Das kann doch nicht dein Ernst sein.“ Gabriele Kroll saß 1985 abends zu Hause und weinte. Sie war 19 Jahre alt, frisch von der Schule, und gerade hatte sie ihre ersten Wochen bei der Sparkasse Dortmund hinter sich. Kontoauszüge einsortieren. Stapelweise Papier. Stempeln, sortieren, wieder von vorn. „Wofür hab ich denn Abi gemacht?“, schluchzte sie. Ihr erster Tag bei der Sparkasse? „Ich war davon überzeugt, dass ich das nicht bis zur Rente machen werde.“

Fast 40 Jahre später sitzt dieselbe Frau im Vorstand genau ebenjener Sparkasse. Sie ist geblieben. Durch Finanzkrise und Corona-Pandemie, durch Digitalisierung und Regulatorik-Explosion. Während Kollegen die Branche verlassen haben, während Headhunter anriefen, während andere Institute fusionierten oder verschwanden. Kroll blieb. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil aus ihrer anfänglichen Verzweiflung etwas anderes wurde: Gestaltungswille.

Branche im Umbruch

Was Kroll in diesen vier Jahrzehnten erlebt hat, ist mehr als eine persönliche Karriere. Es ist die Geschichte einer ganzen Branche im Umbruch. Als sie 1985 anfing, war Banking überschaubar: Sparkasse, Volksbank oder Großbank. Die Sparkasse Dortmund beschäftigte damals rund 500 Mitarbeiter mehr als heute. Filialen gab es quasi an jeder Ecke. Kunden holten ihre Kontoauszüge persönlich ab – aus Kontotaschen, in die Kroll sie händisch einsortiert hatte. Heute braucht sie selbst keine Kontoauszüge mehr. Alles digital, alles jederzeit verfügbar.

Doch mit der Digitalisierung kam auch neue Komplexität. Außerdem explodierte die Regulatorik nach 2008. Jedes Institut muss nahezu dieselben Anforderungen erfüllen, egal ob groß oder klein. Banksteuerung, Compliance, Meldewesen – alles wurde aufwendiger. „Sie brauchen dafür Spezialisten in jedem Haus“, sagt Kroll. Das sei eine enorme Herausforderung. 

Verändert haben sich auch die Kunden. Hybrid, anspruchsvoll, preissensibel. Früher blieb man seiner Bank treu, weil wechseln aufwendig war. Heute eröffnen Menschen nebenbei ein Depot bei einer Neobank – mit dem Handy, in wenigen Minuten. Diese Entwicklung stellt die Sparkassen vor die Frage: Was ist unser USP?

Krolls Antwort ist zweiteilig. Digital müssen sie mithalten können – die Sparkassen-App zeige, dass das geht. Aber: „Für lebensentscheidende Dinge brauchen Menschen einen Dialog.“ Hauskauf, Altersvorsorge, Investitionen – das sind Momente, in denen ein Gespräch mehr wert ist als ein Algorithmus.

"Für lebensentscheidende Dinge brauchen Menschen einen Dialog."
Gabriele Kroll
über Vertrauen in Zeiten von Apps und Algorithmen

Warum sie blieb

Dass Kroll überhaupt zur Sparkasse kam, war Pragmatismus. Fast 80 Bewerbungen hatte sie geschrieben. Zehn Tests und Vorstellungsgespräche absolviert. Ihre Herkunft spielte eine Rolle: Vater Busfahrer, zwei Schwestern, kein Akademikerhaushalt. Ein Studium ohne sichere Perspektive? Das Risiko war ihr zu groß. 

Was sie zum Bleiben bewegte, war nicht eine Entscheidung, sondern ein Prozess. Sukzessive bekam sie Aufgaben, die ihr lagen und Spaß machten. Eigenverantwortung. Gestaltungsmöglichkeiten. Sie vertrat Führungskräfte, entwickelte Leidenschaft fürs Firmenkundengeschäft, leitete Teams. Irgendwann fragte man sie: „Möchtest du nicht die Managementakademie in Bonn machen?“ Das war die Eintrittskarte für mehr.

Natürlich gab es Momente des Zweifelns. Recruiter riefen an. Angebote kamen. Doch das Gesamtpaket stimmte nie so wie hier. „Durch Jobjumping hätte ich wahrscheinlich mein Gehalt optimieren können“, gibt sie zu. „Ob ich zufriedener gewesen wäre? Ich glaube nicht.“ Die Region, der familiäre Umgang, die Möglichkeit zu gestalten – das zählte mehr.

Ein Thema liegt ihr besonders am Herzen: Frauenförderung. Schon als junge Personalerin wollte Kroll experimentieren. Teilzeit-Betreuerinnen im Firmenkundengeschäft? Job-Sharing auf Führungspositionen? Damals hieß es: „Das können wir nicht machen.“ Erst als der Arbeitsmarkt es erzwang, änderte sich die Haltung. Heute engagiert sich Kroll im Ehrenamt für Frauennetzwerke und ermutigt junge Kolleginnen. „Frauen brauchen manchmal einen Schubs“, sagt sie. Ihrem 25-jährigen Ich würde sie raten: „Sei mutiger, probier dich aus – und ermutige andere Frauen, das auch zu tun.“

Die Bank von morgen

Die Sparkasse, bei der Kroll anfing, war eine andere als die von heute. 1985 wurde sie belächelt. „Wie, du gehst zur Sparkasse?“, fragten Mitschüler und Lehrer. Damals galt es als cooler, bei einer Privatbank zu arbeiten. Sparkassen hatten ein verstaubtes Image. „Heute fragen die mich das nicht mehr.“ 

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Krolls Sparkasse hat sich gewandelt. Im ganzen Haus wird geduzt – vom Vorstand bis zum Azubi. Corona zwang zum Experimentieren mit Homeoffice und digitalen Tools. Einer der nächsten Schritte ist eine Filiale für junge Kunden in der Dortmunder Innenstadt. Aber keine klassische Filiale mit Geldautomaten und Selbstbedienungsautomaten. Sondern ein Raum zum Wohlfühlen, zum Ausprobieren, zum Dialog. Die Idee: Junge Mitarbeiter treffen junge Kunden. Auf Augenhöhe. Im Du.

Gemeinsam wollen sie herausfinden: Wie sieht modernes Banking aus? Was braucht eine Generation, die mit Apps aufgewachsen ist und Finanzdienstleistungen vom Sofa aus erledigt?

Die Sparkasse treibt das Projekt voran. Junge Menschen ticken heute anders. Sind freiheitsliebend und wollen sich individuell verwirklichen. Doch das Bedürfnis nach Orientierung ist geblieben. „Wenn ich irgendwann mein erstes Haus kaufe, will ich vielleicht doch jemanden haben, mit dem ich sprechen kann“, sagt Kroll. Jemanden, der an Nachhaltigkeit denkt, der auf Fördertöpfe hinweist.

Kroll wird spätestens in 10 Jahren in Rente sein. Ihr Wunsch? „Dass ich dann denke: „Boah, die sind sowas von modern und präsent. Echt cool.“ Sie weiß, wo die Baustellen sind. Aber sie kennt auch die Stärken: Regionalität, Vertrauen, Gemeinwohlorientierung. Werte, die wieder wichtiger werden in einer Welt, in der Banking immer globaler und anonymer wird.

An jenem Abend 1985 hätte sich die weinende 19-Jährige das nicht träumen lassen. Dass aus Verzweiflung Gestaltungswille wird. Dass Bleiben manchmal mutiger ist als Gehen. 40 Jahre später sitzt Gabriele Kroll im Vorstand, treibt digitale Themen voran, begleitet junge Kolleginnen auf ihrem Weg und gestaltet die Zukunft der Sparkasse Dortmund aktiv mit. Die Frau, die blieb – weil sie erkannte, dass es sich lohnt.