Gastronomie in London Foto: imago images / ZUMA Wire

Bluebay-Investmentchef warnt vor Inflation Gekommen, um zu bleiben

In unseren Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern hat sich gezeigt: Das nur zähe Vorankommen der Arbeitsmärkte in den vergangenen Monaten hängt eher mit einer Verknappung des Arbeitskräfteangebots als mit einem Mangel an offenen Stellen zusammen. Die großzügigen staatlichen Zuwendungen während der Pandemie scheinen bei vielen Arbeitnehmern einen gewissen Unwillen hervorgerufen zu haben, an den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Doch die Hilfsleistungen laufen aus, was den Weg zur Normalisierung ebnen sollte.

Im Niedriglohnsektor wird jetzt besser bezahlt

Dessen ungeachtet sehen wir derzeit überall Anzeichen dafür, dass sich Lohndruck aufbaut: Die Unternehmen setzen viel daran, Mitarbeiter anzuwerben, insbesondere in gering bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor. So haben US-Fluggesellschaften Schwierigkeiten, Flüge durchzuführen, weil sie in Drehkreuzen wie Dallas nicht in der Lage sind, das Catering in Gang zu bringen. Die Restaurantkette Chipotle gewährt ihren neuen Mitarbeitern eine kostenlose Haustierversicherung als Teil des Leistungspakets. In vielen US-Hotels ist es jetzt schwierig, den Zimmerservice zu Gesicht zu bekommen und man hört sogar davon, dass die Betten seltener frisch bezogen werden.

Brexit und Covid verschärfen die Lage in Großbritannien

Lohninflation ist auch in Großbritannien zu beobachten. Restaurants in London, die ihren Servicekräften vor der Pandemie 9 Pfund Sterling pro Stunde zahlten, berichten, dass sie heute Schwierigkeiten haben, ihre Mitarbeiter zu halten, obwohl sie inzwischen mehr als das Doppelte vergüten. Die Situation hat sich durch die Abwanderung junger Arbeitskräfte aufgrund des Brexit und der Pandemie noch verschärft. Die Landwirte machen sich Sorgen darüber, wer die Ernte einbringen soll. Und in kleinen Unternehmen wird viel über die Weitergabe der zusätzlichen Kosten an die Verbraucher gesprochen.

Auch in Zukunft könnten sich die Arbeitnehmer in einer stärkeren Verhandlungsposition befinden als in der Vergangenheit – vor allem, sofern die expansive Fiskalpolitik und die negativen Realzinsen das Wachstum weiter befeuern.

Kein vorübergehendes Phänomen

Marktteilnehmer sollten sich daher jetzt auf die Lohnentwicklung konzentrieren: Die Arbeitskosten sind als größter Kostenfaktor der Haupttreiber der Dienstleistungspreisinflation. Die in zwei Wochen zu erwartenden frischen Zahlen zu den Verbraucherpreisen in den USA werden viel Aufmerksamkeit bekommen. Wir gehen davon aus, dass die Kernpreise im Juni weiter gestiegen sind. Die durch die Decke gehenden Hauspreise könnten sich auch in höheren Mietkosten niederschlagen. Im Gütersektor dürften die anhaltende Angebotsverknappung sowie steigende Transportkosten ebenfalls preissteigernd wirken, worauf auch die jüngsten Einkaufsmanagerumfragen und die Inputkosten hindeuten.

Vor diesem Hintergrund sind wir nach wie vor der Meinung: Wer den Anstieg der Inflation als rein vorübergehend bezeichnet, dürfte in den kommenden Tagen und Wochen eines Besseren belehrt werden.

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