrzehnt währende Superzyklus bei der Nachfrage, der von zweistelligen Wachstumsraten in China befeuert worden war. Während die Preise damals für Mais über Kupfer bis hin zu Rohöl und Gold Rekordstände erklommen, wurde die Produktion hochgefahren. Das sorgt nun für ein Überangebot.

Rohstoffexporteure steigerten ihre Lieferungen, während ihre Landeswährungen an Wert einbüßten. Der Bloomberg Dollar Spot Index ist im Verlauf der letzten zwölf Monate um 17 Prozent gestiegen und erklomm am 13. März den höchsten Stand seit Auflegung des Index im Jahr 2004. Die Kaffee-Exporte aus Brasilien legten in den acht Monaten bis Ende Februar um zehn Prozent zu. Das größte Kaffee-Anbauland der Welt exportiert nun so viele Bohnen wie seit mindestens 2011 nicht mehr.

Nicht alle Rohstoffe leiden unter einem Überangebot. Standard Chartered zufolge wird die weltweite Nachfrage nach Aluminium, Zink, Nickel und Zinn 2015 das Angebot übersteigen. Macquarie Group sagt für Metalle eine Rally voraus.

Doch die meisten Rohstoffe bleiben in einem „strukturellen Bärenmarkt“, und angesichts der sich abzeichnenden makroökonomischen Erholung seien Aktien attraktiver als Rohmaterialien, erklärten Goldman-Analysten um Jeffrey Currie am 13. März in einem Bericht. Der Rohstoffindex S&P GSCI Enhanced Total Returns wird ihrer Meinung nach im Verlauf von drei Monaten um 18 Prozent und über sechs Monate um 20 Prozent fallen. Im vergangenen Jahr war der Index bereits um 33 Prozent eingebrochen.

An den Märkten für Kohle, Eisenerz, Kupfer und Öl lösten die steigenden Förderungen einen Preiskrieg zwischen den Rohstoffproduzenten aus, erklärten Analysten der Bank of America um Francisco Blanch. Das Problem wird ihrem Bericht vom 19. März zufolge durch den Dollar verschlimmert, der das globale Wachstum um 2 Billionen Dollar „drücken“ dürfte.

Société Générale empfahl am 18. März, auf Preisrückgänge bei Brent-Rohöl und Benzin-Kontrakten zur Lieferung im Juni zu setzen, ebenso wie bei Erdgas zur Oktober-Lieferung, Kupfer- Futures zur Dezember-Lieferung und beim Goldpreis am Kassamarkt. Die Bank aus Paris senkte die Prognosen für das zweite Quartal bei 21 von 43 beobachteten Rohstoffen, darunter Weizen, Sojabohnen, Zucker, Kaffee und Baumwolle.

„Bei Rohstoffen gab es von 2002 bis 2008 einen Superzyklus, und jetzt scheint sich das umzukehren“, sagt Jack Ablin, Investmentchef bei BMO Private Bank in Chicago. „Wir hatten einen enormen Zyklus und das lockte eine Menge Neueinsteiger in den Bergbau sowie in die Ölexploration und -produktion. Die Angebotsseite hat wahrscheinlich die tatsächliche Nachfrage überholt.“

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