Geldmarkt: Warenmangel durch Kreditkrise

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„Dass der Geldmarkt so austrocknet, habe ich in meiner ganze Karriere noch nicht gesehen“, gesteht Christophe Frisch. Das will was heißen. Frisch leitet die Abteilung Investment Strategie und Fondsmanagement Renten bei der Fondsgesellschaft Ampega Gerling und hat seit 1992 beruflich mit Zinsen zu tun. „Seitdem gab es immer mal wieder ein paar Verspannungen, doch jetzt mangelt es in allen Bereichen außer kurzfristigen Staatsanleihen an Liquidität“, sagt er.

Zum Hintergrund: Auf dem Euro-Geldmarkt leihen sich Geschäftsbanken Bargeld. Eine Bank mit kurzfristigem Geldmangel spricht mit einer anderen Bank, die entsprechenden Überschuss hat und leiht sich das benötigte Geld. Die Fristen liegen zwischen einem Tag und zwölf Monaten. Manchmal gehen Papiere über den Tisch, die die Schulden verbriefen. Die Zinssätze orientieren sich an den Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB). 

Doch auf dem sonst so angenehm langweiligen und sicheren Geldmarkt qualmt es derzeit gewaltig. Grund dafür ist die Sorge, welche Banken wie stark in amerikanische Baukredite investiert sind. In den vergangenen Jahren hatten findige Investmentbanken minderwertige Hypothekendarlehen (Subprime-Kredite) aus den USA in kurzfristige Anleihen umgeformt und als Asset Backed Securities (ABS) auch auf den europäischen Markt gebracht (siehe DAS INVESTMENT Oktober 2007). So regiert nun die Angst, dass der Geschäftspartner von heute schon morgen an Subprime-Anlagen zu Grunde gehen kann. Deshalb legen Banken überschüssiges Geld lieber auf den schmaler verzinsten Konten bei der EZB an, als es dem bedürftigen Konkurrenten im Nachbarhochhaus zu überlassen. 

Ein Beleg für die Unruhe am Markt sind die jüngsten Ausschläge der Zinssätze. Normalerweise bewegt sich der Euro Overnight Index Average (Eonia) für Tagesgeld knapp über dem Leitzins der Eurozone, der derzeit bei 4 Prozent liegt. Anfang September riss der Eonia jedoch auf mehr als 4,6 Prozent aus. „In dieser Phase wurde Tagesgeld knapp, sodass das vorhandene Bisschen mit sehr hohen Zinsen erkauft wurde“, erklärt Frisch. Nur wenige Tage später beschloss die EZB, zusätzliches Dreimonatsgeld auf den Markt zu geben. Prompt rauschte der Eonia zeitweise unter 3,6 Prozent. 

„Zurzeit sind die Banken damit beschäftigt, das Geld für ihr Tagesgeschäft aufzutreiben“, beschreibt Rentenstratege Kornelius Purps von der Hypovereinsbank die Misere. Die Devisenspritzen der Zentralbank in den vergangenen Wochen sichern dabei nur eines: das Überleben. Als positiv wertet Purps allerdings, dass noch keine Bank zu Grunde ging. „Offensichtlich kommen sie mit der neuen Situation zurecht.“ 

Wer jetzt in den Geldmarkt investiert, kann davon sogar profitieren. Seinem Geld geht es wie Wasser, das man einigen verdurstenden Menschen hinhält. Es wird es gierig aufgesogen – und wegen seiner Knappheit besser verzinst als sonst. Die Sätze für Drei- bis Zwölfmonatsanlagen liegen durchweg über 4,7 Prozent. Normal wären etwa 4,2 Prozent. Und solange kein größeres Institut wirklich verdurstet, sind klassische Geldmarktfonds nicht gefährdet. 

Bis die Banken sich wieder untereinander bedenkenlos Geld leihen und die Zinssätze dadurch zurückgehen, kann es noch dauern. „In diesem Jahr wird der Geldmarkt nicht wieder normal“, kündigt Purps an. Erst im November müssten die meisten Banken ihre Quartalsergebnisse präsentieren. Und selbst dabei erwartet Purps nur ein geringes Maß an Klarheit über die Subprime-Risiken. Seine Begründung leuchtet ein: "Wenn bestimmte Zinspapiere nicht nachgefragt und schon gar nicht gehandelt werden, gibt es auch keine fairen Preise.“ Was soll dann in den Bilanzen unter „Zinsanlagen“ stehen, außer schwammigen Schätzungen? 

Der Weg in Richtung Vertrauen ist lang. Das Wichtigste ist nur, dass die EZB ihren Tropf, an dem der Geldmarkt hängt, nicht vorzeitig zudreht. Doch danach sieht es nicht aus. 

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