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Fondsmanager erklärt Warum Artemis aus Tesla aussteigt

Tesla Model S Plaid
Tesla Model S Plaid beim Pikes-Peak-Bergrennen: Fondsanbieter Artemis verzichtet künftig auf Aktien des US-Autobauers | Foto: Imago Images / Panoramic

Für Impact-Manager, die in Unternehmen investieren, deren Ziel die Verbesserung der Welt ist, sollte Elon Musk gewissermaßen ein Posterboy sein. Allein im vergangenen Jahr haben die Tesla-Kunden circa 13,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermieden, indem sie statt eines Autos mit Verbrennungsmotor ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug fuhren.

Noch bedeutender ist der tiefgreifende Wandel, den Musk in der globalen Automobilindustrie angestoßen hat und der die Konkurrenten von Tesla zwingt, sich von ihren traditionellen Geschäftsfeldern zu verabschieden, da die Zukunft eindeutig der Elektromobilität gehört.

Tesla weist gleich mehrere Wettbewerbsvorteile auf

Das Geschäftsmodell von Tesla erscheint ebenfalls überzeugend. Zyniker könnten nun den enormen Unterschied zwischen dem Bewertungsniveau von Tesla und dem der angestammten Mitbewerber ins Feld führen. Dabei gerät jedoch die Vielzahl der grundlegenden Wettbewerbsvorteile des Unternehmens gegenüber den etablierten Herstellern aus dem Blick.

 

 

 

Tesla ist mit deutlichem Abstand Marktführer bei der Technologie des elektrischen Antriebsstrangs und bei den Fertigungsprozessen, die für den Bau dieser komplexen neuen Fahrzeuge in Großserie erforderlich sind. Analysten, die in ihrer Anlageeinschätzung ausschließlich mit der hohen Bewertung argumentieren, vernachlässigen die genannten Faktoren ebenso wie das unternehmenseigene Vertriebs- und Servicenetz, die unerreichten Softwareentwicklungskapazitäten mit mobilen Updates („over the air“) und die Stärke der Marke, die Werbung überflüssig macht.
 
Selbst aus dieser Position der Stärke heraus wälzt Tesla weiterhin die Branche um: Der Cybertruck dürfte in den USA zu einer Erfolgsgeschichte werden, und auch die Geschäftsbereiche Energiespeicherung und Solar wachsen schnell. Das Unternehmen sollte in seinem Kerngeschäft Marktanteile hinzugewinnen und im Vergleich zu anderen Automobilherstellern weiterhin überdurchschnittliche Gewinnmargen, freie Cashflows und Renditen auf das eingesetzte Kapital erzielen können.

Dagegen dürften die Tesla-Konkurrenten mit Elektrofahrzeugen noch über einen gewissen Zeitraum Verluste erwirtschaften. Gleichzeitig werden sie sich wohl mit einer rückläufigen Nachfrage nach Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor und operativem Deleveraging konfrontiert sehen.

Ein langer Weg zur Profitabilität
 

Diese Position zu erreichen, war für Tesla nicht einfach. Der Weg dorthin war sehr steinig, und selbst in der kurzen Zeit seit meinem noch nicht sehr lange zurückliegenden ersten Einstieg bei Tesla im Jahr 2019 hat man sich von einem Unternehmen, das Geld verbrannte und dessen Bilanz äußerst angespannt war, zu einem margenstarken, freien Cashflow generierenden und vor Kraft strotzenden Player entwickelt.

Die Automobilherstellung ist kapitalintensiv. So hat Tesla in den ersten zehn Jahren seit dem Börsengang weder einen Gewinn noch einen positiven Cashflow erwirtschaftet. Dennoch erweiterte man 2022 die Produktionskapazität um mehr als 50 Prozent und investierte gleichzeitig in eine Vielzahl anderer Wachstumsprojekte. Danach verblieb noch immer ein freier Cashflow von einer Milliarde US-Dollar. Wir hatten in Tesla investiert, weil – endlich – vieles dafür sprach, dass das Unternehmen in der Lage ist, Autos in Großserie gewinnbringend herzustellen.

Zu diesem Zeitpunkt wurde das Model 3 von der Vision zur Realität, und plötzlich war nicht mehr von Musks „Produktionshölle“ die Rede, sondern von realen Auslieferungen und zufriedenen Kunden. Angesichts des Zynismus, des Spottes und des beispiellosen Interesses von Leerverkäufern ließ sich ein Investment in Tesla aus meiner Sicht damit begründen, dass das Unternehmen begonnen hatte, seine ambitionierte langfristige Mission zu erfüllen, nämlich „den weltweiten Übergang zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen“.

Die Konkurrenten verhielten sich dagegen weitestgehend so, wie man es von etablierten, durch die neuen Entwicklungen in Aufruhr versetzten Unternehmen erwartet: Sie verharrten im Zustand der Verleugnung. Tesla steht damit beispielhaft für bahnbrechende Innovation, vertikale Integration, Fertigungskompetenz und Technologieführerschaft in mehreren, miteinander verbundenen Bereichen – und dies zudem in Verbindung mit einer klaren Mission und Vision.
 
Nun haben wir aber unsere Tesla-Position aufgelöst. Doch aus welchen Gründen?
 
Zunächst einmal wegen des Bewertungsniveaus. Das heißt natürlich nicht, dass wir eines Nachts aufgrund des zu hohen KGVs schweißgebadet aufgewacht wären. Hätte uns dies Sorge bereitet, wären wir erst gar nicht eingestiegen.

 

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Stattdessen spiegelt der Ausstieg unsere Einschätzung wider, dass der Aktienkurs im Zuge der unvermeidlichen Verlangsamung des Wachstums im Automobilgeschäft zukünftig stärker von den Aussichten für andere Geschäftsbereiche abhängig sein wird. So ist beispielsweise die Erfolgswahrscheinlichkeit beim autonomen Fahren und in anderen Bereichen der künstlichen Intelligenz, für die Tesla auch den unternehmenseigenen Supercomputer Dojo entwickelt hat, zu einer wichtigen Bewertungskomponente geworden.

Obwohl viel gepriesen, halten wir das vollständig autonome Fahren für ein besonders ambitioniertes Ziel und wären überrascht, wenn es innerhalb der nächsten fünf Jahre tatsächlich erreicht würde. Sollten wir falsch liegen, wäre zugegebenermaßen ein enormer Wertzuwachs zu erwarten und vermutlich ein erneutes Investment in Tesla-Aktien gerechtfertigt. Bei anderen Unternehmen, die sich KI-Anwendungen widmen, sind wir über die weitere Entwicklung eher unschlüssig, sodass wir vorerst lieber eine abwartende Haltung einnehmen.

Musk's Entwicklung ist ein Rückschlag für Tesla

Der Hauptgrund, warum wir uns von Tesla-Aktien abwenden, liegt jedoch bei Elon Musk selbst. Seine Sprunghaftigkeit ist altbekannt, doch bisher waren wir immer davon ausgegangen, dass sich seine Interessen mit denen der langfristig orientierten Anleger decken. Bislang war Musk für mich ein Genie mit Makeln, wobei die Unzulänglichkeiten durch Genialität wettgemacht werden konnten. Die Balance dieser Bewertung hat sich nun verschoben – aufgrund neuer Interessen.
 
Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass Musk im vergangenen Jahr den Kurznachrichtendienst Twitter übernommen hat. Begründet hatte er diese Entscheidung mit dem Schutz der freien Meinungsäußerung, doch nutzt er seitdem die Plattform, um von der Alt-Right-Bewegung (einer rechtsextremen Bewegung, deren Mitglieder die etablierte Politik ablehnen) verbreitete Verschwörungstheorien nachzuplappern.

 

 


 
Innerhalb vernünftiger Grenzen haben die politischen Überzeugungen der Management-Teams keinen Einfluss auf unsere Anlageentscheidungen. Doch führt die Entscheidung von Elon Musk, die Alt-Right-Karte auszuspielen, zu einem Problem, denn er könnte damit seine treuesten Kunden verprellen und die wertvolle Marke Tesla schwächen.
 
Einer jüngst durchgeführten Gallup-Umfrage zufolge würden 71 Prozent der Wähler der Republikaner in den USA niemals ein Elektroauto kaufen. Im Alt-Right-Spektrum, in dem der Klimawandel vielfach als Schwindel bezeichnet wird, dürfte der Anteil sogar noch höher liegen.
 
Bei den Wählern, die sich auf keine Partei festlegen, und in der Wählerschaft der Demokraten liegt der Wert dagegen bei 38 Prozent beziehungsweise 17 Prozent. Doch anstatt diese letztere Gruppe potenzieller Kunden zu umwerben, äußerste Musk im Twitter-Jargon den Wunsch „to own the libs“ bzw. die Liberalen zu „erzürnen“.

Politisch-wirtschaftlicher Kurzschluss bedroht Absatzzahlen

Dass Musk seit Kurzem die Alt-Right-Bewegung hofiert, könnte aber auch Teil einer machiavellistischen Strategie sein, mit der er den Tesla-Markt durch Legitimierung der Marke unter rechten Wählern erweitern will. Wir vermuten jedoch, dass dieser Schritt der Reputation der Marke unter den angestammten Kunden eher schaden dürfte.
 
Und Tesla kann Musk nicht einfach vor die Tür setzen. Für viele ist ein Tesla ein tugendhaftes Statussymbol, aber wenn Musks Rechnung nicht aufgeht, könnte er Tesla ungewollt in eine Marke der Schande verwandeln.
 
Bis dato hat sich das erratische Verhalten von Musk nicht auf die Verkaufszahlen ausgewirkt. Anfang dieses Monats ließ Tesla verlauten, dass die Erwartungen bei den Auslieferungen abermals übertroffen wurden. Und das könnte in Zukunft durchaus noch öfter der Fall sein.

Wenn allerdings in der Bewertung einer Aktie beträchtliches Wachstum eingepreist ist (und das zu einem großen Teil in Bereichen, in denen das Unternehmen noch keine Erträge generiert hat), müssen wir darauf vertrauen können, dass diese Erwartungen auch erfüllt werden.

Als wir für unsere Kunden erstmals Tesla-Aktien erwarben, war das Unternehmen umstritten und unrentabel, doch war die Entwicklungsrichtung aus unserer Sicht recht klar erkennbar. Wohin die Reise nun gehen soll, ist eher ungewiss. Da noch weitere Unwägbarkeiten hinzukommen, die sich aus Musks Verhalten ergeben, fühlen wir uns auf dieser Reise nicht mehr wohl – erst recht nicht bei der aktuellen Geschwindigkeit.

Über den Autor:

Craig Bonthron
Craig Bonthron © Artemis IM

 

Craig Bonthron arbeitet als Co-Manager des Impact-Aktienfonds Artemis Positive Future beim britischen Fondsanbieter Artemis IM mit Sitz in London.
 

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