Egon Wachtendorf, verantwortlicher Redakteur DER FONDS

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Fondsindustrie: Das süße Gift des Neuen

Junkies, wohin das Auge blickt – nicht nur im globalen Finanz-Kasino, dessen Akteure seit Jahren an der Nadel des billigen Notenbankgeldes hängen, sondern auch in Europas Fondsindustrie. So sieht es zumindest die amerikanische Ratingagentur Morningstar. Mit dem Unterschied, dass dort das süße Gift auf den Namen „neue Produkte“ hört.

So flossen einer aktuellen Morningstar-Analyse zufolge von 180 Milliarden Euro, die europäische Anleger im ersten Halbjahr 2013 neu in Publikumsfonds steckten, knapp 110 Milliarden Euro in Fonds, die weniger als zwölf Monate alt waren. Auf Fonds, die noch über keine Drei-Jahres-Historie verfügten, entfielen sogar 204 Milliarden Euro. Mit anderen Worten: Etablierte Fonds, die bereits seit 2009 oder länger im Wettbewerb stehen, verzeichneten per Saldo Rückflüsse.

Auf der jüngsten Morningstar-Konferenz in Frankfurt brachte Bantleon-Chefvolkswirt Harald Preißler das Missverhältnis bei den Mittelflüssen ebenso lakonisch wie prägnant auf den Punkt: „Neue Fonds sind Fonds, die noch nichts falsch gemacht haben.“ Eine Aussage, die allen Beteiligten – Produzenten, Zwischenhändlern und Endabnehmern – ein bemerkenswertes Armutszeugnis ausstellt.

Wie wenig ausgeprägt muss auf der einen Seite der Glaube an die Klassiker in den eigenen Reihen sein? Und wie groß die Naivität auf der anderen Seite, einem in der Vergangenheit schwachen Anbieter ein Produkt abzukaufen, das sich noch nicht im Auf und Ab der Märkte bewähren konnte?

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