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Fünf Löwen auf dem Sprung: Studienleiter des GFK Vereins über Afrika

Roland Frank
Roland Frank
Afrika, lange bekannt für Armut und Kriege, Dürren und Epidemien, birgt gewaltige Rohstoffvorräte und weist heute in vielen Ländern vergleichsweise hohe Wirtschaftswachstumsraten auf. Gleichzeitig dürfte sich die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln. Damit könnten dann drei Milliarden Konsumenten einen enormen Absatzmarkt bilden. Ob dem Kontinent der lang ersehnte Satz nach vorn gelingt, hängt davon ab, wie viele Menschen sich den Konsum leisten können und den Schritt aus der Armut in die Mittelschicht schaffen. Das Berlin-Institut untersucht, welche Probleme die Länder Afrikas auf diesem Weg bereits gemeistert haben und welche Hürden noch vor ihnen liegen.

Die afrikanische Wirtschaft ist im 21. Jahrhundert um durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr gewachsen. Einige Länder Afrikas entwickeln sich zu zukunftsgewandten Demokratien mit jungem, gut ausgebildetem Regierungspersonal. Zudem sind die Staatskassen, dank rückläufiger Schulden, vielerorts voller als früher und ermöglichen Bildungs- und Gesundheitsausgaben. Nicht zuletzt nutzt die junge Bevölkerung Afrikas begeistert neue mobile Kommunikationsmittel und gelangt damit leicht an Informationen über aktuelle Marktentwicklungen und Preise. Das macht sie von der oft schwachen Infrastruktur unabhängiger und damit wirtschaftlich handlungsfähiger

Junge Menschen sind eine riesige Chance

Gerade die jungen Menschen sind das größte Potenzial Afrikas. Die Zahl der 15- bis 24-Jährigen dürfte sich bis 2045 auf 400 Millionen verdoppeln. Dann zählt Afrika eine Milliarde Menschen im Erwerbsalter und damit eine größere arbeitsfähige Bevölkerung als China oder Indien, als Europa oder Amerika. Dies bedeutet eine riesige Chance für Afrika. Doch um sie zu ergreifen, müsste Afrika es schaffen, seine „demografische Dividende“ zu nutzen, also die vielen Erwerbsfähigen auch mit Arbeit zu versorgen, um sie zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Erst dann würden die Einkommen auf breiter Basis wachsen, es entstünde Spielraum für den Verkauf von Konsumgütern und die konjunkturelle Basis für weiteres Wirtschaftswachstum.

Bisher ist die Mehrheit der Afrikaner ohne Arbeit oder lebt von der Subsistenz- oder der informellen Wirtschaft. Der Großteil der Afrikaner lebt von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Nur wenige haben Zugang zu guter Bildung und zum Gesundheitssystem. Es mangelt an Kapital und an der notwendigen Infrastruktur, um effizient zu wirtschaften. Einige Länder sind von Kriegen bedroht, andere gelten als gänzlich gescheiterte Staaten.

Die Ausgangslagen in den Ländern Afrikas sind also sehr unterschiedlich. Das Berlin-Institut hat im Auftrag des GFK Instituts anhand einer Vielzahl von Indikatoren untersucht, auf welchem Entwicklungsniveau sich die einzelnen Staaten bewegen. Die Studie zeigt, wo in den kommenden Jahren die Bevölkerungsstruktur eine demografische Dividende zulässt (Bevölkerungspotenzial), wo Bildungs- und Gesundheitsstand die Entstehung einer produktiven, kaufkräftigen Mittelschicht ermöglichen (Lebensbedingungen), wo Rechtssicherheit und Stabilität Investoren anlocken (Politik) und wo wirtschaftliche Erfolge der Bevölkerung zu Wohlstand und Konsumpotenzial verhelfen (Wirtschaft). Im Gesamtranking aus allen vier Bereichen ergibt sich dabei ein gemischtes Bild, in dem einige Staaten insgesamt überzeugen, während andere wirtschaftlich abgeschlagen und von Konflikten und Krisen gebeutelt schlechte Aussichten auf eine positive Entwicklung bieten.


Größte Hoffnungsträger: Südafrika, Ghana, Ägypten, Tunesien und Marokko

Problematische Lage im Innern des Kontinents und am Horn von Afrika, Anlass zur Hoffnung dagegen im Norden, im Süden sowie teilweise im Westen – so lässt sich die Lage in Afrika zusammenfassen. Südafrika, das westafrikanische Ghana sowie Ägypten, Tunesien und Marokko bieten die größten Entwicklungspotenziale: Sie belegen in den Teilbereichen Wirtschaft, Politik/Rechtssicherheit, Lebensbedingungen und Bevölkerungspotenzial vorderste Plätze.

Weitere Hoffnungsträger sind, mit Einschränkungen, Gabun, Mauritius, Namibia, Gambia und Senegal. Immerhin noch in der zweiten Liga findet sich Kenia, die Regionalmacht der afrikanischen Ostküste und dort neben Tansania und Madagaskar Spitzenreiter. Das Schwergewicht Nigeria hat zwar lediglich die Gesamtnote 3 erhalten – doch die sehr wohlhabende Oberschicht und eine wachsende Mittelklasse sorgen dafür, dass das Land für Unternehmen und Investoren trotzdem hochinteressant ist.

Die drei Hoffnungsträger Südafrika, Ghana und Ägypten haben in den vergangenen Jahren beeindruckende Wachstumsraten erzielt, bieten für afrikanische Verhältnisse gute Lebensbedingungen, sind politisch weitgehend stabil und verfügen hinsichtlich ihrer Bevölkerungsstruktur über beste Voraussetzungen für eine demografische Dividende. Doch steht jedes Land vor spezifischen Herausforderungen: In Ghana behindert die schlechte Infrastruktur eine wirtschaftliche Entwicklung. Südafrika verzeichnet eine der weltweit höchsten HIV-Infektionsraten und in Ägypten sind große Teile einer ganzen Generation junger Akademiker arbeitslos. Im weniger entwickelten Kenia wiederum lässt das Bevölkerungswachstum nicht nach. Ein teures Unterfangen, denn die Heranwachsenden müssen mit Schulen und medizinischen Diensten versorgt werden sowie mit Lebensmitteln, die heute schon knapp sind.

Und in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, hängt der wirtschaftliche Erfolg überproportional am Erdöl. Von dessen Verkauf allerdings profitieren nur wenige, während der Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig und ein Viertel offiziell arbeitslos ist. Und weil die ethnisch heterogene Bevölkerung in den kommenden Jahren stark wachsen wird, dürften sich die Konfliktlagen künftig noch verschärfen.


Zum Autor: Roland Frank leitet beim GfK Verein den Bereich Studien. Der GfK Verein ist eine Non-Profit-Organisation der GfK Gruppe zur Förderung der Marketingforschung.
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