Im Gespräch mit DAS INVESTMENT analysiert er die ehemalige Mischfonds-Euphorie, den Höhenflug dervon ESG-Investments und die aktuelle Dominanz der ETFs, die aktiven Managern das Leben schwer macht. Kritisch betrachtet Korter auch die zunehmend automatisiert ablaufende Fondsselektion und den schwindenden Einfluss, den der klassische Vertrieb dort nehmen kann.
Bestandsaufnahme eines Marktes, der sich zwischen Kostendruck, Konzentrationsprozessen und dem Einfluss Künstlicher Intelligenz neu sortieren muss – und in dem es für Boutique-Häuser wie LFDE immer schwieriger wird, ihre Nische zu behaupten.
DAS INVESTMENT: Herr Korter, Sie haben langjährige Erfahrung in der Fondsbranche – für wen haben Sie schon gearbeitet?
John Korter: 2005 bin ich bei Carmignac gestartet. Zwei Jahre lang habe ich dort die Schweiz betreut, dann bis 2011 Deutschland. Nach einem halben Jahr Pause war ich bis Mitte 2018 bei Ethenea. Danach bin ich zu LFDE gewechselt – obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, nicht mehr für französische Asset Manager zu arbeiten.
„Eine Herausforderung, dem Anleger aktives Management schmackhaft zu machen“
In der Zeit hat sich eine Menge gewandelt. Welches waren die wichtigsten Großtrends?
Korter: In den 2000ern gab es eine Krise nach der anderen – erst die Dotcom-Krise, dann die Finanzkrise 2008. Diese zweite Krise markierte zusammen mit der deutschen Abgeltungssteuer ab 2009 den Start des Mischfonds-Booms. Viele Asset Manager lancierten Allrounder-Produkte, die Anleger vor dem Stichtag kaufen und später abgeltungssteuerfrei verkaufen konnten. Bis etwa 2012 dominierten Mischfonds den Wholesale- und den Retail-Markt. Selbst große Banken, die zuvor ihre Allokation immer selbst steuern wollten, schwenkten darauf um. In dieser Zeit etablierten sich neben Carmignac auch Vermögensverwalter wie Flossbach von Storch und Ethenea mit ihren erfolgreichen Produkten. Ab 2012 verloren Emerging Markets und Rohstoffe an Attraktivität, während die Aktienmärkte eine zehnjährige Hausse begannen. Diese Euphorie gipfelte 2018/19 im ESG-Trend – nach dem Motto: Wenn es ohnehin läuft, kann man zusätzlich noch etwas Gutes tun. Themenfonds wurden in dieser Phase äußerst wichtig. Kurz vor Corona begann dann die bis heute andauernde ETF-Phase. Für uns aktive Manager ist das schmerzhaft. Wir dachten immer, ETFs und aktive Fonds könnten koexistieren. Aber ETFs werden von Presse und Politik teils so gepusht, dass es eine Herausforderung wird, dem Anleger aktives Management schmackhaft zu machen.
ETFs werden gepusht, würde heißen, dass sie in den Markt gedrückt werden. Für Anleger ist es offenbar aber vor allem ein Kostenargument.
Korter: Die Frage ist, wie nachhaltig dieser Trend ist. Ich vermute, dass komplexere ETF-Geschäfte oft querfinanziert werden müssen. Nicht der S&P 500-ETF, sondern aktive oder thematische ETFs.
Sie meinen, dass Asset Manager mit etwas komplizierter gebauten ETFs nichts verdienen können?
Korter: Die Vermutung liegt nahe. Ist billig immer gut? ETFs hatten noch keine längere Baisse-Phase. Wir haben zwar volatile Märkte, aber sie haben sich bisher noch immer gefangen. Ob ETFs langfristig die einzige Lösung sind – das bezweifle ich.
„Komplexere ETF-Geschäfte dürften oft querfinanziert werden“
Aktuell sind auch Vermögensverwaltungen wieder im Fokus. Wenn Berater sie an Privatkunden vermitteln, müssen sie weniger protokollieren.
Korter: Es gibt unabhängige Vermögensverwalter, die das Beste für Kunden wollen, und Vermögensverwaltungen, bei denen in einigen Banken mitunter zu 80 Prozent hauseigene Produkte stecken. Das ist nicht unbedingt im Kunden- und Regulatorinteresse, würde ich sagen. Ein anderer Trend ist: Fonds werden immer öfter quantitativ ausgewählt.
Wie meinen Sie das?
Korter: Der Vertrieb hat weniger Einfluss auf Fondsselektoren. Es wird quantitativ, auch manchmal mit KI selektiert. Ich frage mich, ob da immer objektiv ausgewählt wird oder ob man sich nicht oft von vornherein auf einige sehr große Fondsgesellschaften beschränkt. Man versteckt sich hinter großen Namen, statt Perlen finden zu wollen. Es wird immer mehr Mainstream und die Berater setzen sich weniger von ihren Mitbewerbern ab, als es noch vor zehn Jahren der Fall war.
„Die Branche entwickelt sich zur Reaktivität“
Beobachten Sie das in Ihrer täglichen Arbeit?
Korter: Ja. Früher konnte man Dachfondsmanager auf Besonderheiten hinweisen. Heute lassen sie ihre Systeme laufen und wählen nach Performance-Rankings. Der Vertrieb hat kaum Chancen, speziellere Produkte anzubieten. Die Branche entwickelt sich auch zur Reaktivität. Fonds werden heute gekauft, und weniger verkauft. Berater sagen heute oft: „Der Kunde will das nicht.“ Dabei sollten sie doch Empfehlungen geben und nicht auf Kundenwünsche warten.
Wird der klassische Vertrieb überflüssig?
Korter: Nicht ganz, es bleibt ein People's Business. Aber der Einfluss der Vertriebsaktivität hat sich verändert.
Macht der Job weniger Spaß?
Korter: Er ist anders, die Leute wollen es digitaler. Veranstaltungen werden weniger besucht – es gibt allerdings auch ein Überangebot. Berater treffen lieber eine Vorauswahl als lange Anfahrten in Kauf zu nehmen.
„Wer nichts wirklich Außergewöhnliches bietet, hat es schwer“
Beflügelt das die Konzentration bei den Großen?
Korter: Ja, ebenso wie der Trend zu ETFs. Aktive Manager haben lange an hohen Margen festgehalten und müssen diese jetzt reduzieren. Margen reduzieren heißt Kosten reduzieren, und der größte Kostenfaktor ist das Personal. Es gibt auch viele Akquisitionen: BNP fusioniert mit dem Vermögensverwalter von Axa, Generali und BPCE legen ihre Vermögensverwalter zusammen. Wir wurden von der La Banque Postale AM gekauft.
Sind die Asset Manager nicht selbst an ihrer Misere schuld, weil sie die Kostenseite zu lange ignoriert haben?
Korter: Ja, aber es funktionierte jahrelang. Und man muss dazu sagen, dass aktives Management auch Kosten mit sich bringt.
Bis die ETFs kamen.
Korter: Da war es fast zu spät. Die Digitalisierung macht Selektion per Knopfdruck möglich. In Deutschland buhlen rund 700 Asset Manager um etwa 500 unabhängige Vermögensverwalter – wer nichts wirklich Außergewöhnliches anzubieten hat, hat es schwer.
Pusht auch Künstliche Intelligenz die Konzentration im Fondsvertrieb?
Korter: Ja. Asset Manager müssen die KI der Kunden beeinflussen, um unter die Top-Auswahl zu kommen. Es geht bei der Fondsauswahl auch nicht nur um Performance, sondern auch um Schwankungen. Außerdem müssen Kunden sofort Antworten erhalten, wenn sie Anfragen stellen.
„Irgendwann kommt bei ETFs der Rückschlag“
Könnte LFDE zukünftig einmal eigene ETFs auflegen?
Korter: Nichts ist unmöglich, aber es ist derzeit nicht geplant. Der Zug ist zum Teil auch schon abgefahren, zu viele bieten bereits ETFs an. Irgendwann wird es einen Rückschlag geben. Asset Manager sollten sich auf das konzentrieren, was sie gut können, statt unbedingtes Wachstum anzustreben.
Wie hat die Fusion von LFDE mit La Banque Postale AM funktioniert?
Korter: Die Zusammenarbeit läuft erst seit Januar 2024, daher lässt sich das noch nicht beurteilen. Wir haben unter dem Dach von BBP AM Tocqueville Finance übernommen und sind von 12 auf 24 Milliarden Euro Assets under Management gestiegen. Aber groß verändert hat sich für uns bis dato wenig.
LFDE hat sich das Thema ESG auf die Fahnen geschrieben. In dem Bereich hat es einen Sinneswandelt gegeben. Mittlerweile versuchen einige Fondsgesellschaften, ihre nachhaltigen Aktivitäten eher zu verbergen.
Korter: Es geht von einem Extrem ins andere. Erst war Nachhaltigkeit ein im Nachhinein betrachtet großer Marketing-Hype. Dann kam die Regulatorik, und bis heute weiß keiner genau, was denn nun grün und was nicht grün ist. Dann kam der Ukrainekrieg, die Energiekrise. Die Einstellung wandelte sich von „Gutes tun“ zu „nur ohne Performance-Einbußen“ bis hin zu „Rüstung, Gas und Öl bringen mehr“. Gerade mit einem US-Präsidenten Trump fragen sich nun viele Länder: Warum soll ich, wenn andere nicht mitziehen? In Europa wie in den USA bleiben nur wenige überzeugte Häuser – obwohl das Thema selbst natürlich nicht verschwinden darf.
Wie geht LFDE damit um?
Korter: Wir behandeln Nachhaltigkeit als normalen Teil des Anlageprozesses – vor allem in Bezug auf das „G“ –, ohne es an die große Glocke zu hängen. Am Ende muss es heißen: Ich kann gerne beitragen die Welt zu retten, aber ich muss Geschäft machen. Wenn ich keine Performance liefere, bringt der grünste Ansatz in unserer Branche leider nichts.