Blick auf den Londoner Glockenturm Big Ben Foto: imago images / agefotostock

Investmentprofis zum Brexit-Abkommen

„Für Anleger eindeutig eine gute Sache“

Diese frohe Botschaft an Heiligabend kam überraschend: Die Europäische Union hat mit Großbritannien doch noch eine Einigung über ein Freihandelsabkommen erzielt. Und das ganz knapp bevor am 31. Dezember die Übergangsfrist auslaufen sollte, bis zu der eine Einigung überhaupt möglich gewesen wäre. Das Vertragswerk zwischen der EU und Großbritannien soll 1.300 Seiten umfassen.

Ist damit alles in trockenen Tüchern? Jedenfalls fast, denn das Abkommen benötigt noch die formale Zustimmung beider Seiten. Am 30. Dezember soll das britische Parlament darüber abstimmen, von EU-Seite müssen zudem alle 27 Mitgliedstaaten ihr Go erteilen. Da das bis Silvester nicht machbar ist, soll der Vertrag zunächst vorläufig in Kraft treten, die Staaten können später ratifizieren. Beobachter rechnen damit, dass beide Seiten den Vertrag durchwinken werden.             

Mit Blick auf die auslaufende Frist für eine Handelsvereinbarung war zuletzt zwischen beiden Parteien ein erbitterter Streit über Fischereirechte entbrannt. Darüber hinaus ging es um einen möglichen Sonderstatus für Nordirland. Der nördliche Teil der Insel soll laut dem Abkommen nun im europäischen Binnenmarkt verbleiben. Inwieweit der britische Finanzmarkt in Europa integriert wird, ist noch mit Fragezeichen versehen.  

Nach dem mittlerweile mehr als vierjährigen Hickhack der Brexit-Verhandlungen macht sich bei Beobachtern jedoch auch Erleichterung breit: Der befürchtete harte Brexit ist abgewendet. Was das Handelsabkommen vor allem für Finanzmärkte und Anleger mit sich bringen könnte, schätzen vier Finanzmarktprofis ein.


„Für Anleger eine gute Sache“

Quentin Fitzsimmons, Senior Portfolio Manager im Anleihe-Bereich von T. Rowe Price:

„Die Einigung in den Brexit-Verhandlungen ist für Anleger eindeutig eine gute Sache. Denn das durchaus wahrscheinliche Szenario eines unkontrollierten Ausscheidens Großbritanniens aus der EU sorgte zuletzt für große Verunsicherung. Die Erleichterung der Anleger über den Brexit-Deal gab dem Pfund Sterling zunehmend Auftrieb, während die Kurse britischer Staatsanleihen („Gilts“) nachgaben. Wie immer in der Brexit-Saga, steckt der Teufel jedoch im Detail. Im Zuge der zunehmend spürbar werdenden Brexit-Folgen, könnte sich das Risiko, dass der Deal als zu dünn angesehen wird, sowohl auf die Währung als auch auf Boris Johnsons politische Geschicke auswirken.“


„London bleit Top-Immobilienstandort“

Matthias Brodesser, Leiter Transaction Management International bei Warburg-HIH Invest:

„Wir freuen uns über das Weihnachtsgeschenk aus Brüssel und London. Nun ist das im Rahmen der Möglichkeiten bevorzugte Ergebnis eingetreten. Damit hat das Warten ein Ende. Wir haben wieder ein gute Planungssicherheit für unsere Businesspläne, auch wenn noch nicht alle Regelungen für den Finanzsektor geklärt sind und die Details des Vertrags noch gründlich analysiert werden müssen. London ist und bleibt weiterhin einer der Top-Metropolen weltweit, an denen Immobilieninvestoren aus Übersee und Europa nicht vorbeikommen. Die britische Hauptstadt gehörte 2020 durchgehend bei Umfragen zu den weltweit bevorzugten Investmentstandorten. Wir werden uns 2021 Büros in zentralen Lagen anschauen sowie Logistik in der Metropolregion London.“

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