Themen-Experte
Megatrends

Themen-Experte
Megatrends

Alle am Smartphone: China ist dem Westen im Hinblick auf die Nutzung neuer Technologien vier bis fünf Jahre voraus. | © imago images / UPI Photo Foto: imago images / UPI Photo

Führungsrolle bei der Digitalisierung

In China ist Veränderung eine Konstante

Als Peggy Liu vor Kurzem das neugeborene Kind ihres Bruders in einem Shanghaier Krankenhaus besuchen wollte, musste sie ihr Handy mitnehmen. Nicht, um jemanden anzurufen oder Bilder zu machen, sondern um dem Personal zu beweisen, dass sie kein Covid-19-Risiko darstellte.

„Das erste, was das Krankenhauspersonal tat – nachdem es kontrolliert hatte, dass ich eine Maske trug, und meine Temperatur gemessen hatte – war, sich auf meinem Telefon meinen Gesundheitscode anzuschauen“, erzählt sie Mega in einem Videotelefonat. „Die Kontaktnachverfolgung trägt in asiatischen Ländern entscheidend dazu bei, dass sich die Menschen sicher fühlen.“

Das Code-System, das von Alibaba, WeChat und Baidu betrieben wird, weist den Nutzern auf Grundlage ihrer Gesundheitsdaten und ihrer Reisegeschichte eine Ampelfarbe zu. Es wird auch verwendet, um Menschen aufzuspüren, die eventuell Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Die App ist inzwischen in Hunderten von Städten in ganz China im Einsatz und bestimmt, ob Menschen zur Arbeit gehen dürfen, öffentliche Verkehrsmittel verwenden dürfen und vieles mehr.

Die Menge an verfügbaren Daten ist enorm: Genutzt werden können zum Beispiel GPS-Standortdaten, Krankenakten, Reisebuchungen, Besucherprotokolle, Finanztransaktionen (per Kreditkarte oder Mobiltelefon) und Videoüberwachungsaufnahmen. Und mit der zunehmenden Verbreitung von 5G-Netzen, die die Entwicklung eines riesigen Internets der Dinge ermöglichen, das von Parkplätzen bis hin zu Kühlschränken praktisch alles mit der digitalen Welt verbindet, wird die Bandbreite der Daten sicherlich weiter wachsen.

Chinas Bevölkerung ist offen für neue Technologien

China ist gut aufgestellt, um in dieser Revolution eine Führungsrolle zu übernehmen. Aufgrund seines politischen und sozialen Systems stehen der Nutzung personenbezogener Daten zum einen weniger Hindernisse entgegen als in den USA und Europa, wo der Datenschutz für Verbraucher und Regulierungsbehörden gleichermaßen von zentraler Bedeutung ist.

Zum anderen hat seine Bevölkerung neue Technologien in all ihren Formen schneller akzeptiert als viele andere Länder. Schon vor dem Lockdown entfiel in China mehr als die Hälfte des gesamten Einzelhandels auf den Online-Bereich, während es in den USA nur knapp über 10 Prozent waren. Nicht umsonst heißt es, China sei dem Westen in Sachen Logistik und elektronischem Handel „gut vier bis fünf Jahre“ voraus. Diese Fortschrittlichkeit erstreckt sich auch auf den kontaktlosen Zahlungsverkehr – einen Schlüsselfaktor in der heutigen Welt, in der die Angst vor Krankheitserregern allgegenwärtig ist. Online-Zahlungsplattformen, hinter denen keine Banken stehen, haben in China nach offiziellen Angaben im Jahr 2019 sagenhafte 250 Billionen RMB (35 Billionen US-Dollar) umgesetzt.

„In China wird alles mit dem Telefon bezahlt – man kann ohne Portemonnaie, Kreditkarte oder Bargeld aus dem Haus gehen“, sagt Liu. „Wenn man kein Geld anfassen muss, gibt es schon einmal einen Infektionsweg weniger.“

Marktdurchdringung im mobilen Point-of-Sale-Segment

Auch in anderen Bereichen hat die Pandemie den Einsatz von digitalen Technologien und Robotik vorangetrieben.

„Der Trend hin zu Telediagnostik und Telemedizintechnik hat sich beschleunigt. Der Einsatz von Drohnen und autonomen Elektrofahrzeugen hat ebenfalls zugenommen – inzwischen werden mit autonomen Fahrzeugen Mahlzeiten und Medikamente ausgeliefert und Straßen gereinigt“, merkt Liu an.

China war das erste Land, das von der Pandemie getroffen wurde, und damit auch das erste Land, das auf Heimarbeit und Unterricht zu Hause umstellte. Zu Spitzenzeiten arbeiteten im Lockdown geschätzt 200 Millionen Chinesen im Home-Office, darunter auch Liu.

Microsoft Teams verzeichnete am 31. März 2020 mit 2,7 Milliarden Meeting-Minuten einen neuen Tagesrekord, und auch Googles Videokonferenz-Lösung Meet verbuchte in der ersten Aprilwoche 2020 jeden Tag mehr als 2 Millionen neue Nutzer, die sich einloggten.

China ist auf dem Weg Online-Arbeit flächendecken einzusetzen

Selbst nach der vollständigen Aufhebung des Lockdowns weltweit rechnet Liu damit, dass sich sowohl die Unternehmen als auch die Beschäftigten für flexiblere Arbeitsmodelle entscheiden werden als vor der Pandemie: „Unternehmen werden ihre Arbeitsweise radikal ändern.“

Dies ist ein Punkt, in dem China möglicherweise Nachholbedarf hat: Vor der Pandemie bot nur die Hälfte der chinesischen Unternehmen flexible Arbeitsmodelle an, während der Durchschnitt weltweit bei 62 Prozent und in den USA bei 69 Prozent lag. Doch mit seiner Offenheit gegenüber Technologien ist China in einer guten Position, um noch deutlich modernere Online-Arbeitsmethoden zu etablieren, etwa unter Einsatz von Virtual und Augmented Reality.

„Alles, was sich bereits veränderte, wurde noch einmal beschleunigt. Alle Systeme rund um den Globus müssen neu auf die Tatsache ausgerichtet werden, dass Veränderung die einzige Konstante ist“, sagt Liu.

Mehr zum Thema