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Gamechanger KI
Große Chancen für Big Pharma
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Gamechanger KI Große Chancen für Big Pharma

OP-Saal
OP-Saal | Foto: Imago Images / Funke Foto Services

Nach einer längeren Durststrecke gibt es gleich mehrere Gründe, die für ein Investment in die großen Pharmakonzerne sprechen. Das geht los mit den Babyboomern, also den Menschen, die zwischen Mitte der 50er und Ende der 60er Jahre geboren wurden. Die Boomer werden älter als vorherige Generationen, sie sind aber auch weniger gesund. Damit gibt es zunehmend mehr ältere Menschen, die an irgendwelchen Gebrechen leiden. Dadurch steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung.

 

 

 

Gleichzeitig erreichte die Dynamik bei Innovationen, also neuen Wirkstoffen und Behandlungsmethoden, 2023 einen Höhepunkt. Die Zahl der Zulassungen innovativer Medikamente durch die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) stieg im vergangenen Jahr auf ein Rekordniveau. Die FDA gab in den USA bei 61 neuen Behandlungsmethoden grünes Licht. So viele Zulassungen gab es noch nie. Weltweilt kamen 69 neue Wirkstoffe auf den Markt, was im Vergleich zu 2022 ein Plus von zehn Prozent bedeutete.

Seit Jahren stammt ein steigender Anteil der innovativen Wirkstoffe aus den Bereichen Onkologie, Neurologie und Immunologie. Auf sie entfielen in den vergangenen fünf Jahren 56 Prozent aller Neueinführungen. Von 2014 bis 2018 lag ihr Anteil noch bei 43 Prozent.

Unter allen Medikamenten Behandlungen zählen Keytruda von Merck gegen Krebs, Humira von Abbvie zur Behandlung von Arthritis sowie die Mittel Mounjaro und Ozempic von Ely Lilly und Novo Nordisk, beide zur Gewichtsreduktion, zu den meistverkauften Produkten. Für das künftige Wachstum der Pharmaindustrie sind Krebs, Gentherapien und Mittel gegen Fettleibigkeit die drei entscheidenden Schlüsselmärkte. 

Demographie sorgt für mehr Krebs

Mit der zunehmenden Alterung der Weltbevölkerungen nehmen auch die Krebserkrankungen zu. Allein in den USA, dem mit Abstand größten Gesundheitsmarkt der Welt, gab es im vergangenen Jahr rund zwei Millionen neue Krebsfälle. Das jährliche Wachstum schätzt die American Cancer Society auf vier Prozent. Da die Zahl der neuen Krebstherapien schneller wächst als die der Erkrankungen wird der Onkologiemarkt in den USA in den kommenden Jahren voraussichtlich sogar um 13 bis 16 Prozent per annum zulegen.

Eine noch deutlich größere Dynamik verzeichnet der spürbar kleinere Markt für Zell- und Gentherapien (CGT). Vereinfacht geht es hierbei darum, fehlende oder defekte Zellen oder Gene zu ersetzen, zu bearbeiten oder zu manipulieren, um so entsprechende Krankheiten zu bearbeiten oder sogar gegen sie vorzubeugen.

Enormes Wachstum von Zell- und Gentherapien 

Im Jahr 2010 erteilte die FDA die erste Zulassung für eine CGT. Die Zahl ist mittlerweile auf 22 gestiegen. Bis 2030 könnten weitere 60 Zulassungen folgen. Das Marktwachstum veranschlagen Experten auf bis zu 45 Prozent pro Jahr.

Vor allem in den USA zählt Fettleibigkeit zu den Volkskrankheiten. Fast 40 Prozent der Amerikaner leiden darunter. Dementsprechend groß ist der Markt für Medikamente zu Gewichtsreduktion. Die Verwendung von Medikamenten gegen Fettleibigkeit ist bei jungen Erwachsenen in den USA seit dem Jahr 2020 um sage und schreibe 600 Prozent gewachsen. Aber nicht nur krankhaft fettleibige Patienten, sondern auch einfach etwas übergewichtige Menschen greifen zu Abnehmspritzen und Co.. Das größte Problem der Hersteller wie Novo Nordisk oder Eli Lilly ist, dass sie die Produktion nicht so schnell hochfahren können, wie die Nachfrage steigt.

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Generell ist die Entwicklung neuer und innovativer Wirkstoffe ausgesprochen komplex und aufwendig. Von der präklinischen Forschung bis zur Vermarktung können durchaus 12 bis 18 Jahre vergehen. Gleichzeitig schließen nur in etwa zehn Prozent der neuen Arzneimittelkandidaten die klinischen Studien erfolgreich ab und erhalten die Zulassung. Die Kosten zur Entwicklung eines neuen Medikaments belaufen sich bislang auf zwei bis drei Milliarden Dollar, wobei rund 80 Prozent der Kosten auf die Forschung und Entwicklung (F&E) entfallen.

Game-Changer künstliche Intelligenz (KI)

Gerade im F&E-Bereich ist aber in den kommenden Jahren mit gravierenden Produktivitätsverbesserungen zu rechnen. Durch KI lassen sich enorme Mengen von Daten (die es im Gesundheitswesen anders als in anderen Branchen durchaus gibt) analysieren und damit Fehlentwicklungen schon in einem frühen Stadium identifizieren, was umfangreich Kosten spart. Wirkstoffentwickler setzen schon heute KI ein.

 

 

 

Das McKinsey Global Institut schätzt das Einsparpotenzial durch KI für die weltweite Pharmabranche auf bis zu 360 Milliarden Dollar pro Jahr. Gleichzeitig trägt die Technologie dazu bei, die Erfolgswahrscheinlichkeit bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe signifikant zu steigern. Dies könnte laut McKinsey für die Pharmabranche einen zusätzlichen Mehrwert von 60 bis 100 Milliarden Dollar liefern.

Corona hatte ab 2020 in der Pharmabranche für eine Sonderkonjunktur und ein hohes Gewinnwachstum gesorgt. Nach dem Abklingen der Pandemie brach die Nachfrage nach Impfstoffen und anderen Covid-19-bezogenen Behandlungen ein. Jetzt dürfte KI den nächsten Wachstums- und Gewinnzyklus einläuten.

 

 

Über den Autor:

Norbert Hagen ist Sprecher des Vorstands der ICM Investment Bank. Das Institut wurde 1999 als Buyout der Hypovereinsbank-Gruppe gegründet und verwaltet rund 500 Millionen Euro an Kundengeldern.

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