Flügelkämpfe in der EZB
(Quelle: DAS INVESTMENT) Die Tauben haben in Europa das Nachsehen. Die Falken dominieren die Chefetage des 148 Meter hohen Eurotowers, der Frankfurter Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Zu den Falken zählt das deutsche Mitglied des EZB-Direktoriums Axel Weber. Er verteidigt besonders hartnäckig das Ziel, die Teuerung im Euroraum unter 2 Prozent zu halten.
Das wichtigste Mittel der Notenbank im Kampf gegen die Inflation ist der Leitzins. Das ist der offizielle Preis des Geldes, den die Banken für ihre Geldbeschaffung zahlen und an ihre Kunden weitergeben. Bei steigenden Zinsen können sich Verbraucher und Unternehmen weniger Kredite leisten. Daher unterlassen sie Konsumausgaben und Investitionen auf Pump. Das hält die Teuerung in Zaum. Als Nebeneffekt wird aber auch der Konjunktur ein Dämpfer verpasst, was sich ebenfalls an den Aktienmärkten bemerkbar macht.
Trotz hoher Zinsen lief der Konjunkturmotor im vorigen Jahr noch rund, und die Börsianer feierten neue Kursrekorde. Die Währungshüter konnten sich darauf konzentrieren, die Inflation zu bekämpfen. Seit Mitte 2007 liegt der Leitzins bei 4 Prozent. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagt: „Mein Kompass hat nur eine Nadel: die Inflation.“ Der Zentralbanker peilt stabilere Preise an. Denn seine Volkswirte rechnen in diesem Jahr mit knapp 3 Prozent Inflation.
Wichtigste Preistreiber sind Rohstoffe. „Vor allem der hohe Ölpreis bremst Europas Wirtschaft“, erklärt Matt Cairns, Volkswirt bei Moody’s Economy. „Dadurch steigen die Produktionskosten und sinken die Gewinnmargen.“ Auch der schwache Dollar nimmt die Export-Firmen in die Zange. Er verteuert den Euro und damit auch die heimischen Produkte im Ausland. So lange die EZB ihre harte Haltung beibehält, bleibt auch die Gemeinschaftswährung hart. Denn die US-Notenbank Federal Reserve hat ihren Leitzins seit den ersten Anzeichen für eine Wirtschaftsflaute in Amerika immer weiter gesenkt. Das lenkt massive Finanzströme weiter weg von den USA hin zum Euroraum und hält die EZB davon ab, die Zinsen zu erhöhen.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet jetzt sogar, dass der Leitzins in diesem Jahr bis auf 3,25 Prozent sinkt. „Ende 2007 hat die EZB noch klar zu höheren Zinsen geneigt“, erklärt Krämer. Seit Februar zeige sie sich aber zunehmend unentschieden zwischen dem Bekämpfen der Inflation und dem Ankurbeln der Wirtschaft nach dem Vorbild der Fed. Krämer: „Die Konjunktursorgen werden den Tauben ab dem Sommer Argumente für niedrigere Zinsen liefern.“ Dann haben vielleicht die inflationsorientierten Falken mal das Nachsehen.
Das dürfte an den Börsen für Kursgewinne sorgen. Denn die Firmen kommen bei niedrigen Zinssätzen billiger an fremdes Geld. Dadurch sinken die Kosten und steigen die Gewinne. Außerdem wird der starke Euro aufgeweicht. Und auch am Rentenmarkt sorgen Zinssenkungen für gute Stimmung. Neu ausgegebene Staats- und Unternehmensanleihen werfen dann niedrigere Zinsen ab als Rententitel, die zuvor emittiert wurden. Die Altpapiere werden daher stärker nachgefragt und steigen im Preis.

