GAM-Experte Charles Hepworth Das sind die wahrscheinlichsten Brexit-Szenarien

Charles Hepworth: Der Investmentdirektor im Multi-Asset-Team beim Schweizer Vermögensverwalter GAM Investments verfolgt von London aus den britischen EU-Austritt. Den Brexit nannten bei einer GAM-Umfrage 2017 knapp drei Viertel der unabhängigen Finanzberater aus Großbritannien als das größte Risiko für Investoren. | © GAM Investments

Charles Hepworth: Der Investmentdirektor im Multi-Asset-Team beim Schweizer Vermögensverwalter GAM Investments verfolgt von London aus den britischen EU-Austritt. Den Brexit nannten bei einer GAM-Umfrage 2017 knapp drei Viertel der unabhängigen Finanzberater aus Großbritannien als das größte Risiko für Investoren. Foto: GAM Investments

DAS INVESTMENT: Die Verhandlungen über den Ablauf des Austrittsverfahrens ziehen sich bereits seit mehr als zwei Jahren hin. Ein unerwartet großer Streitpunkt war vor dem Brexit-Gipfel am Sonntag beispielsweise das britische Überseegebiet Gibraltar. Bremst die EU den politischen Prozess womöglich noch aus? 

Charles Hepworth: Die Brexit-Vereinbarung der Brüsseler Verhandlungsführer mit dem Vereinigten Königreich muss noch von einer qualifizierten Mehrheit der 27 verbleibenden EU-Mitgliedstaaten akzeptiert werden. Sie entspricht mindestens 20 Ländern, die mindestens 65 Prozent der europäischen Bevölkerung vertreten. Eine Zustimmung ist dabei unserer Ansicht nach wahrscheinlicher als eine Ablehnung. 

Was sind Ihrer Meinung nach also die derzeit größten Hürden für den britischen EU-Austritt?

Hepworth: Eine viel größere Hürde ist die Zustimmung im britischen Parlament. Dafür sehen wir aktuell zwei Möglichkeiten: Entweder das Lager um Jacob William Rees-Mogg von der Konservativen Partei setzt sich mit ihren Forderungen durch, die Nachbesserungen in Richtung eines vergleichsweise harten Brexits vorsehen. Oder aber die von Jeremy Corbyn geführte Labour Party gewinnt Abgeordnete anderer politscher Lager dafür, dem von Premierministerin Theresa May vorgelegten Vertragsentwurf für einen relativ weichen Brexit zuzustimmen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie ein solches Ergebnis bei der Debatte im Londoner Unterhaus am 11. Dezember?

Hepworth: Die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten einer dieser beiden Möglichkeiten beziffern wir aktuell nur noch mit ungefähr 20 Prozent. Zuvor hatten wir die Chance für ein so genanntes Sort-of-a-Brexit-Szenario (SOAB) mit 30 Prozent angegeben.

Was wäre Ihrer Meinung nach wahrscheinlicher?

Hepworth: Unsere alternativen Szenarien basieren auf der Aussicht auf eine Ablehnung des Vertragsentwurfs im britischen Parlament. In diesem Fall steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Volksabstimmung über den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs wiederholt wird. Zum jetzigen Zeitpunkt will jedoch keine der wichtigsten politischen Parteien ein zweites Referendum öffentlich unterstützen. Die Chance auf eine zweite Volksabstimmung beträgt unserer Meinung nach ungefähr 30 Prozent.

Wie dürfte sich das britische Volk dann entscheiden? Gibt es einen Exit vom Brexit?

Hepworth: Aktuellen Meinungsumfragen zufolge dürfte es derzeit zwar eine Mehrheit für einen Verbleib Großbritanniens in der EU geben. Allerdings sah es auch vor dem ersten Referendum 2016 nach einem Sieg des Remain-Lagers aus. Die Chance auf einen Exit vom Brexit im nächsten Jahr beträgt unserer Meinung nach gerade einmal 15 Prozent.

Dann käme es zu einem Brexit ohne Austrittsvertrag, den die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als den „schlimmsten Fall“ bezeichnet hat. Und auch laut einer Analyse der britischen Regierung würde ein ungeregelter EU-Ausstieg herbe Einbußen für die britische Wirtschaft bedeuten.

Hepworth: Möglich wäre ein solcher harter Brexit ohne Austrittsvertrag nach einem Nein des Londoner Unterhauses zum bisherigen Vertragsentwurf aber durchaus: erstens, wenn es auch bei einem zweiten Referendum eine Mehrheit für den EU-Austritt gibt. Oder zweitens, wenn die britische Regierung infolge der wahrscheinlichen Ablehnung des ersten Vertragsentwurfs Nachverhandlungen mit der EU startet, dabei aber keine Einigung über einen neuen Austrittsvertrag erzielt. Die Wahrscheinlichkeit hierfür beziffern wir derzeit mit 25 Prozent. Das sind 10 Prozentpunkte weniger als zuvor.

Was führte zu Ihrem Meinungswandel?

Hepworth: Es hat sich jetzt eine weitere Möglichkeit ergeben, die wir zuvor nicht berücksichtigt hatten, nämlich eine Übergangslösung bis auf Weiteres. In diesem Szenario wird der Deal vereinbart – jedoch nicht rechtzeitig vor Fristende im März nächsten Jahres. Daher dürfte die EU-Kommission eine Verlängerung nach der nächsten gewähren.

Was wäre die Folge in der Praxis?

Hepworth: Im Ergebnis bliebe der derzeitige Status quo in Kraft. Wir nennen es das Hotel-California-Szenario: Großbritannien hat zwar bereits ausgecheckt, kann das Hotel aber nicht verlassen. Wir glauben, dies könnte die einzige Möglichkeit sein, mit der die EU einen schädlichen harten Brexit aufhalten könnte.

Warum sollte sich Brüssel auf ein solches Prozedere einlassen?

Hepworth: Ein harter Brexit ohne Austrittsvertrag würde am Ende auch die EU-Staaten wirtschaftlich belasten. Um das abzuwenden, könnte die EU warten bis sich die britischen Wähler mehrheitlich für eine EU-Mitgliedschaft entscheiden. Diesem Brexit-in-name-only-Szenario (Bino) räumen wir derzeit allerdings die niedrigste Wahrscheinlichkeit ein.