Sind afrikanische Staaten in Finanzfragen weiterhin auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen? Oder kommen zumindest manche inzwischen ohne ihn zurecht? Auf meiner Reise nach Angola und Kenia habe ich mir vor Ort ein Bild gemacht.

Wer kennt nicht den Song „All By Myself“ von Eric Carmen? Die drei Worte kommen mir immer in den Kopf, wenn ich an afrikanische Länder und ihre Schuldentragfähigkeit denke. Manche dieser Volkswirtschaften sind reifer geworden und versuchen, sich alleine zu bewähren – halten sich aber gleichzeitig die Option offen, bei Bedarf die „Hotline“ des IWF anzurufen.

Im Dezember flog ich nach Nairobi und Luanda, um einer einfachen, aber tiefgreifenden Frage nachzugehen: Können afrikanische Nationen ohne das Sicherheitsnetz des IWF die Tragfähigkeit ihrer Schulden aufrechterhalten?

  • Mit Ausnahme von Botswana und seit kurzem auch Nigeria sind die meisten Staaten südlich der Sahara stark auf die Hilfe und Finanzierung des IWF angewiesen, um Haushaltsdisziplin und Tragfähigkeit der Verschuldung zu gewährleisten.
  • In jüngerer Zeit haben jedoch eine Reihe von Ländern, darunter Kenia und Angola, ihre IWF-Programme nicht verlängert.
  • Diese Länder verfolgen einen anderen Ansatz: Gibt es eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie die Schulden der Schwellenländer verwaltet werden?

Im vergangenen Jahr hat Kenia seine High-Yield-Mitbewerber übertroffen und mit seinen Eurobonds mit Fälligkeit 2034 eine Gesamtrendite von fast 25 Prozent erzielt, wobei sich die Spreads gegenüber zehnjährigen US-Staatsanleihen auf unter 500 Basispunkte verringert haben. Das sollte eine Heraufstufung auf Single B implizieren. 

Pflichtprogramm auf Reisen: Blick in die African Daily News | Bildquelle: Bluebay

Die Performance der Staatsanleihen Angolas blieb etwas zurück, was auf Bedenken hinsichtlich der Abhängigkeit vom Öl zurückzuführen ist. Die Staatsanleihen werden mit einem Spread von rund 600 Basispunkten gehandelt und bieten Ende 2025 eine Rendite von knapp unter 10 Prozent für zehnjährige Papiere. Wir glauben, dass Kenia zwar kurzfristig weiterhin eine Outperformance erzielen könnte, die Anleger in Angola jedoch angesichts seiner soliden Haushaltspolitik möglicherweise übermäßig benachteiligen.

Angola: Stabilität und Öleinnahmen

Wenn man durch das Finanzviertel von Luanda spaziert, kann man kaum glauben, dass dies ein Land ist, das viele Anleger 2020 abgeschrieben hatten, als die Schuldenquote ihren Höchststand von 119 Prozent erreichte. Angola hat sich still und leise zu einem überzeugenden Beispiel für die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung in Afrika entwickelt.

Mit einer Schuldenquote von knapp über 60 Prozent des Bruttosozialproduktes – also innerhalb eines nachhaltigen Bereichs – und Devisenreserven, die acht Monate Importe abdecken, ist Angola nach Abschluss seines jüngsten IWF-Kreditprogramms im Jahr 2021 stabil aufgestellt. Trotz seiner Abhängigkeit vom Öl hat Angola die Empfehlungen des Fonds eingehalten. Das Land hat positive Maßnahmen ergriffen (wenn auch unterstützt durch hohe Ölpreise) und Puffer zur Bewältigung seiner anhaltenden Liquiditätsprobleme aufrechterhalten.

Darunter fallen die Auflegung eines Staatsfonds mit einem Volumen von 3 Milliarden US-Dollar zur Nutzung von Ölgewinnen, die Verringerung seiner Abhängigkeit von chinesischen Finanzmitteln, die Durchführung einiger wichtiger Finanzreformen und die Umsetzung eines neuen Gesetzes zur Unabhängigkeit der Zentralbank.

Das Geheimrezept? Disziplinierter Schuldenabbau, Primärüberschüsse im Haushalt und schrittweise Diversifizierung. Angola hat seine Abhängigkeit von chinesischen, durch Öl gedeckten Krediten systematisch von 19 auf überschaubare 8 Milliarden Dollar reduziert. Das entspricht 13 Prozent der Gesamtverschuldung. Ziel ist es, sie bis 2028 vollständig zurückzuzahlen. Das Land baut auch seinen heimischen Kapitalmarkt aus, wobei fast 40 Prozent der staatlichen Kreditaufnahme (das sind 7 von 15 Milliarden Dollar) im Jahr 2026 vom heimischen Markt erwartet werden.

Das Infrastrukturprojekt „Lobito-Korridor“, das die Häfen Angolas mit der rohstoffreichen Demokratischen Republik Kongo verbindet, ist eine zukunftsweisende Investition, die Angola zu einem strategischen Logistikzentrum für seltene Mineralien und andere Güter machen könnte. Fiskalische Stabilität ist für Angola von entscheidender Bedeutung, wobei das Haushaltsdefizit derzeit moderate 3,3 Prozent des BIP beträgt (4 Milliarden Dollar).

Von einem erwarteten Außenfinanzierungsplan in Höhe von 7 Milliarden Dollar, von denen 3 bis 4 Milliarden für 2026 bereits vorfinanziert sind, erwartet Angola, den Restbetrag über bilaterale, multilaterale und marktbasierte Quellen zu decken.

Allerdings bestehen nach wie vor strukturelle Schwachstellen. Öl bleibt weiterhin zentral: Die Gewinnschwelle liegt bei etwa 65 Dollar pro Barrel, was wenig Spielraum für Preisschocks lässt. Wir haben uns mit einigen ausländischen Ölgesellschaften getroffen, die in Angola tätig sind, um ihre Meinung einzuholen. Es war erfreulich zu hören, dass ihre Aktionäre Angola in Bezug auf die Stabilität der fiskalischen Rahmenbedingungen unter den Schwellenländern an erster Stelle sehen. Das staatliche Energieunternehmen agiert auch als zuverlässiger Partner anderer großer Ölkonzerne und investiert in das Downstream-Geschäft, um Angolas Abhängigkeit von Kraftstoffimporten zu verringern.

Kenia: Haushaltsdefizit und kreative Finanzierung

Kenia hingegen gleicht einem ambitionierten Trapezkünstler, der ohne Netz auftritt. Das Land hat bemerkenswerte makroökonomische Fortschritte erzielt – die Inflation ist von zweistelligen Werten auf 4,5 Prozent gesunken, das Leistungsbilanzdefizit hat sich von 5 auf 2 Prozent verringert und phasenweise Devisenengpässe gehören der Vergangenheit an.

Dennoch steht Kenia vor erheblichen Herausforderungen – der jährliche Bruttofinanzierungsbedarf beträgt 14 Milliarden Dollar, und das vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden Haushaltslage. Mit voraussichtlich 6 Prozent des BIP oder fast 9 Milliarden Dollar liegt das Haushaltsdefizit klar über dem Ziel der Regierung von 4,8 Prozent. Zinszahlungen machen 30 Prozent der Staatseinnahmen (oder 4,5 Milliarden Dollar) aus.

Das Land hat sich zunehmend kreativen Finanzierungsmechanismen zugewandt. Die Regierung hat die Kraftstoffabgabe, die Straßenunterhaltungsabgabe und Fußballstadien verbrieft und damit fast 2 Milliarden Dollar aufgebracht, während diese Verpflichtungen technisch gesehen nicht in der Bilanz ausgewiesen werden. Devisenreserven in Höhe von 12 Milliarden Dollar, die mehr als fünf Monate Importe abdecken, bieten ebenfalls einen Puffer.

Dennoch hat Kenia weiterhin Schwierigkeiten, sein Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, erst recht nach den Protesten im Juni 2024, in deren Folge die Regierung schon geplante Steuererhöhungen wieder aufgeben musste. Die politischen Entscheidungsträger zögern einerseits, den IWF aufgrund seiner unpopulären Finanzpolitik wieder einzubeziehen. Andererseits scheinen sie aber nicht in der Lage zu sein, Maßnahmen selbst umzusetzen, insbesondere vor den Parlamentswahlen 2027.

Einige Initiativen, wie die Einführung eines elektronischen Beschaffungssystems für den öffentlichen Dienst, sollten leicht umzusetzen sein und könnten zu erheblichen Einsparungen führen, da die Hälfte des Haushalts (16 Milliarden Dollar) für Waren und Dienstleistungen ausgegeben wird.

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Golfstaaten als Kreditgeber

Eine interessante Entwicklung, die die afrikanische Schuldendynamik neu gestaltet, zeichnet sich in den Golfstaaten ab. Finanzinstitute aus dem Nahen Osten bauen ihre Präsenz in Subsahara-Afrika aus und bieten eine Alternative zu den traditionellen westlichen und chinesischen Kreditgebern.

Die Kreditfazilität in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar, die Kenia von Institutionen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gewährt wurde, ist ein Beispiel für diesen Trend. Im Gegensatz zu den Programmen des IWF, die mit umfangreichen Auflagen verbunden sind, konzentrieren sich die Finanzierungen aus den Golfstaaten häufig auf strategische Partnerschaften und die Entwicklung der Infrastruktur. Dieser Ansatz spiegelt die eigenen Entwicklungserfahrungen dieser Länder wider – eine rasche Modernisierung, die durch Rohstofferlöse und strategische Investitionen finanziert wurde.

Die Golfregion verfügt nach wie vor über zu viele Banken: Allein in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es 40 Banken für 10 Millionen Einwohner. Dies könnte Chancen für afrikanische Partnerschaften eröffnen. Da die Ölpreise in den nächsten zwei bis drei Jahren voraussichtlich niedrig bleiben werden, sind einige Golfstaaten offen für Diversifizierungsmöglichkeiten – und die afrikanische Infrastruktur könnte eine attraktive Option darstellen.

Im Gegensatz zur traditionellen Hilfe, die sich oft auf die Armutsbekämpfung konzentriert, zielt die Finanzierung aus dem Nahen Osten auf wirtschaftlich tragfähige Infrastruktur ab, die Renditen generiert. Der Lobito-Korridor, der Angola mit den Bodenschätzen Zentralafrikas verbindet, ist ein Beispiel für ein überzeugendes Konnektivitätsprojekt – die Region braucht mehr Projekte dieser Art.

Paradise in the making

Können afrikanische Länder ohne den IWF über die Wahlpause hinaus ihre Schuldentragfähigkeit aufrechterhalten? Die Fakten sprechen für ein bedingtes „Ja“, aber für den Erfolg sind unter anderem eine Vertiefung der lokalen Märkte und ein fiskalischer Anker erforderlich.

Auch Reisen in diese Länder werden dank verbesserter Verbindungen innerhalb der Region immer angenehmer – das durfte ich auf dem erst kürzlich eingeführten Direktflug von Nairobi nach Luanda feststellen. Am besten hat mir auf dieser Reise das Essen in einem lokalen Restaurant in Luanda gefallen, wo die Vielfalt und Qualität der lokalen Gerichte mit portugiesischem Einfluss mit den besten Restaurants der Welt mithalten.

Im Strandrestaurant, nur wenige Minuten vom Finanzviertel entfernt und kurz vor der Taxifahrt zum Flughafen, revidierte ich dann meinen musikalischen Eindruck: Der Eddie-Money-Song „Two Tickets to Paradise“ passt viel besser in diese Region als „All By Myself“.

Über die Autorin

Polina Kurdyavko

ist Leiterin für Schwellenländer und Senior Portfoliomanagerin bei RBC Bluebay Investment Management. In dieser Funktion ist sie verantwortlich für mehrere Flaggschiff-Fonds für-Staatsanleihen und Unternehmensanleihen in Schwellenländern, einschließlich Long-Only- und alternativen Produkten.