Andreas Lindner

Andreas Lindner

Fonds-Vertrieb: „Keiner in der Branche hat ein Rezept“

DAS INVESTMENT.com: Wir sind auf der Suche nach Privatanlegern. Können Sie helfen?

Andreas Lindner: Gern. Aber es ist keine leichte Aufgabe.

DAS INVESTMENT.com: Ja, leider. Anleger scheuen nach wie vor Fonds. Sie haben die massive Erholung der Märkte verpennt. Doch gespart wird derzeit auch nicht, stattdessen wird kräftig Geld ausgegeben.

Lindner: Das ist in der Tat ein Phänomen und soweit ich weiß, auch recht einmalig, zumindest in Deutschland. Nun hat es in den vergangenen zehn Jahren mit der IT-Blase und der Finanzkrise gleich zwei richtig massive Einschläge gegeben, und dann ist heute auch noch das Zinsniveau niedrig. Da kaufen sich viele lieber ein neues iPhone, ein neues Auto oder machen den Garten hübsch. Wenn ich eh nichts kriege, konsumiere ich doch lieber. Da habe ich was von. So wird argumentiert und man kann wenig dagegen sagen, zumal Anreize fehlen. Beteiligungen, die aus steuerlicher Sicht interessant sind, gibt es nicht mehr. Es fehlen daher im Vertrieb auch schlicht die Argumente. Keiner in der Branche hat derzeit ein Rezept.

DAS INVESTMENT.com: Also schwächeln Verkauf und Käufer. Nach 22 Jahren ging der BCA-Kongress jetzt zu Ende. Künftig werden einige Pools zusammen eine neue Messe starten.
>> zur Bilderstrecke „Der letzte BCA-Messekongress“


Lindner: Das ist eine konsequente Entscheidung. Überall herrscht derzeit Besucherschwund. Das war dieses Jahr in Wiesbaden nicht anders. Sowohl was Besucher als auch Fondsgesellschaften betrifft. Zwei Handvoll KAGen waren da. Das ist wenig und dem Vortrag von Ex-Finanzminister Theo Waigel folgten gefühlte 200 Zuhörer. Das sah in der Vergangenheit deutlich rosiger aus. Aber ich sag ja, es ist konsequent und die Planung einer neuen Messe in Kooperation der Pools untereinander ist natürlich eine Antwort auf den steigenden Wettbewerb und ein schwierigeres Umfeld.

DAS INVESTMENT.com: Warum lief es die vergangenen Jahrzehnte besser?

Lindner: Weil die Produktlandschaft überschaubarer war, es klare Trends und Moden gab und deutlich weniger Zeit für regulatorische und administrative Aufgaben anfiel. In den 90er-Jahren gab es für jeden nur Pioneer und Templeton. Zehn Jahre später waren alle wild auf die sogenannten Satelliten. Alles war Satellit. Jeder wollte Branchenfonds. Wieder zehn Jahre später wurde alles komplexer. Die Pools bekamen Tools, die Ansätze waren sehr wissenschaftlich und mitunter müssen sich Berater mit Dokumenten auseinandersetzten, die einer Dissertation gleichen. Für Programmierungen wurde viel Geld ausgegeben, aber ein wirklicher Nutzwert für Makler und Berater, die jeden Tag mit diesen Programmen arbeiten, ist eher zweifelhaft. Der Beweis für eine günstige Kosten- und Nutzen-Rechnung steht noch aus.

DAS INVESTMENT.com: Und nun auch noch regulatorische Hürden.

Lindner: Ja. Der Anleger wird faktisch auf das Niveau eines Kleinkinds zurückgestuft – bar jeder Verantwortung für seine Entscheidungen. Die Beraterschaft wird dagegen gleichsam in Sippenhaft genommen und muss im Falle jeglicher Eventualität vorausdenken und mithaften. Ironischerweise waren die Ursachen der Finanz-Tragödien der letzten Jahre dramatisches Fehlmanagement der Regierungen. In Anbetracht der Regulierung eines regulierten Marktes sollten wir also nicht Ursache und Wirkung durcheinander bringen.

DAS INVESTMENT.com: Wie könnte ein Ausweg aussehen?

Lindner: So banal es klingt, beobachtet man erfolgreiche Anleger, Berater, Vermögensverwalter, haben diese meist ein einfaches Rezept: Weniger Technik, mehr gesunder Menschenverstand.

DAS INVESTMENT.com: Heißt konkret?

Lindner: Für Anleger bedeutet das: Fass keine Produkte an, die du nicht ansatzweise verstehen kannst. Für Berater: die Konzepte, die zum Einsatz kommen, sollten replizier- und „pflegbar“ sein. Welcher Berater kann sich schon täglich um dutzende verschiedener Fonds kümmern? Für die Produktgeber: hochspezialisierte Lösungen sollten absoluten Profis vorbehalten bleiben. In Anbetracht anhaltend turbulenter Zeiten sind für das Gros der Anleger und Berater Kombinationen aus flexiblen, gemanagten Investmentfonds die cleverere Wahl. Der Markt bietet dazu eine Fülle von exzellenten Lösungen für beinahe jeden Zeithorizont.

DAS INVESTMENT.com: Back to the roots?

Lindner: Eher ein „next Generation”. Jedem Entwicklungsschritt geht eine Übertreibung voraus. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts sollten zu einfacheren, besseren Lösungen führen. Eine solche Entwicklung würde allen gut tun: dem Anleger, dem Berater und auch den Produktgebern.

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