Expansive Gegenmaßnahmen der Fiskalpolitik (etwa in Form von Steuersenkungen) könnten den Nachfrageeffekt etwas dämpfen. Der Spielraum hierfür sowie für geldpolitische Gegenmaßnahmen ist angesichts des bereits hohen Inflationsdrucks und der angespannten Lage der öffentlichen Finanzen aber begrenzt. Wie hoch der BIP-Effekt in der Praxis tatsächlich ausfällt, hängt aber entscheidend auch davon ab, ob und in welchem Ausmaß es neben den beschriebenen negativen Effekten auf die Nachfrage auch zu Rationierungen des Energieeinsatzes in der Industrie und damit zu Einschränkungen auf der Angebotsseite kommt. Und dies ist wahrscheinlich.
Der Notfallplan des Wirtschaftsministeriums sieht eine Priorisierung der Versorgung der Haushalte mit Wärmeenergie sowie von Unternehmen der kritischen Infrastruktur vor. Eine Rationierung für die Industrie hätte in zahlreichen Branchen unmittelbare Produktionsausfälle zur Folge. Gesamtwirtschaftlich fallen diese vor allem dann hoch aus, wenn wichtige Vorprodukte und Lieferketten betroffen sind. Und genau das wäre wahrscheinlich. Eine aktuelle Studie der Bundesbank lässt einen Angebotsrückgang in Höhe von etwa 3 Prozent erwarten.
Der Effekt könnte damit größer ausfallen als die Folgen über die Nachfrageseite. In einem solchen Szenario wäre der Rückgang des BIP damit vergleichbar den unmittelbaren Einschlägen infolge der Finanzkrise 2008/09 und der Covid-Pandemie 2020. Für einen relativ starken Effekt spricht auch, dass in einem solchen Szenario der Handel mit weiteren Rohstoffen (unter anderem Industriemetalle und landwirtschaftliche Erzeugnisse) deutlich eingeschränkt werden könnte und dadurch sich die Preiseffekte verstärken könnten.
Folgen für Russland: Ökonomisch enorme Einbußen, politisch wohl kein „game changer“
Ziel von Energiesanktionen gegen Russland ist eine Reduktion der laufenden Deviseneinnahmen, insbesondere um die militärischen Fähigkeiten zu reduzieren und die Wirtschaft des Landes zu schwächen. Die bisherigen Sanktionen in den Bereichen Handel, Kapitalmarkt, Bankensystem und Devisenreserven haben zwar zu erheblichen Einbrüchen im Warenaustausch mit teilnehmenden Ländern von rund 60 Prozent, einem Verfall des Rubels und einem starken Anstieg der Inflation geführt.
Die Nicht-Beteiligung von Ländern wie China und Indien und der Verzicht auf Sekundärsanktionen bietet Russland aber Möglichkeiten, laufenden Deviseneinnahmen für den Import von militärischen Gütern und Anpassungen der Handelsbeziehungen und Lieferketten einzusetzen. Ein Energieembargo der EU (und der USA) würde diese Deviseneinnahmen deutlich einschränken. Rund ein Viertel der russischen Exporteinnahmen des Jahres 2021 (490 Milliarden US-Dollar) wäre betroffen. Angesichts der bereits bestehenden Sanktionen dürften die Importe 2022 aber in einem ähnlichen Volumen sinken und die Handelsbilanz deshalb positiv bleiben (2021: +200 Milliarden US-Dollar).
Eine Zahlungsbilanzkrise und ein sofortiger Kollaps der russischen Wirtschaft scheinen also wenig wahrscheinlich. Hierfür spricht auch, dass die Staatsverschuldung (20 Prozent am BIP) und die Auslandsverschuldung (30 Prozent am BIP) moderat sind. Ein Embargo würde die Konjunkturkrise in Russland kurzfristig zwar verstärken. Bereits ohne diesen Schritt ist ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um mehr als 10 Prozent zu erwarten. Die sich weiter einengenden Spielräume im Import würden das Land ökonomisch aber wohl vor allem mittelfristig schwächen.