Das Investmentuniversum war nie größer. Allein in Deutschland sind heute Tausende Fonds und ETFs zum Vertrieb zugelassen. Für Anleger bedeutet das: Vielfalt. Für diejenigen, die das Beste daraus auswählen müssen, vor allem: mehr Sorgfalt. Denn mehr Produkte sorgen nicht automatisch für bessere Entscheidungen.
Mehr als nur Statistik
Manuela Thies, Leiterin Multi-Management bei Allianz Global Investors, kennt das aus dem Alltag. Sie verantwortet die Fondsselektion innerhalb eines Multi-Asset-Ansatzes und beschreibt ihren Prozess als zweistufig: erst ein quantitatives Screening, dann eine intensive qualitative Analyse. „Erfahrung spielt in beiden Schritten eine große Rolle“, sagt sie. Quantitative Daten gäben Hinweise auf Performancetreiber – aber erst die qualitative Prüfung zeige, ob ein Produkt wirklich überzeuge.
Zwischen Quant und Qual
Rebekka Haller, die als Fondsselektorin bei M.M. Warburg & Co für das Portfoliomanagement der digitalen Vermögensverwaltung Warburg Navigator sowie für die fondsgebundene Vermögensverwaltung verantwortlich ist, nutzt im quantitativen Bereich unter anderem eine Clusteranalyse, um wirklich vergleichbare Fonds gegenüberzustellen. Denn ein europäischer Aktienfonds mit Automobilfokus sei nicht sinnvoll mit einem Telekommunikationsfonds vergleichbar, auch wenn beide formal in dieselbe Kategorie fallen. Auf Basis von Tageskursdaten erstellt sie ein Scoring-Modell, das Wertentwicklung, Risiko und Zuverlässigkeit bewertet und wöchentlich aktualisiert wird.
„Die Top-Ten-Fonds jeder Vergleichsgruppe durchlaufen dann eine umfangreiche qualitative Analyse: Investmentphilosophie, Risikomanagement, Kostenstruktur, Teamkontinuität und steuerliche Transparenz. Auch persönliche Gespräche mit dem Fondsmanagement sind fester Bestandteil“, erklärt sie.
Eine Frage der Erfahrung
Welche Investmentphilosophie steckt hinter den Zahlen? Wie stabil ist das Team? Wie werden Entscheidungen getroffen? Das sind die wichtigen Fragen für Thies. „Manager präsentieren ihre Strategien oft in perfekten Marketingfolien. Erfahrung bedeutet hierbei auch, Strukturen, Schwachstellen und Inkonsistenzen zu erkennen“, erklärt die Selektorin – wobei aus ihrer Sicht auch Intuition helfen kann.
Rebecca Polz, Portfoliomanagerin und Beraterin bei der Nvest-Gruppe, geht bewusst anders vor als die anderen Selektorinnen. Es überrasche sie immer wieder, mit welcher Vehemenz historische Renditen als Auswahlkriterium herangezogen würden, sagt sie. Wertentwicklung sei ein Ergebnis, aber kein Beweis für ein zukunftsfähiges Konzept. Die Historie betrachtet sie daher bewusst erst im letzten Schritt. Entscheidend sei für sie die innere Logik: Passen die ausgewiesenen Ergebnisse zur Investmentphilosophie und zum beschriebenen Prozess?
Was Stabilität und Kultur eines Managementteams betrifft, sind sich alle drei einig: Sie zählen zu den entscheidenden Faktoren. Haller überprüft eine Position grundsätzlich neu, wenn der verantwortliche Fondsmanager wechselt – der Track Record gehöre dann streng genommen dem Vorgänger. Polz achtet besonders darauf, wie Entscheidungen zustande kommen und wie mit Fehlern umgegangen wird. Große Freiräume ohne klare Leitplanken sieht sie kritisch: Autonomie könne ein Vorteil sein – sei aber kein Selbstzweck.
Das ETF-Dilemma
Das Wachstum des ETF-Markts hat die Arbeit der Selektorinnen verändert – positiv wie negativ. ETFs ermöglichten einen schnellen Marktzugang, besonders in Nischensegmenten. Wenn die qualitative Prüfung eines aktiven Managers noch laufe, könne man über einen ETF bereits investiert sein – und später wechseln, sobald ein überzeugender aktiver Manager gefunden sei, sagt Thies. „Das ETF-Wachstum hat unsere Arbeit eher präziser gemacht“, sagt sie.
Haller differenziert stärker. Die Produktpalette werde immer vielfältiger – thematische ETFs auf Cybersicherheit oder Halbleiter böten neue Möglichkeiten. Doch ein ETF sei heute nicht automatisch ein breites Investment. „Häufig tragen Produkte hochtrabende Namen, deren größte Positionen aber primär die ‚Magnificent 7' sind“, sagt sie.
„ETF bedeutet nicht gleich ‚passiv'“, warnt auch Polz. Zwar lieferten ETFs eine hervorragende Ergänzung für ein kosteneffizientes und breit gestreutes Portfolio sowie zusätzliche Möglichkeiten, gleichzeitig stiegen damit aber auch die Anforderungen an eine saubere Analyse deutlich.
Eine Grundüberzeugung teilen deshalb alle drei: Aktives Management bleibt in bestimmten Segmenten unverzichtbar. Haller leitet das direkt aus ihrem Scoring-Modell ab: In den USA fänden sich unter den Top-20-Fonds viele ETFs, in den Schwellenländern hingegen gar keiner. Auch bei Unternehmensanleihen sieht sie aktive Fonds oft im Vorteil. Thies formuliert es als strategische Grundhaltung: „Aktives Management bleibt für uns der Default.“
KI als Assistent
Einig sind sich alle drei auch bei der Rolle von Künstlicher Intelligenz. Diese werde die Fondsselektion verändern – aber nicht ersetzen. Haller sieht den größten Nutzen bei der Analyse unstrukturierter Daten, etwa von Fondsberichten oder Managementinterviews. Dem stimmt auch Thies zu und ergänzt: „Unersetzlich bleibt jedoch die menschliche Einschätzung. Investmententscheidungen erfordern Erfahrung, Kontext und die Fähigkeit, Informationen richtig zu interpretieren. Das kann KI schwer ersetzen.“
Auch Polz benennt die strukturelle Grenze der Technik: Märkte seien komplexe, adaptive und vor allem reflexive Systeme mit einem hohen Maß an Unsicherheit. Auch KI werde keine verlässliche Vorhersage der Zukunft liefern können. Den Menschen brauche es überall dort, wo soziale Interaktion und Urteilskraft gefragt seien.
Flexibilität und Sichtbarkeit
Dennoch bleibt die Disziplin der Fondsselektion männlich geprägt. Haller berichtet, auf den meisten Veranstaltungen und in Panels noch immer eine der wenigen Frauen zu sein – und das liege weniger an der Tätigkeit selbst, sondern an der geringen Sichtbarkeit von Frauen in diesem Bereich. Solange das so bleibe, verfestige sich dieses Bild.
Was braucht es also, damit sich das ändert? Haller setzt früh an: Schon in der Schule müssten Mädchen anders an Mathematik und technische Themen herangeführt werden. Die Branche selbst müsse vor allem Flexibilität und Sichtbarkeit bieten. Und: „Es muss sich ändern, dass typisch männliche Attribute wie Lautstärke, Übertreibung und Selbstdarstellung als erstrebenswert gelten. Gute Fondsselektion lebt von analytischer Tiefe, Sorgfalt und fundiertem Urteilsvermögen – nicht davon, wer am lautesten auftritt.“
Als hilfreich auf dem Weg erachten alle drei Frauen Mentoren – und das können gerne auch Männer sein. Polz appelliert deshalb an alle, die sich bereits in einer Verantwortungsposition befinden: „Jede und jeder sollte sich in seiner Position fragen: Wie kann ich gezielt Türen öffnen, statt darauf zu warten, dass jemand anklopft?“ Dafür brauche es kein offizielles Mentoring-Programm – aber die bewusste Entscheidung, Wissen und Verantwortung zu teilen.
Mut und Menschlichkeit
Die Fondsselektion im ETF-Zeitalter ist kein rein technokratischer Prozess, sondern eine Disziplin, die Urteilskraft, Mut und eine gesunde Portion Demut erfordert. Während Algorithmen die Datenflut bändigen, bleibt die Fähigkeit, zwischen den Zeilen einer Investmentstory zu lesen, eine zutiefst menschliche Stärke.

