Sie kooperieren mit der Universität Hamburg. Welche Aufgaben übernehmen die Wissenschaftler?

Kölsch: Die Mitarbeiter der Professur von Timo Busch von der Research Group on Sustainable Finance der Universität Hamburg führen die Prüf- und Bewertungsarbeiten durch und sind für die Weiterentwicklung der Methodik des FNG-Siegels mitverantwortlich. Durch die Wissenschaftsbrille konnten wir schnell erkennen, dass ein erster Test, mit konkreten Impact-Metriken zu arbeiten, leider noch nicht reif genug für eine Methodik-Ergänzung war. Auch haben die Wissenschaftler durch den vertrauensvollen Zugang zu den ESG-Agenturen eine gute Übersicht über die verschiedenen Detail-Teufel der zu prüfenden Kriterien. Leider ist nämlich selbst bei vermeintlich einfachen Ausschlüssen 1 plus 1 nicht immer 2.

Wie hat sich das Prüfverfahren des FNG-Siegels in den vergangenen Jahren weiterentwickelt? 

Kölsch: Die Quote an Unternehmen und Staaten des jeweiligen Produkts, die auf Nachhaltigkeitskriterien analysiert werden, ist von 90 auf 100 Prozent gestiegen. Anleger in FNG-Siegel-Produkte haben somit die Gewissheit, dass keine blinden Flecken vorhanden sind. Wie bei Kohle wurde der Abbau des Rohstoffs Uran als separates Mindestausschlusskriterium aufgenommen. Um 'Fossil Free' Schritt für Schritt gerechter zu werden, fiel die Umsatztoleranz für Kohleverstromung erst von 30 auf 25 Prozent und dann auf 10 Prozent. In Anlehnung an das deutsche Verbändekonzept wurde Tabakproduktion als Mindestausschlusskriterium aufgenommen. Als Qualitätszeichen im deutschen Markt integriert das FNG-Basis-Siegel die Mindestausschlüsse des deutschen Verbändekonzepts. Unsere Analysten berücksichtigen die Bildung von Mitarbeitern und Kenntnisse im Bereich SRI, ESG und Vergütung – und zwar nicht nur während des Einstellungsprozesses neuer Fachkräfte. Letztendlich können Mitarbeiter des Portfoliomanagements mit ESG-Kriterien nur dann konstruktiv umgehen, wenn sie das nötige Wissen zur Einschätzung der Relevanz der jeweiligen Nachhaltigkeitsthemen und -kriterien haben. Auch spielen Vergütungsstrukturen und Nachhaltigkeitsleistungen mittlerweile eine Rolle.

Durch die Neuaufnahme eines Kriteriums im Abschnitt institutionelle Glaubwürdigkeit zu Dialogstrategien messen wir dem Thema eine adäquate Bedeutung im Kontext des Asset Managers als solchem bei. Wir berücksichtigen alle Anstrengungen für Dialoge mit Dritten, die Fondsgesellschaften über die reine SRI-Anlage hinaus unternehmen, um nachhaltige Entwicklungen zu fördern. Die Bemühungen von Asset Managern im Kampf gegen den Klimawandel – unterstützt von der TCFD und dem EU Climate Action Plan – gewinnen immer mehr an Bedeutung. Um auch weiteren Arten fossiler Energieträger, beispielsweise Öl und Gas, Aufmerksamkeit zu schenken, haben wir die Kriterien entsprechend ausgeweitet. Ansätze, die die Investmentpolitik zu fossilen Energieträgern nachhaltig beeinflussen, würdigen wir.

Die Klassifizierung ökologisch nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten im Rahmen der EU-Regulatorik zu Sustainable Finance ist ein geeigneter Anhaltspunkt, explizit als 'grün' angesehene Geschäftsbereiche finden zu können. Eine sich um das FNG-Siegel bewerbende Investmentgesellschaft muss trotzdem die Natur seiner einzelnen Investments beschreiben. Hier hilft der Verweis auf die sechs Umweltziele der EU-Taxonomie, um beispielsweise einen Themenbezug herzustellen oder Schlüsselkennzahlen besser zu definieren – auch im Zeitablauf beziehungsweise mit Zielbezug. Auch die Integration der EU-Taxonomie ins Research, in Investmentprozesse, in die Portfoliokonstruktion und das Reporting sind zukunftsweisend. Da erste Resultate zu sogenannten Taxonomie-Alignment-Quoten je nach Methode noch sehr unterschiedlich ausfallen, ist die Berücksichtigung solcher quantifizierbarer Elemente allerdings nur beschränkt möglich.

 

 

Wie viele Bewerber haben Sie in diesem Jahr?

Kölsch: Dieses Jahr bewarben sich 112 Häuser mit 310 Produkten. Letztes Jahr waren es 102 Häuser mit 281 Produkten. Die Nachfrage – sowohl aus dem Asset Management, aber auch von Versicherungen, Dachfondsmanagern, Haftungsdächern, Fondsplattformen, Maklerverbünden, Stiftungen und anderen institutionelle Anlegern – steigt kontinuierlich.