In Sachen Lobbyismus macht dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wohl niemand etwas vor: Einen Tag vor Fristende für Stellungnahmen im anstehenden Gesetzgebungsverfahren zur geplanten Reform der geförderten staatlichen Altersvorsorge hat der Verband mit einem großen Online-Mediengespräch noch einmal für seine Positionen getrommelt und dafür sogar die Wissenschaft bemüht.

Mediale Offensive einen Tag vor Stellungnahme

Schon kurz bevor die konkreten Pläne von Finanzminister Christian Lindner zur Einführung eines Altersvorsorgedepots ohne Garantien und einer Flexibilisierung der Garantien bei Riester-Produkten an die Öffentlichkeit drangen, war der GDV medienwirksam in die Offensive gegangen und hatte sich dabei ein wochenlanges Scharmützel mit dem Fondsverband BVI geliefert. Hauptkritikpunkt der Versicherer ist, dass die lebenslange Absicherung mit der Reform auf der Strecke bleibt. Die geplanten Auszahlpläne seien für die breite Bevölkerung zudem ungeeignet. Bei alldem kann der Verband der aus seiner Sicht überfälligen Reform auch eine Menge positiver Dinge abgewinnen.

GDV erneuert Kritik an Auszahlplänen

Moritz Schuhmann, stellvertretender Haupt-
geschäfsführer des GDV @ GDV

Insoweit hörte man aber heute nicht vieles Neues vom Spitzenverband der Branche. Moritz Schumann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des GDV, sagte: „Auszahlpläne sind mit finanziellen Risiken verbunden.“ Dass lebenslange Rentenleistungen nur noch eine Option sein sollen, sei ein klarer Rückschritt in der Altersvorsorge. Die Lebensversicherung mit der lebenslangen Rente sei die zuverlässigste Lösung für die Altersvorsorge. Sollte bei Personen mit 85 Jahren der geplante Auszahlplan enden, könnte ein wichtiger Teil des Einkommens wegbrechen, der für alltägliche Ausgaben benötigt wird, so Schuhmann.

Auch die Möglichkeit, zwei Verträge fördern zu lassen, wird vom GDV kritisch gesehen. Der Verband befürchtet, dass dies zu erhöhtem bürokratischem Aufwand führen könnte. Die Überwachung von Höchstbeträgen und Zulagen für multiple Verträge würde die Komplexität für Anbieter und Verbraucher unnötig erhöhen.   

Wissenschaft kommt dem Verband zur Hilfe

Passend zu seinen Positionen hatte der GDV die Versicherungsökonomen und Professoren Andreas Richter von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Jörg Schiller von der Universität Hohenheim eingeladen, die ganz auf Linie des Verbands argumentierten. Wenig verwunderlich, hatte dieser die Studie mit dem Titel: „Wert und Wertschätzung lebenslanger Renten in der freiwilligen Altersvorsorge“ doch selbst beauftragt.

Die Untersuchung legt unter anderem nahe, dass die Option eines Auszahlungsplans, der ab dem 85. Lebensjahr enden kann, die Gefahr von Altersarmut birgt, sofern eine Person noch älter wird. Dabei spiele eine wesentliche Rolle, dass viele Menschen unterschätzen, wie lange sie leben werden. Die Studie kommt auch zu der Erkenntnis, dass der objektive Nutzen lebenslanger Renten höher sei als ihre subjektiv wahrgenommene Attraktivität. Richter sagte: „Die Nachfrage nach solchen Renten hält sich in Grenzen, weil keine finanzielle Flexibilität besteht. Es gibt eine Angst, diese Flexibilität abzugeben.“ 

Lob für mehr Kapitalmarktnähe

Trotz der Kritikpunkte sieht der GDV auch viele positive Aspekte in der Reform. Besonders hervorzuheben sei, dass Versicherte in der Rentenphase künftig 20 Prozent der angesparten Summe in Aktien anlegen können. „Versicherte können die Chancen der Kapitalmärkte besser nutzen, erhalten aber auf jeden Fall einen monatlichen Sockelbetrag und das garantiert ein Leben lang“, sagte Schumann.

Allerdings kritisierte der GDV-Vertreter auch die Zulassung von Einzelaktien im geplanten Altersvorsorgedepot – statt nur Investments in breiter gestreute Fonds. „Hohe Verluste drohen, wenn Anleger auf die falschen Aktien setzen. Das passt einfach nicht zur staatlich geförderten Altersvorsorge.“ Bei einer staatlich geförderten privaten Altersvorsorge müsse Sicherheit eine wichtige Rolle spielen. 

 

Licht und Schatten bei neuer Förderung aus GDV-Sicht

Schumann begrüßt, dass „die Förderung einfacher, verständlicher und weniger aufwändig gestaltet werden soll.“ Das neue beitragsproportionale Fördersystem wird als leichter erklärbar und in seiner Wirkung besser nachvollziehbar beschrieben. Die Möglichkeit, sich für Produkte mit einer Garantie von 80 Prozent zu entscheiden, wird als „guter Kompromiss aus Sicherheit und Rendite“ bewertet. Zudem erkennt Schumann an, dass durch die Reform „Renten möglich werden, die durchschnittlich 40 Prozent höher sind als bei Riester.“ 

Allerdings verschiebe sich auch der Förderschwerpunkt zu Ungunsten wichtiger Zielgruppen der geförderten privaten Altersvorsorge. Schumann: „Insbesondere für Familien und Alleinerziehende fällt die neue Förderung teilweise deutlich niedriger aus.“ Die Differenz zwischen alter und neuer Förderung könne mehrere hunderte Euro betragen.

Offener Ausgang

Was in der vom GDV für morgen angekündigten Stellungnahme steht, dürfte also klar sein, was diese bringt indes nicht. Auf die Frage, wie wahrscheinlich eine Einigung der Ampelparteien im anstehenden Gesetzgebungsverfahren sei, wollte sich Schumann in der Medienrunde nicht weiter äußern. Das sei „Glaskugelleserei“.  

Quelle. GDV