Fonds der Woche: GAF Lingohr Small Cap Value im Porträt
Fonds der WocheStockpickermitFokusaufunterbewerteteNebenwerte
Der GAF Lingohr Global Small Cap Value sucht weltweit nach unterbewerteten Nebenwerten. Value-Prinzipien treffen dabei auf einen KI-gestützten Investmentprozess.
Fondslenker Tim Wehlmann sucht weltweit nach unterbewerteten Nebenwerten.| Bildquelle: KI-generiert
Während sich die Aufmerksamkeit vieler Anleger in den vergangenen Jahren fast ausschließlich auf die großen US-Technologiekonzerne richtete, führte ein Segment, das langfristig immer wieder attraktive Renditechancen bot, eher ein Schattendasein: globale Small-Caps. Weltweit existieren tausende börsennotierte kleinere Unternehmen, die häufig deutlich weniger im Fokus von Analysten und institutionellen Investoren stehen als die bekannten Blue Chips.
Gerade diese geringere Markteffizienz eröffnet aktiven Stockpickern die Möglichkeit, Fehlbewertungen aufzuspüren und Mehrwert gegenüber passiven Indizes zu generieren. Nach Einschätzung von Lingohr Asset Management gewinnt dieses Marktsegment insbesondere in einem Umfeld steigender Kapitalkosten, höherer Marktfragmentierung und historisch hoher Konzentration auf wenige Mega-Caps wieder an Attraktivität.
Der Fonds
Der GAF Lingohr Global Small Cap Value (ISIN: LU1479103126) verfolgt genau diesen Ansatz. Der Fonds investiert weltweit in kleinere Unternehmen (investierbares Universum ~6.000 Titel) und kombiniert klassisches Value Investing mit einem systematischen, daten-basierten Investmentprozess.
Im Mittelpunkt steht die Identifikation qualitativ hochwertiger Unternehmen, deren Börsenbewertung aus Sicht des Fondsmanagements nicht ihrem inneren Wert entspricht. Die Besonderheit besteht darin, dass moderne Datenanalyse und Verfahren der Künstlichen Intelligenz den Investmentprozess unterstützen, ohne die finale Entscheidung des Fondsmanagements zu ersetzen.
Das Unternehmen
Hinter dem Fonds steht die 1993 gegründete Lingohr Asset Management GmbH, eine unabhängige Investmentboutique mit Sitz in Düsseldorf. Das Unternehmen zählt zu den frühen Vertretern des systematischen Value Investing in Deutschland und konzentriert sich seit der Gründung nahezu ausschließlich auf wertorientierte Aktienstrategien. Anders als breit aufgestellte Fondsgesellschaften versteht sich Lingohr als spezialisierter Aktienmanager mit klarem Fokus auf fundamentale Unternehmensanalyse und regelgebundene Investmentprozesse.
Das verwaltete Vermögen beläuft sich auf rund 1,1 Milliarden Euro. Neben Publikumsfonds betreut Lingohr überwiegend institutionelle Mandate und entwickelt systematische Aktienstrategien für professionelle Investoren. Charakteristisch für das Haus ist dabei die konsequente Verbindung klassischer Value-Prinzipien mit moderner Datenanalyse.
Das Team
Verantwortet wird der Fonds seit November 2023 von Tim Wehlmann, der als Lead-Portfoliomanager fungiert. Wehlmann wechselte von Paladin Asset Management zu Lingohr und bringt mehrere Jahre Erfahrung in der Analyse internationaler Small- und Mid-Cap-Unternehmen mit. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit quantitativen Modellen, ESG-Themen sowie der Entwicklung neuer Investmentstrategien.
Unterstützt wird er von Harald Sporleder, Geschäftsführer und Chief Investment Officer von Lingohr Asset Management. Sporleder verfügt über mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung im Asset Management und war zuvor viele Jahre in leitenden Funktionen tätig. Seine Aufgabe besteht nicht nur in der Stellvertretung des Fondsmanagements, sondern insbesondere in der Weiterentwicklung des Investmentprozesses und der strategischen Ausrichtung der Gesellschaft.
Zwar liegt die finale Verantwortung eindeutig beim Lead-Portfoliomanager, sämtliche Anlageentscheidungen werden jedoch innerhalb eines Investmentteams vorbereitet und diskutiert. Die moderne Datenanalyse und Künstliche Intelligenz sollen nicht als Ersatz für menschliche Entscheidungen dienen, sondern den Investmentprozess sinnvoll ergänzen.
Positiv hervorzuheben ist außerdem das sogenannte „Skin in the Game“. Die verantwortlichen Manager sind selbst im Fonds investiert. Dadurch besteht eine weitgehende Interessengleichheit zwischen Fondsmanagement und Anlegern, da beide gleichermaßen von einer erfolgreichen langfristigen Entwicklung profitieren.
Die Investmentphilosophie
Der GAF Lingohr Global Small Cap Value verfolgt einen Bottom-up-Ansatz. Makroökonomische Einschätzungen oder Länderprognosen spielen bei der Titelauswahl lediglich eine unterstützende Rolle. Entscheidend bleibt die Attraktivität des einzelnen Unternehmens. Das Portfolio umfasst üblicherweise 120 bis 140 nahezu gleichgewichtete Positionen.
Dadurch entsteht eine sehr breite Diversifikation, ohne dass einzelne Titel einen übermäßigen Einfluss auf die Wertentwicklung besitzen. Gleichzeitig existieren keine festen Bandbreiten beim Länder- oder Sektor-Exposure. Die regionale und sektorale Allokation ergibt sich ausschließlich aus der Aktienauswahl und nicht aus den Gewichtungen eines Vergleichsindex.
Auf eine strategische oder taktische Kassenhaltung verzichtet das Management weitgehend. Ebenso werden Fremdwährungen grundsätzlich nicht abgesichert, da sie als Bestandteil des jeweiligen Aktieninvestments angesehen werden. Der Fokus liegt ganz klar auf der langfristigen Aktienselektion.
Das Investmentsystem
Während viele Value-Manager ihren Investmentstil über Jahrzehnte kaum verändert haben, verfolgt Lingohr den Anspruch, den bestehenden Prozess kontinuierlich weiterzuentwickeln und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in die Aktienselektion einfließen zu lassen. Diese Weiterentwicklung mündet im sogenannten Chicco+-System, dem proprietären Investmentprozess des Hauses. Er verbindet quantitative Bewertungsmodelle, sektorrelative Analysen, makroökonomische Faktoren und den gezielten Einsatz Künstlicher Intelligenz mit der Erfahrung der Portfoliomanager.
Konkreter: Im Rahmen des proprietären Investmentprozesses werden Unternehmen anhand fundamentaler Faktoren systematisch analysiert. Ergänzend fließen zahlreiche Makrofaktoren in ein Attraktivitätsscoring ein, um die Aktien im aktuellen Marktumfeld richtig einzuordnen. Diese Mehrdimensionalität soll helfen, sogenannte Value Traps zu vermeiden. Moderne Datenanalyse und Künstliche Intelligenz unterstützen die kontinuierliche Weiterentwicklung des Investmentprozesses sowie die wöchentliche Neubewertung des Anlageuniversums, um Veränderungen früh zu erkennen. Die finale Investmententscheidung erfolgt diskretionär durch den Lead-Portfoliomanager.
Kurzer Schwenk: Der Name „Chicco“ stammt aus dem Italienischen und bedeutet „Perle“. Dahinter steht die Idee, unter tausenden börsennotierten Unternehmen diejenigen „Aktienperlen“ zu identifizieren, deren Börsenkurs den fundamentalen Unternehmenswert nicht angemessen widerspiegelt.
Der Investmentprozess besteht aus drei aufeinander aufbauenden Selektionsstufen.
1. Value Screening
Zunächst werden die Unternehmen aus dem Anlageuniversum innerhalb von 42 einzelnen Sektoren miteinander verglichen. Dieser sektorrelative Ansatz verhindert, dass Unternehmen unterschiedlicher Branchen anhand identischer Bewertungsmaßstäbe beurteilt werden.
In die Bewertung fließen unter anderem Kennzahlen zu Cashflows, Profitabilität, Bilanzqualität, Ausschüttungen sowie klassische Value-Faktoren ein. Zusätzlich berücksichtigt das Modell Veränderungen von Gewinn- und Bilanzkennzahlen, um die fundamentale Entwicklung eines Unternehmens besser abzubilden.
Lingohr setzt dabei auf modernere Bewertungsgrößen. So spielt beispielsweise der Cash Flow Return on Investment (CFROI) eine größere Rolle als klassische Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Eigenkapitalrendite. Ergänzend berücksichtigt das Modell den sogenannten Total Shareholder Yield. Nur die Unternehmen, die zu den attraktivsten 30 Prozent ihres jeweiligen Sektors gehören, bestehen diese erste Hürde und gelangen in die nächste Analysephase
2. KI bewertet das Marktumfeld
Während viele Value-Strategien ausschließlich auf Unternehmenskennzahlen setzen, ergänzt Lingohr den Prozess um eine zweite Ebene. Hier analysiert ein neuronales Netzwerk das aktuelle Kapitalmarktumfeld und beurteilt, welche Investmentfaktoren in der jeweiligen Marktphase statistisch besonders erfolgversprechend erscheinen. Berücksichtigt werden unter anderem Zinsentwicklung, Inflation, Konjunktur, Marktstimmung (Sentiment), Kreditspreads und Momentum.
Aus diesen Informationen errechnet das Modell einen Attraktivitätsscore für jede einzelne Aktie. Gleichzeitig gewichtet die KI die acht unterschiedlichen Investmentfaktoren (Deep Value, Wachstum, Qualität, Sentiment, Size, Technik/Momentum, Verschuldung, Volatilität) abhängig von der jeweiligen Marktphase unterschiedlich stark. Dadurch soll verhindert werden, dass der Fonds zwar günstig bewertete Unternehmen kauft, deren Geschäftsmodell oder Marktumfeld jedoch momentan strukturelle Nachteile aufweist.
Wichtig: Die KI dient ausdrücklich nicht dazu, Aktienkurse vorherzusagen. Vielmehr unterstützt sie die Einschätzung, welche fundamentalen Eigenschaften in unterschiedlichen Marktphasen historisch besonders erfolgreich waren.
3. Der Mensch
Die dritte Hürde bleibt menschlich, die finale Entscheidung wird im Investmentteam getroffen. Erst nachdem eine Aktie sowohl das sektorrelative Screening als auch den KI-gestützten Marktphasen-Score erfolgreich bestanden hat, erfolgt die qualitative Analyse durch die zuständigen Sektorspezialisten. Dabei werden Aspekte berücksichtigt, die sich gegebenenfalls nur eingeschränkt quantitativ erfassen lassen: Qualität des Geschäftsmodells, Wettbewerbsvorteile, Managementqualität, mögliche Kurstreiber, Risiken, Identifikation möglicher Value Traps. Erst wenn sämtliche Prüfschritte positiv verlaufen, wird eine Aktie auf die Kaufliste genommen.
Der Prozess definiert nicht nur den zuvor beschriebenen Einstieg, sondern auch den Ausstieg, sprich Verkauf eines Titels. Es werden keine fest definierten Kursziele gesetzt. Stattdessen gelten drei klare Verkaufsregeln, die spiegelbildlich zu den drei Kaufhürden stehen. Eine Aktie wird verkauft, wenn diese nicht mehr zu den attraktivsten 50 Prozent ihres Sektors zählt, die Aktie auf Basis des KI-gestützten Scorings nicht mehr zum aktuellen Marktumfeld passt oder der zuständige Sektorspezialist seine Beurteilung ändert, weil der Titel nicht mehr signifikant unter dem fairen Wert notiert oder keine realistische Chance mehr hat, diesen zu erreichen. Dadurch entsteht ein disziplinierter Investmentstil, bei dem emotionale Entscheidungen möglichst vermieden werden sollen. Gleichzeitig erklärt diese Vorgehensweise die vergleichsweise hohe Portfolio-umschlagshäufigkeit des Fonds: Im Geschäftsjahr 2025 betrug die bereinigte Portfolio Turnover Ratio 155,8 Prozent.
Das Risikomanagement
Das Risikomanagement beginnt bereits bei der Titelauswahl. Die breite Diversifikation, die nahezu gleichgewichtete Gewichtung sämtlicher Positionen sowie die laufende Kontrolle von Länder-, Branchen- und Faktor-Exposures sollen verhindern, dass einzelne Risiken das Portfolio dominieren. Ergänzend wird das gesamte Anlageuniversum wöchentlich neu bewertet, sodass Veränderungen der relativen Attraktivität einzelner Unternehmen zeitnah berücksichtigt werden können.
Die Besonderheiten
Mit dem GAF -Lingohr Global Small Cap Value verfolgt Lingohr Asset Management einen Ansatz, der sich bewusst von passiven Small-Cap-ETFs abgrenzt. Während viele Wettbewerber ihre Portfolios eng an einer Benchmark ausrichten oder sich ausschließlich auf quantitative Modelle verlassen, kombiniert Lingohr eine sys-tematische Titelselektion mit fundamentaler Analyse und einem klar definierten Entscheidungsprozess. Dadurch entsteht ein Fonds, der weder ein reiner Quant-Fonds noch ein klassischer Stock-Picking-Fonds ist, sondern beide Welten miteinander ver-bindet.
Eine der größten Stärken liegt sicherlich in der breiten Diversifikation. Mit rund 140 nahezu gleichgewichteten Positionen unterscheidet sich das Portfolio von vielen globalen Aktienfonds, bei denen einzelne Titel zum Teil einen erheblichen Einfluss auf die Wertentwicklung besitzen. Im GAF Lingohr Global Small Cap Value gibt es keine dominierenden Einzeltitel, wodurch das sogenannte Klumpenrisiko eliminiert wird. Gleichzeitig erfolgt die Diversifikation nicht nur über Länder und Branchen, sondern auch über unterschiedliche Faktoren und Geschäftsmodelle.
Hinzu kommt die konsequente Benchmark-Unabhängigkeit. Das Fondsmanagement orientiert sich nicht an den Gewichtungen des MSCI AC World Small Cap Index, sondern ausschließlich an der Attraktivität einzelner Unternehmen. Die Abweichungen zur Benchmark auf Sektor- und Länder-Ebene sind das Ergebnis der fundamentalen Titelauswahl.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Disziplin des Investmentprozesses. Kauf- und Verkaufsentscheidungen folgen klar definierten Regeln. Dadurch sinkt das Risiko emotionaler Fehlentscheidungen. Gleichzeitig sorgt die Kombination aus quantitativer Analyse und menschlicher Beurteilung dafür, dass sowohl harte Finanzkennzahlen als auch qualitative Faktoren berücksichtigt werden.
Dann wäre da noch der Einsatz der Künstlichen Intelligenz. Anders als bei vielen modernen Investmentstrategien dient die KI nicht dazu, kurzfristige Kursentwicklungen vorherzusagen. Vielmehr unterstützt sie das Fondsmanagement dabei, unterschiedliche Marktphasen einzuordnen und die verschiedenen Investmentfaktoren dynamisch anzupassen. Dadurch soll verhindert werden, dass der Fonds dauerhaft an Faktoren festhält, die im aktuellen Marktumfeld strukturell im Nachteil sind.
Der Investmentansatz profitiert insbesondere von Marktphasen, in denen Fundamentaldaten und Bewertungen wieder stärker in den Fokus der Investoren rücken und sich die Marktperformance auf eine breitere Anzahl von Unternehmen verteilt. Hiervon profitieren insbesondere unterbewertete Small-Caps, deren Kurspotenzial sich sukzessive entfalten kann. Zudem sind typischerweise Marktphasen mit fallenden Zinsen für den weltweiten Small Cap Sektor sehr attraktiv.
Die Herausforderungen
Trotz der überzeugenden Systematik existieren auch Herausforderungen, die Anleger berücksichtigen sollten: Der Fonds investiert ausschließlich in globale Small-Caps. Diese Unternehmen verfügen langfristig häufig über höhere Wachstumspotenziale als etablierte Großkonzerne, reagieren kurzfristig jedoch oftmals empfindlicher auf konjunkturelle Abschwünge, steigende Finanzierungskosten oder sinkende Liquidität an den Kapitalmärkten. Insbesondere in Phasen ausgeprägter Risikoaversion können Small-Caps deutlich stärker unter Druck geraten als Standardwerte.
Hinzu kommt der konsequente Value-Ansatz. In Marktphasen, in denen wachstumsstarke Technologieunternehmen oder andere Momentum-Titel den Markt dominieren, kann der Fonds zeitweise hinter breiten Aktienindizes zurückbleiben. Anleger sollten deshalb bereit sein, auch längere Phasen relativer Underperformance auszuhalten.
Schließlich erfordert der Investmentprozess ein hohes Vertrauen in die Methodik des Fondsmanagements. Die Kombination aus quantitativen Modellen, KI-gestützter Analyse und qualitativer Beurteilung ist komplex und für Außenstehende nur eingeschränkt nachvollziehbar. Anleger investieren nicht nur in einzelne Unternehmen, sondern auch in die Fähigkeit des Investmentteams, diesen Prozess dauerhaft erfolgreich weiterzuentwickeln.
Die Performance
Seit Jahresbeginn legt der Fonds um 18 Prozent zu, über die vergangenen zwölf Monate knapp 26 Prozent, über drei Jahre 59 Prozent, über 5 Jahre 72 Prozent und seit Auflage steht ein Plus in Höhe von 78 Prozent bei einer Volatilität in Höhe von knapp 16,5 Prozent (1 Jahr), 12,5 Prozent (3 Jahre) bzw. knapp 13 Prozent über 5 Jahre.
Fazit: Aktives Stockpicking für langfristige Anleger
Mit dem GAF Lingohr Global Small Cap Value präsentiert Lingohr Asset Management einen Fonds, der traditionelle Value-Prinzipien in die heutige Zeit überträgt. Die Kombination aus dem beschriebenen sektorrelativen Screening, datengetriebenen Mo-dellen, KI-gestützter Marktphasenanalyse und fundamentaler Einzeltitelauswahl unterscheidet sich von vielen Wettbewerbern.
Der Ansatz berücksichtigt sowohl die Stärken regelbasierter Modelle als auch die Vorteile menschlicher Analyse. Wer einen langfristigen Anlagehorizont mitbringt und aktives Stockpicking als Mehrwert betrachtet, wird hier fündig.
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