Fonds-Schaulaufen

Hoch den Daumen oder runter – Fonds-Ratings haben längst einen festen Platz im Investmentgeschehen. DAS INVESTMENT stellt die Ratings vor und zeigt neue Trends im Geschäft mit dem Urteil.

Heiko Nitzsche traute seinen Augen kaum. Überrascht prüfte er noch einmal den Lebenslauf, der vor ihm lag. 46 Jahre alt sollte der Fondsmanager sein. Doch der junge Mann, der ihm in dem kleinen Raum im Brüsseler Quartier der Fondsgesellschaft Fortis gegenübersaß, war gerade mal über 30. Des Rätsels Lösung: Der hauptamtliche Fondsmanager hatte eine Woche zuvor das Unternehmen plötzlich verlassen. Sein deutlich jüngerer Nachfolger musste den Termin mit Nitzsche kurzfristig übernehmen.

Keine Erfahrung – kein Rating

Nitzsche bewertet für die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) Investmentfonds. Dafür müssen ihm Fondsmanager aus ganz Europa Rede und Antwort stehen. An den Namen seines damaligen Gegenübers kann er sich fünf Jahre später nicht mehr erinnern, nur an diese merkwürdige Situation. „Unfassbar, dass die Verantwortlichen den Gesprächstermin nicht kurzfristig abgesagt haben“, wundert er sich noch heute. Sinnvoll wäre es in jedem Fall gewesen, denn allein wegen der Unerfahrenheit des neuen Managers blieb der zu beurteilende Fonds ohne Rating.
Schlecht für Fortis. Ein Rating-Auftrag an S&P kostet bis zu 16.000 Euro pro Fonds. Und auch ein gutes Werbeargument ging Fortis verloren. Laut einer aktuellen Umfrage der Rating-Agentur Feri greifen über 90 Prozent der erfahrenen Fondsanleger bei ihrer Geldanlage auf Ratings zurück.
Ratings sollen Qualität und Eigenschaften eines Investmentfonds zusammenfassen. Das geschieht über eine Note in Form von Sternen, Ziffern oder Buchstaben. Dabei betrachten einige Agenturen nur die vergangenen Eigenschaften eines Fonds, zum Beispiel das eingegangene Risiko oder die Wertentwicklung. Aus diesen quantitativen Analysen bilden sie Rankings, auf Deutsch: Ranglisten. Andere Agenturen durchleuchten die Struktur der Fonds und die Qualität des Managements und versuchen heraus- zufinden, ob sie auch in Zukunft erfolgreich sein können. Aus diesen qualitativen Betrachtungen erstellen sie Ratings, also Beurteilungen. In der Praxis werden die Begriffe jedoch häufig gleichwertig gebraucht. Die Grenzen zwischen Rating und Ranking verschwimmen.

Verkehrte Welt bei Lipper

In der Rating-Branche ist einiges los. Die einfachste Änderung kommt dabei noch von der Agentur Lipper, die ihre Zensuren - skala Anfang November auf den Kopf stellte. Aus der bisherigen Top-Note 1 wurde eine 5 und umgekehrt. „Mit der Änderung werden die Ergebnisse einer globalen Kundenumfrage umgesetzt“, erläutert Deutschland- Chef Detlef Glow.
 Für mehr Schlagzeilen sorgte die Bad Homburger Agentur Feri Rating & Research. Sie trat im Sommer ihr Londoner Tochterunternehmen Feri Fund Market Information (FMI) nebst der hauseigenen Fondsdatenbank an den Konkurrenten Lipper ab, machte ihn aber gleichzeitig zum Datenlieferanten. In der Immobilienbranche heißt das Verfahren „Sale & Lease Back“ –Verkaufe und miete es zurück. Man hat nicht mehr den Stress mit der Verwaltung und Wartung des Gebäudes und bekommt sofort viel Geld, muss aber künftig Miete zahlen. Früher galten solche Kunstgriffe als anrüchig, weil sie mit dem Verkauf des Tafelsilbers gleichgesetzt wurden. Für Feri sollte es sich jedoch lohnen. „Es ist teurer, selbst eine Datenbank zu unterhalten und weiterzuentwickeln, als die Daten zu kaufen“, sagt Glow, der auch die Geschäfte der fusionierten Lipper Feri Deutschland leitet.
Feri-Geschäftsführer Helmut Knepel führt dazu die oft zitierte Kernkompetenz an, auf die sich Feri nun besser konzentrieren könne, nämlich die Analyse und Bewertung von Fonds. Der nächste Pluspunkt: Lipper verfügt über eine weitaus größere Datenbasis als der bisherige Feri-Fundus. Die Bad Homburger hatten bisher nur Zugriff auf Fonds, die in fünf europäischen Ländern zugelassen sind. Nun wollen sie ihre Ratings auf ganz Europa ausweiten. Start ist noch in diesem Jahr in Luxemburg.
Lipper hat es dagegen gar nicht mal so sehr auf die Fondsdaten abgesehen, denn die Schnittmenge der beiden Datenbanken lag Glow zufolge bei 99 Prozent. Viel wichtiger sei dagegen, dass FMI in der Lage ist, die europaweiten Geldströme im Fondsgeschäft zu berechnen. Dieses Know-how greift sich Lipper nun bewusst, um es in das globale Geschäftsmodell einzufügen. „Hinzu kommt die Kundenbasis aus Beratern, Medien, Dachfonds und Fondsmanagern, die man immer mit einer Datenbank übernimmt“, ergänzt Glow.
Im Frühjahr zogen zwei Konkurrenten einen ähnlichen Deal durch, nur etwas größer. Auch S&P besann sich auf seine Kernkompetenz und verkaufte seine Datenbank mit mehr als 135.000 Fonds aus 30 Ländern für umgerechnet 40 Millionen Euro an Morningstar. Der US-Anbieter war bisher nur auf dem Heimatmarkt eine echte Rating-Macht. Durch die Übernahme soll das auch in Europa so werden, kündigt Anne Connelly, Geschäftsführerin von Morningstar Deutschland, an. Damit konzentriert sich jeder der beiden Anbieter nur noch auf sein Spezial - gebiet – und baut es kräftig aus. „Wir stellen zwei neue Analysten ein, die zurzeit aber noch unsere Schule in London durchlaufen müssen“, sagt S&P-Analyst Nitzsche. Derzeit enthält die Internet-Seite von S&P fast 900 deutschsprachige Fondsreports. Durch das neue Personal und die gewonnenen Freiräume sollen es in Zukunft deutlich mehr werden.

S&P-Ratings für junge Fonds

Dazu gehört, dass die Frankfurter Niederlassung nun auch Fonds bewertet, die jünger als drei Jahre sind. Bislang war dies nicht möglich, weil S&P seine Rating-Kandidaten stets über die Wertentwicklung der vergangenen drei Jahre auswählte. Nun reicht es unter anderem aus, wenn der Fondsmanager zwölf Monate Investmenterfahrung hat, aus dieser Zeit geeignete Performance- Daten mitbringt und sich mindestens zwei Jahre mit der Anlageklasse des neuen Fonds beruflich beschäftigt hat. Ist das erfüllt, steht am Ende das bekannte Etikett mit maximal AAA. Bei Morningstar gibt es gegen diese Vorgehensweise weiter grundsätzliche Bedenken. „Wir sehen einen Interessenskonflikt darin, dass Fondsgesellschaften für ein qualitatives Rating oder für Analysen bezahlen“, sagt der Leiter des Fonds-Researchs, Werner Hedrich. „Wir analysieren Investments aus Sicht der Anleger und nicht der Fondshäuser.“ Für Morningstar steht die Unabhängigkeit des Researchs im Vordergrund. Deshalb fragt die Gesellschaft gar nicht erst, ob sie einen Fonds bewerten darf, sondern spricht mit den Managern und publiziert das Research auf der Homepage.
Auch in der Münchner Niederlassung der Amerikaner entstehen derzeit neue Jobs für Analysten. „Wir wollen künftig viel mehr Fonds auf ihre Portfoliopositionen, Anlageprozesse, den Managerstil und das Risiko - management untersuchen“, sagt Hedrich. Am Morgenstern als Rating-Symbol soll das nichts ändern. Die Anzahl der Sterne drückt nach wie vor aus, wie sich der Fonds im Vergleich zu seiner Vergleichsgruppe verhält. Die Fondsanalysen sollen parallel dazu als Berichte erscheinen und machen S&P damit in gewisser Weise das Revier streitig.

Fondsconsult verteilt Noten

Bewegung herrscht derzeit auch bei der ebenfalls in München ansässigen Fondsconsult- Gruppe. Die Vermögensverwaltung der Gesellschaft ging an die Gebhard Bank im benachbarten Gräfelfing. An der Rating- Tochter Fondsconsult Research ist der Axel Springer Verlag interessiert, der das Geschäftsmodell im Zuge seiner Expansionsstrategie ausbauen will. Springer hätte damit auch die Rechte an der von Fondsconsult erstellten Fondsnote – einer Kennzahl, die quantitative und qualitative Fondseigenschaften in einer einzigen Schulnote zusammenfasst. Die Euro-Newcomer-Note, die Fondsconsult im Juli zusammen mit dem Wirtschaftsmagazin „Euro“ aus dem Springer- Ableger Finanzen Verlag startete, beschränkt sich auf neu aufgelegte Fonds und lässt dafür die quantitativen Eigenschaften weg. Diese kommen erst nach und nach hinzu, je älter der Fonds wird. Die Fondsnoten sind entsprechend übersichtlich, erfordern jedoch mehr Zusatzinformationen als beispielsweise ein Rating-Bericht.
Neben dem Kauf von Fondsconsult denkt man bei Springer über weitere Akquisitionen nach, um eine komplette Wertschöpfungskette für Fondsanalysen anbieten zu können. Das wäre so ziemlich das Gegenteil der Taktik von Feri und S&P, die einzelne Geschäftsbereiche auslagern.
Ein echter Härtetest für ein Rating entsteht, wenn der Manager eines Fonds wechselt. Die englische Rating-Agentur Citywire ermittelte in einer aktuellen Studie, dass ein Fondsmanager im Durchschnitt schon nach zweieinhalb Jahren zum nächsten Fonds zieht. Außerdem kommt es vor, dass Fondsgesellschaften Anlagegrenzen oder Richtlinien ändern. In einer normalen Fondsrennliste werden derartige Eingriffe erst nach längerer Zeit sichtbar. Je nachdem, wie lang der betrachtete Zeitraum ist, dominiert in der Analyse noch der alte Managementeinfluss. Doch mit jedem Tag unter neuer Regie nimmt er ab. Sollte der Fonds dann in der Tabelle nach unten durchgereicht werden, hat das Missmanagement oft schon zu lange gedauert.
Darauf hat inzwischen auch Feri reagiert. Seit Mitte des Jahres kommt daher in solchen Fällen der Fonds „under review“, also „unter Beobachtung“. Das Rating trägt dann für die nächsten 12 bis 18 Monate den Zusatz „ur“. Ein Patent bekommt Feri dafür aber nicht mehr. S&P setzt schon seit Jahren Fonds mit gravierenden Veränderungen unter Beobachtung oder ratet sie gar nicht erst, wie das eingangs angeführte Fortis-Beispiel zeigt. In der Fondsnote von Fondsconsult gibt es für Managerwechsel Punktabzüge. Zudem berück sichtigt die Agentur die jüngste Wertentwicklung höher als Ergebnisse, die länger zurückliegen. Die Wiesbadener Agentur Telos fragt zwar die Managementkonstanz ab, behandelt sie aber nicht als K.o.-Kriterium. Morningstar, Lipper und FWW gehen dagegen zumindest bei den Noten nicht speziell auf solche Vorgänge ein. Ganz im Gegensatz zu Citywire und Sauren Fonds-Research. Diese beiden Gesellschaften beurteilen nur Fondsmanager. Die Fonds verwenden sie lediglich, um deren Leistungen irgendwie zu messen.
Für Citywire ist es wichtig, dass der Fondsmanager mindestens für 30 Monate mit demselben Index vergleichbar ist. „Wir verwenden die Durchschnittsentwicklung sämtlicher Fonds, die der Manager verwaltet“, sagt Analystin Dagmar Krause. Das schließt also auch mittelmäßige oder schlechte Produkte ein, die von einer Gesellschaft gern dem Rampenlicht ferngehalten werden. Die Fondsdaten für diese rein quantitativen Berechnungen bezieht Citywire von Lipper. Lipper gehören wiederum 25 Prozent von Citywire.

Messbare Sauren-Arbeit

Beim Sauren-Rating dominieren die qualitativen Eigenschaften des Fondsmanagers. „Wir führen jährlich 300 Interviews, um die Anlagephilosophie der Fondsmanager genau zu verstehen“, sagt Firmengründer und Vorstand Eckhard Sauren. Weil er seine Manager meist schon kennt, ist er auch in der Lage, neu aufgelegte Fonds zu bewerten. Zudem investiert Sauren gleichzeitig über die hauseigenen Dachfonds in seine Favoriten. Das macht seine Rating-Fähigkeiten messbar. Die Ergebnisse können sich bislang durchaus auch sehen lassen. Sollten seine Dachfonds jedoch einmal schwächeln, dürften auch die von ihm verliehenen Goldmedaillen an Glanz verlieren – aber natürlich auch umgekehrt. Doch mit dieser Messbarkeit bleibt Sauren die Ausnahme. Eine umfassende Studie, die Ratings bewertet oder anderweitig auf Erfolg prüft, gibt es nicht. Nicht zuletzt deshalb bleiben sie in erster Linie eines: ein nützliches Mittel, das dem Anleger hilft, seine persönliche Strategie mit Fonds umzusetzen. Eine ausführliche Beratung können sie aber niemals ersetzen.


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