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Nach der ersten Senkung Wie es mit der Geldpolitik der EZB weitergeht

Zentralbank-Chefin Christine Lagarde: Die EZB hat ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt.
Zentralbank-Chefin Christine Lagarde: Die EZB hat ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. | Foto: Imago Images / Eibner

Alles andere wäre eine riesige Überraschung gewesen: Am 6. Juni hat die EZB die erste Senkung der Leitzinsen seit 2016 bekanntgegeben. Sie senkte den Hauptfinanzierungssatz um einen Viertelpunkt auf 4,25 Prozent. Davor hatte die EZB seit dem Sommer 2022 zehn Mal hintereinander die Leitzinsen erhöht und dann für eine Weile konstant bei 4,5 Prozent belassen.

Einen überraschenden Seitenaspekt gab es in Bezug auf die geldpolitische Lockerung dennoch. Denn im Mai ist die Inflationsrate im Euroraum von 2,4 auf 2,6 Prozent wieder angestiegen. Eigentlich passen eine Leitzinssenkung und eine zunehmende Geldentwertung nicht zusammen.

Allerdings dürfte der Inflationsdruck in Euroland nicht zuletzt aufgrund der schwachen konjunkturellen Entwicklung in den kommenden Monaten nachlassen. Die EZB ist die erste der drei großen Notenbanken, die die Zinsschraube nach unten gedreht hat. In Großbritannien liegt der Satz mit 5,25 Prozent weiter auf dem höchsten Niveau seit 16 Jahren. Auch die amerikanische Notenbank Fed hat bislang keine geldpolitische Lockerung vorgenommen und ihren Leitzins bei 5,25 bis 5,5 Prozent belassen.

Gemäß den Preisdaten der 30-Tage-Futures am Terminmarkt ist in den USA wohl frühestens auf der Sitzung des Offenmarktausschusses am 18. September mit einer ersten Zinssenkung der Fed zu rechnen. Es ist aber durchaus ein noch späterer Termin denkbar.

 

Kein first mover

Die EZB ist zwar die erste große Notenbank, die ihre geldpolitischen Zügel etwas gelockert hat, aber nicht die erste überhaupt. Die Schweizerische Nationalbank hat bereits im März ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,5 Prozent runtergesetzt. Schwedens Notenbank folgte knapp zwei Monate später und senkte ihren Schlüsselleitzins ebenfalls um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent. Auch verschiedene Schwellenländer hatten bereits vor der EZB geldpolitische Lockerungsmaßnahmen beschlossen.

Das Ziel der EZB, die Inflation bei zwei Prozent zu verankern, blieb dagegen bislang unberührt. Trotz des jüngsten Anstiegs der Geldentwertung scheinen sich die geldpolitischen Entscheider in Europa ausreichend sicher zu fühlen, dass sie ihr Inflationsziel mittelfristig erreichen. Wahrscheinlich werden sie damit Recht behalten, was bis zum Jahresende zwei weitere Zinssenkungen erlauben sollte.

Rentenmärkte profitieren

Für die Finanzmärkte ist im Euroraum somit in den kommenden Monaten geldpolitische Unterstützung zu erwarten. Das gilt insbesondere für die Rentenmärkte. Durch den erwarteten Rückgang der Leitzinsen ergeben sich Chancen auf Renditerückgänge, die für Kursgewinne bei Anleihen sorgen sollten.

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Vor diesem Hintergrund könnten Anleger ihre Gewichtung bei europäischen Staatsanleihen erhöhen. Dadurch verlängern sie implizit auch wieder die durchschnittliche Laufzeit im Portfolio, da diese bei Staatsanleihen am längsten ausfällt. Im Unterschied zu reinen Sparern, die ihr Geld auf ihrem Konto belassen, profitieren nun jene Anleger, die am Rentenmarkt investieren.

Auch Investments am Aktienmarkt sollten die erwarteten Zinssenkungen zugutekommen. Da Aktien und Anleihen unmittelbar bei der Asset Allokation miteinander konkurrieren, gewinnen Dividendentitel an Attraktivität, wenn die Renditen von Renten sinken. Dazu kommt, dass der absehbar schwächere geldpolitische Gegenwind für Unternehmen und Haushalte indirekt Risiko-Assets unterstützt, die von einer höheren wirtschaftlichen Dynamik profitieren. Und dazu zählen nun einmal in erster Linie Aktien.

 

Allerdings sollten Anleger Aktien insgesamt nicht übergewichten, da sie vor allem in den USA weiterhin hoch bewertet sind. Zudem dürften Dividendentitel aus Europa und den Schwellenländern schneller von sinkenden Leitzinsen profitieren als ihre Pendants in den USA.

Sinkende Leitzinsen kein Selbstläufer

Schließlich sollten Anleger bedenken, dass sich in der Eurozone die Inflation zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückbildet, aber nicht mit Sicherheit. Vor allem der Ölpreis könnte einen Strich durch die Rechnung machen. So könnte der Konflikt im Nahen Osten eskalieren, was zu einer Sperrung der Straße von Hormus führen könnte, über die rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt wird. Außerdem könnte die OPEC+ ihre Produktion kürzen, um den Preis nach oben zu treiben. Beides ist bislang nicht der Fall, aber Anleger sollten die entsprechenden Risiken auf dem Radar behalten.


Über den Autor:

Reinhard Pfingsten arbeitet seit September 2023 als Chief Investment Officer bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. Diese Funktion übte der studierte Mathematiker bereits zuvor bei der Bethmann Bank und Hauck & Aufhäuser Privatbankiers aus.

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