Auf der Crypto Assets Conference 2026 an der Frankfurt School of Finance haben Christoph Fröhlich und Malte Dreher einen ganzen Tag mit sechs Expertinnen und Experten gesprochen – aus Wissenschaft, Asset Management, Banking und Fintech-Infrastruktur. Das Ergebnis ist ein Lagebild: Tokenisierung ist kein Zukunftsthema mehr. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wer dabei gewinnt – und wer auf der Strecke bleibt.

Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School und Mitorganisator der Konferenz, bringt die Stimmung auf den Punkt: „Die Zeit, wo alle so ein bisschen zusammenkommen und sich beschnuppern – die ist rum. Wir sind an der Schwelle, wo Pilotprojekte zu richtiger Skalierung führen.“

Seit zwölf Jahren richtet die Frankfurt School die CAC aus, dieses Jahr erstmals gemeinsam mit der Deutschen Börse Group. Georg beschreibt den Kern der Veranstaltung: einen Ort zu schaffen, an dem Industrie, Wissenschaft und Regulatoren gemeinsam verstehen, was gerade wirklich passiert. „Die Forscher müssen verstehen, was die wichtigen Fragen in der Industrie sind. Die Industrie sollte ein Gefühl dafür haben, was die Forschung einem sagen kann.“ Die Diskussionen, erklärt er, drehen sich nicht mehr um abstrakte Szenarien, sondern um echte Use-Cases: Was ist nach dem Hype-Cycle übrig geblieben? Was hat sich wirklich etabliert?

Auf die Frage, was gerade am stärksten unterschätzt wird, nennt Georg drei Bereiche: die Infrastruktur für die Tokenisierung von Realwerten ist weiter als die Adoption vermuten lässt. Das Thema Stablecoins entwickelt sich schneller als der Markt ahnt. Und beim digitalen Euro klafft zwischen dem tatsächlichen Stand und der öffentlichen Wahrnehmung eine Lücke von „drei bis fünf Jahren“.

Volles Haus: Die CAC26 zog insgesamt rund 500 Besucher an
Volles Haus: Die CAC26 zog insgesamt rund 500 Besucher an | Bildquelle: Frankfurt School of Finance

Das 40 Jahre alte System und seine Grenzen

Ralf Wandmacher macht keinen Hehl daraus, was er vom klassischen Kapitalmarkt hält. „Wir arbeiten mit einem System, das 40, 50 Jahre alt ist. Wir tun alle so, als ob alles wunderbar und easy ist. Dabei haben wir riesige Aufwände im System. Allein Settlement und Reconciliation zusammengenommen – das sind Leute, die so etwas checken müssen. Das müssen wir in Zukunft nicht mehr tun.“

21X ist ein Handelsplatz, der vollständig auf der Blockchain operiert – mit Smart Contracts als zentralem Element. Auf der Plattform kann direkt gegen Stablecoins getauscht werden, Geldmarktfonds oder Wertpapiere werden ohne den Umweg über klassische Fiat-Währungen gehandelt. Wer will, kann einen Blackrock-Fonds, eine DWS-Anleihe oder ein Mercedes-Token kaufen – alles aus der Wallet heraus, instant.

Die entscheidende Frage ist die nach den Verlierern. Wandmacher antwortet ohne Zögern: „Die Verwahrstellen und andere Intermediäre, die dazwischen hängen. Die Asset Manager? Denen ist das eigentlich egal – oder sie sparen sogar Kosten.“ Das System wehre sich deshalb gerade, weil viele Beteiligte sehr stark davon betroffen seien. Was die Zeitachse angeht, ist er präzise: „2026 kommt schon einiges. Und 2027 kommt die große Welle.“

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Regulierung als Enabler

Carolin Wenke ist seit über vielen Jahren tief im Thema Digital Assets – zunächst über ihre Masterarbeit, dann bei Accenture in internationalen CBDC-Projekten, heute bei der DZ Bank als Expertin für Tokenisierung und Regulierung. Ihr Einstieg kam aus der Analyse traditioneller Wertpapierprozesse: papierbasiert, intermediär-intensiv, langsam. Die Blockchain bot ihr die Möglichkeit, genau diese Prozesse effizienter zu gestalten.

Seit 2023 betreibt die DZ Bank eine produktive Digital-Verwahrlösung für institutionelle Kunden – und hat seit dem 1. März 2025 die Mica-Lizenz für die Digitalverwahrung. Wenkes Kernthese: Regulierung ist kein Hemmnis, sondern Enabler. „Ohne Regulierung wäre unser Geschäftsmodell gar nicht möglich. Das elektronische Wertpapiergesetz hat uns eine Möglichkeit geschaffen, dieses Geschäftsmodell regulatorisch abgesichert anzubieten.“

Was sie als größte Herausforderung beschreibt, ist die fehlende Standardisierung: Zu viele Akteure bauen noch eigene Insellösungen. Es gibt nicht die eine Blockchain, auf der alle Marktteilnehmer arbeiten. „Wenn man da noch einen gemeinsamen Standard hätte, wäre das auf jeden Fall einfacher.“ Die Mica-Regulierung lobt sie als gutes Framework – einheitlich für Europa, mit klarem Verbraucherschutz. Beim eWpHG hingegen fehle noch die nötige Schärfe.

Zehn Jahre Überzeugungsarbeit

Christoph Hock von Union Investment beschäftigt sich seit 2016 intern mit Blockchain – damals in Meetings mit fünf Kollegen, heute mit dem Rückenwind eines ganzen Vorstands. Was den Durchbruch brachte, war die erste öffentlich zugängliche tokenisierte Anleihe: 2021 emittierte die Europäische Investitionsbank einen 100-Millionen-Bond nativ auf DLT. Union Investment war der einzige Asset Manager, der dieses Produkt zeichnete – und erzielte dabei einen Rendite-Pickup von über zehn Basispunkten gegenüber klassischen EIB-Anleihen.

Die interne Überzeugungsarbeit war nicht trivial. „Es funktioniert doch alles, für was brauchen wir das“, war die häufige Reaktion. Es brauchte Aufklärung, Visionen – und Enthusiasten in Schlüsselpositionen. Frank Engels, damals Head of Portfolio Management, heute im Vorstand, war einer davon.

Heute sieht Hock die Branche an einem entscheidenden Punkt. „Dieser Inflection Point – das ist so der ChatGPT-Moment für DLT, für Blockchain-Technologie.“ Die Puzzlestücke fügen sich zusammen: Wholesale CBDC der EZB mit Go-Live der ersten Stufe, Tokenisierungskapazitäten bei Clearstream und Euroclear, skalierbare Sekundärmarktlösungen. „Über die nächsten 6 bis 18 Monate werden wir eine massive Skalierung sehen."

Den internationalen Wettbewerb beobachtet er mit sportlichem Ernst: Die USA haben unter Trump eine 180-Grad-Wende hingelegt, Asien war früh dabei. Sein Appell: Europa darf sich nicht wieder von den Amerikanern abhängen lassen – wie einst beim Aufstieg der Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley. Die Chance sei vorhanden. Die PS müssten jetzt auf die Straße.

„In zehn Jahren liegt die Hälfte unserer Assets auf der Blockchain"

Franklin Templeton gehört zu den wenigen Asset Managern weltweit, die bereits einen produktiven tokenisierten Geldmarktfonds betreiben. Christian Machts, Deutschland-Chef des Hauses, beschreibt das Thema als strategische Priorität – und gibt eine klare Prognose: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in zehn Jahren die Hälfte unserer Assets – Minimum – auf einer Blockchain haben.“

Wie der tokenisierte Geldmarktfonds in der Praxis aussieht, erklärt Machts an einem einfachen Beispiel: Ein Unternehmen, das tagsüber Liquidität für Transaktionen braucht, legt sein Geld abends automatisch in den Fonds an – und holt es morgens früh wieder raus. 3,5 Prozent Rendite für Geld, das sonst nichts tut, in einer einzigen Anwendung ohne manuelle Eingriffe. „Dinge, die heute sehr viel komplizierter sind, ziemlich einfach gemacht.“

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An der klassischen Fondstruktur – Fonds, ETF, Spezialfonds – wird sich seiner Meinung nach grundlegend etwas ändern. Die Investmentstrategie löst sich weiter von der Hülle. „Going forward wird das eine Digitalisierungshülle sein.“ Was verliert? „Transfer Agency, Fund Accounting, Wirtschaftsprüfer für operative Fondsthemen – all das wird sich dramatisch runtercutten.“ Die Industrie sei veränderungsresistent, räumt Machts ein. Aber das werde nun sukzessive aufgebrochen – step by step, ohne Big Bang.

Den Endkunden, sagt er, werde die Revolution kaum auffallen. „Wir werden das so nahtlos implementieren, dass man es im Zweifel gar nicht merkt.“ Was man merken wird: mehr Assets, schnellerer Handel, 24/7-Verfügbarkeit.

Malte Dreher (links) und Christoph Fröhlich auf der Crypto Assets Conference
Malte Dreher (links) und Christoph Fröhlich auf der Crypto Assets Conference | Bildquelle: Edelstoff Media

Das Betriebssystem für die neue Finanzinfrastruktur

Swiat ist ein Fintech aus Frankfurt – und vielen Hörerinnen und Hörern noch unbekannt. Das dürfte sich ändern: Das Unternehmen ist eWpHG-Registerführer, Bafin-beaufsichtigt, und hat die bisher größte digitale Wertpapiertransaktion in Europa ermöglicht – die Siemens-Emission 2024 im Rahmen der EZB-Trials.

Jonathan Leßmann beschreibt Swiats Ansatz in einem klaren Bild: „Es ist ein bisschen wie ein Wlan-Router. Einmal aufgesetzt, habe ich Zugang zu allen Applikationen, die auf dem Swiat-Ökosystem laufen.“ Über 50 juristische Entitäten sind bereits aktiv und bereit, in Produktion miteinander zu interagieren. Der entscheidende Unterschied zu anderen Angeboten: kein Insellösungs-Denken, sondern ein offenes, interoperables Ökosystem.

Die Effizienzgewinne sind für Leßmann konkret: Eine goldene Datenquelle statt unzähliger paralleler Kopien in verschiedenen Banksystemen. Echtzeit-Settlement statt T+7. DVP – Zahlung gegen Lieferung – für Assets, die heute noch als unfungibel gelten. Die Abstimmungsaufwände gehen massiv zurück.

Swiat geht noch einen Schritt weiter: Zusammen mit Instituten wie ABN Amro und KfW wurde eine europäische Genossenschaft gegründet – „Regulated Layer One" – mit dem Ziel, eine europäisch governed, öffentlich zugängliche Blockchain-Infrastruktur aufzubauen.

Zur Verteilung von Gewinnern und Verlierern hat Leßmann eine differenzierte Antwort: „Die Karten sind noch am Mischen.“ Was bleibt: Institute, die Risiken ausbalancieren, werden gebraucht. Reine Infrastrukturintermediäre geraten unter Druck. Sein Konzept nennt er „Co-petition“ – Zusammenarbeit auf der technologischen Ebene, Wettbewerb auf der Anwendungsebene.

Fazit: Der Hype ist durch, die Arbeit beginnt

Am Ende des Tages sitzen Christoph und Malte zusammen und ziehen Bilanz. Christoph: „Ich nehme mit, dass viel gar nicht mehr nur noch in irgendeiner Powerpoint steht, sondern offenbar schon kurz vor Marktstart ist. Wir werden die Branche, wie wir sie jetzt kennen, in fünf Jahren an vielen Punkten gar nicht mehr so wiedererkennen.„ Und Malte, der Literat unter den beiden: „Man weiß: Da wird etwas disrupted. Aber gleichzeitig wächst da auch etwas. Das finde ich einen sehr konstruktiven Angang.“

Was die Crypto Assets Conference 2026 gezeigt hat: Der Hype ist durch, die Arbeit hat begonnen. Sechs Gespräche, sechs Perspektiven – und ein gemeinsamer Tenor: Der Inflection Point nähert sich. Die Puzzlestücke liegen auf dem Tisch. Wer jetzt zuschaut, zahlt in drei Jahren den Preis.