Manchmal wirkt Politik wie ein Abreißkalender: Jeden Tag steht ein neues Versprechen drauf – und abends landet es im Papierkorb.
Die Frühstart-Rente ist das jüngste Beispiel. Erst als großer Wurf für 6- bis 18-Jährige angekündigt, landet sie nun in der Realität da, wo in Berlin viele gute Ideen enden: irgendwo zwischen Haushaltsloch und „Wir würden ja gern, aber …“.
Der Plan war einfach: monatlich 10 Euro vom Staat in ein Kinderdepot, früh lernen, wie Kapitalmärkte funktionieren, endlich einmal nicht nur über Aktienkultur reden, sondern sie mit 18 Jahrgängen einfach tun.
Und dann taucht in der Bereinigungsvorlage diese eine Zahl auf:
50 Millionen Euro.
So viel ist die „Zukunft der Altersvorsorge“ offenbar wert. Reicht für exakt einen Jahrgang. Für die anderen zwölf? Schulterzucken.
Ich merke, wie mich das persönlich trifft. Meine eigenen Kinder sind 2018er und 2020er Jahrgang. Das eine Kind fällt raus, das andere rein – als hätte jemand Bundespolitik mit einem Glücksrad verwechselt.
Während wir öffentlichkeitswirksam darüber diskutieren, ob die Rente stabil bleibt, schafft man es nicht einmal, ein Projekt durchzuhalten, das pro Kind weniger kostet als ein Volltank für einen Ministeriums-Dienstwagen.
Dabei diskutiert Deutschland seit Jahrzehnten über die Rentenlücke. Wir wissen, dass das Umlageverfahren unter Druck steht. Wir wissen, dass 122,5 Milliarden Euro Bundeszuschuss zur gesetzlichen Rente im Jahr 2025 nicht weniger werden. Und wir wissen, dass andere Länder längst vorgemacht haben, wie kapitalgedeckte Altersvorsorge funktioniert.
Israel hat es vorgemacht. Schweden sowieso. Selbst Kanada und die USA fördern Kinderdepots seit Jahren – teils mit vierstelligen Startbeträgen. Kinderdepots sind dort kein politisches Feigenblatt, sondern Erziehungsauftrag. Deutschland? Zehn Euro. Monatlich. Für einen Jahrgang.
Und dann die Kommunikation dazu. „Schrittweise Einführung“, heißt es. Jahr für Jahr sollen dann weitere Alterskohorten dazukommen. Klingt pragmatisch. Ist aber, ehrlich gesprochen, nur eine elegante Formulierung für: Wir haben uns übernommen – und jetzt darf der Jüngste zuerst.
Der Neobroker Scalable Capital plakatiert gerade die Innenstädte mit pfiffigen Sprüchen zu Kinderdepots. „Eben noch Kind, jetzt schon Finanzwesen“, steht etwa auf einem Plakat. „Vater statt Vater Staat“ heißt es auf einem anderen. Vermutlich gedruckt in leiser Vorahnung, was da kommen würde. Die Marketingkampagne ist schon im Jahr 2026 angekommen. Die Politik steckt irgendwo 2010 fest.
Denn das eigentliche Problem ist nicht die Höhe der Förderung. Das Problem ist die Halbherzigkeit. Entweder man will eine Generation an den Kapitalmarkt heranführen – dann macht man es für alle. Oder man lässt es gleich. Aber diese Salamitaktik, bei der Jahr für Jahr ein weiterer Jahrgang hinzukommt, während die älteren Kinder durchs Raster fallen? Das ist keine Reformpolitik. Das ist Kassensturz mit Pressemitteilung.
Zumal das Geld ja da ist. Die Kosten für die Mütterrente III werden laut Gesetzentwurf auf rund 5 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das sind 5.000 Millionen. Beziehungsweise das Hundertfache der 50 Millionen für die Jüngsten.
Vielleicht brauchen wir also gar keine Frühstart-Rente.
Vielleicht brauchen wir erst eine Frühstart-Politik – eine, die nicht schon nach einem Jahrgang erschöpft zusammenklappt.
Denn Zukunft lässt sich nicht in 50-Millionen-Portionen aufteilen.
Dies ist ein persönlicher Kommentar, der ausschließlich die subjektive Meinung und Sichtweise des Autors widerspiegelt. Die hier dargestellten Ansichten, Interpretationen und Schlussfolgerungen repräsentieren nicht notwendigerweise die Position oder offizielle Haltung des Unternehmens.

