Game over

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„Die Wall Street ist kaputt“, bilanzierte das „Wall Street Journal“ in der dritten Septemberwoche. „Die Wall Street wird nie mehr sein, wie sie war“, schrieben Analysten gleich reihenweise. Tatsächlich reichte eine Woche im September, um die New Yorker Finanzszene nachhaltig zu verändern und die globale Finanzkrise in eine völlig neue Dimension zu führen. Bankpleiten, -zusammenschlüsse, staatliche Übernahmen und der Plan einer beispiellosen Rettungsaktion der US-Finanzbranche versetzten die Märkte in einen Schockzustand, Verzweiflung und tiefe Verunsicherung:
Montag, 15. September: Lehman Brothers ist pleite; Merrill Lynch verkauft sich an die Bank of America. Der Dow Jones verliert 4,4 Prozent. Dienstag, 16. September: Der US-Versicherungsriese AIG gerät in Kapitalnot. Die britische Hypothekenbank HBOS wankt. Mittwoch, 17. September: Die US-Notenbank rettet AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar. Gold verteuert sich um fast 90 Dollar. Morgan-Stanley-Aktien verlieren 24 Prozent. Die Moskauer Börse bleibt geschlossen, um weitere Kursverluste zu verhindern. Donnerstag, 18. September: HBOS verkauft sich an Lloyd TSB. Morgan Stanley bietet sich als Übernahmekandidat an. Freitag, 19. September: US-Finanzminister Henry Paulson kündigt ein Hunderte Milliarden Dollar schweres Rettungspaket an. Der russische Aktienindex RTS steigt um 22,4 Prozent. Briten und Amerikaner verbieten Leerverkäufe. Montag, 22. September: Goldman Sachs und Morgan Stanley geben ihren Status als Investmentbanken auf. Der Ölpreis steigt um über 25 Dollar. Die schwindelerregende Dynamik der zweiten Septemberhälfte ist trauriger Höhepunkt einer Krise, die im August vergangenen Jahres begann und mittlerweile das gesamte System der globalen Finanzmärkte infrage stellt. Milliardenschwere Rettungsaktionen oder Quasi-Verstaatlichungen von strauchelnden Finanzinstituten wie Fannie Mae und Freddie Mac, Bear Stearns und AIG, gepaart mit einer weltweit nie erlebten Regulierungswut, haben die Märkte in kürzester Zeit stärker verändert als jede andere Krise zuvor. Klar ist: Ohne die Rettung der Hypothekenfinanzierer, der AIG und unzähliger Banken durch den Staat stünden die Aktienmärkte heute noch ganz woanders. Wie wichtig das geplante Rettungspaket der Amerikaner ist, haben die Märkte am 29. September gezeigt: Das vorläufige Scheitern des 700-Milliarden- Rettungsprogramms führte zum größten Tagesverlust in Punkten des Dow Jones aller Zeiten. Niemand kennt die Banken-Bücher Unklar ist, ob Finanzminister Paulsons Plan, den Banken die scheinbar wertlosen Papiere abzukaufen, um deren Bilanzen zu stabilisieren, auch den Finanzmarkt schnell stabilisieren kann. Was heute noch an faulen Krediten in den Banken-Büchern steht, weiß niemand. Fast-Pleiten der US-Sparkasse Washington Mutual, von Fortis und Dexia in Belgien und die Wachovia-Übernahme durch die Citigroup zeigen, wie schlimm es um die Finanzbranche in den USA und Europa steht. Der Beinahe-Zusammenbruch der deutschen Hypo Real Estate veranlasste sogar die Kanzlerin und den Bundesfinanzminister zu erklären, dass sämtliche Spareinlagen der Deutschen staatlich gesichert seien. Angesichts immer neuer Pleiten schwanken die Börsenkurse wie nie. 3 oder 4 Prozent Tagesgewinn oder -verlust sind schon fast normal. Ed Yardeni, Chefstratege von Yardeni Research und als notorischer Bulle bekannt, bekennt: „Ob es Ihnen gefällt oder nicht, in Aktien zu investieren gleicht neuerdings einem Extremsport wie Freeclimbing.“ Neben der Finanzkrise drückt längst auch die Realwirtschaft auf die Stimmung: Die Kreditkrise hat den ohnehin anstehenden zyklischen Abschwung stark beschleunigt. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet mit einer schrumpfenden Wirtschaft in den USA und in Deutschland: „Wir prognostizieren de facto eine Rezession.“ Hedge-Fonds-Manager Felix Zulauf erklärt: „Bislang sehen wir die Pein im Finanzsystem. Später werden wir den Echo-Effekt in der Realwirtschaft zu spüren bekommen.“ Defensive Titel und Schwellenländer Entsprechend skeptisch bleiben Experten für die Aktienmärkte. Zulauf und Chris Watling von Longview Economics rechnen mit langfristigen Seitwärtsbewegungen. „Wenn Sie ein wenig Geld übrig haben und aggressiv sein wollen, können Sie die Märkte kurzfristig spielen“, sagt Zulauf. „Es wird eine Menge kurzer Bewegungen in beide Richtungen geben.“ Notorischen Aktien-Optimisten empfiehlt Zulauf defensive Titel: „Man sollte auf Dinge des täglichen Lebens schauen, vor allem Gebrauchsgüter.“ Zudem hält er auch einige Branchen in den Schwellenländern für chancenreich, vor allem Infrastruktur- und Rohstoffwerte. Ohnehin stehen die Schwellenländer – wieder einmal – besser da als die Industrienationen. „Ich kann nicht erkennen, dass sich irgendetwas Grundsätzliches an der Story geändert hätte, dass Wirtschaft und Märkte der Schwellenländer sich besser entwickeln“, sagt der Chefstratege für Schwellenländer bei der Citigroup, Don Hanna. Gerade weil sie vom Ausverkauf an den Aktienmärkten zuletzt nicht mehr verschont blieben, seien viele Märkte jetzt extrem günstig, ergänzt Hannas Kollege Michael Hartnett von Merrill Lynch: „Allerdings könnte das Potenzial kurzfristig wegen weiterer negativer Nachrichten begrenzt sein.“

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