Geldpolitik stützt Konjunktur Das sagen Finanzprofis zum EZB-Entscheid
Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters Dr. Klein
„Die heutige EZB-Sitzung wurde mit Spannung erwartet. Beobachter vermuteten einen Abschiedsstreich Mario Draghis in seiner vorletzten geldpolitischen Sitzung – und der scheidende EZB-Präsident enttäuschte die Erwartung nicht. Da das konjunkturelle Umfeld sich nach wie vor nicht entscheidend besserte, schnürte die EZB ein Maßnahmen-Paket, das der europäischen Wirtschaft einen erneuten Impuls geben soll: Die Währungshüter beschlossen die weitere Senkung des Einlagezinses auf -0,5 Prozent und sie kündigten die Wiederaufnahme der Anleihekäufe an. Ab dem 1. November wird die EZB monatlich Staatsanleihen im Wert von 20 Milliarden Euro kaufen. Zudem machte Draghi die Bereitschaft deutlich, über dieses Paket hinauszugehen, wenn es notwendig erscheinen sollte.
Die Senkung des Einlagezinses von -0,4 auf -0,5 Prozent wird von mehreren Banken heftig kritisiert: Gesamtwirtschaftlich würde dadurch kaum eine Wirkung erzielt und es bedeute lediglich eine zusätzliche Belastung für Banken und Sparer. Eine direkte Belastung halte ich für unwahrscheinlich, da Banken die Negativzinsen vermutlich nicht an ihre Kunden weitergeben werden. Hier hat die Politik einen Warnschuss abgegeben, indem sie schon vorsorglich darüber diskutiert, Negativzinsen für Sparer per Gesetz zu verbieten.
Für die Banken selbst stellt der verschärfte Strafzins allerdings eine weitere Belastung dar. Bereits jetzt zahlen Geldhäuser im Euroraum jährlich rund 7,5 Milliarden Euro Negativzinsen an die EZB. Um die Beeinträchtigung durch die Zinssenkung abzumildern, beschloss die EZB daher die gleichzeitige Einführung eines Staffelzinses. Grundsätzlich sind Banken durchaus unterschiedlich vom negativen Einlagezins betroffen. Kreditinstitute mit hohem Einlageüberhang wie Sparkassen oder genossenschaftliche Banken trifft der sogenannte Strafzins überproportional. Man sollte aber nicht übersehen, dass die niedrigen Zinsen auf der anderen Seite auch extrem gute Refinanzierungskonditionen ermöglichen. Das Zinsniveau hat also nicht nur Nachteile – weder für Banken noch für Verbraucher.“
Christian Lips, Chefvolkswirt Nord LB
„Mit der Bazooka gegen die Unsicherheit: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer heutigen Sitzung wie erwartet ein neues, umfang-reiches Stimuluspaket beschlossen. So wurde der Einlagesatz um 10 Basispunkte auf das neue Rekordtief von -0,50 Prozent gesenkt. Der Hauptrefinanzierungssatz und der Zins für die Spitzenrefinanzierungsfazilität blieben mit 0,00 Prozent und 0,25 Prozent unverändert. Zur Abmilderung der direkten negativen Effekte für Banken wurde ein zweistufiges Einlagesatzsystem beschlossen. Demnach wird ein Teil der Überschussliquidität zukünftig von dem Strafzins freigestellt. Erwartungsgemäß wurde auch die Attraktivität der TLTRO-III-Geschäfte (Laufzeit, Konditionen, Kündbarkeit) erhöht.
Zudem hat der Rat eine Wiederaufnahme von Nettoankäufen von Vermögenswerten im Volumen von monatlich 20 Milliarden Euro ab November beschlossen. Dieses relativ moderate Ankauftempo wird allerdings dadurch relativiert, dass die Ankäufe so lang wie notwendig laufen und erst kurz vor der ersten Zinserhöhung eingestellt werden. Dies hat schon fast Ewigkeitscharakter und etabliert Assetankäufe endgültig als Standardinstrument der europäischen Geldpolitik. Trotz der geringen an-fänglichen Ankaufsumme darf die expansive Wirkung daher nicht unterschätzt werden.
Weitreichend waren zudem die parallel beschlossenen Änderungen der Forward Guidance zu den Leitzinsen. Zur zukünftigen Entwicklung der Leitzinsen wird nun nicht mehr explizit ein Datum als Orientierungsgröße genannt. Der EZB-Rat erwartet vielmehr, dass die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau verharren, bis sich der Inflationsausblick nachhaltig in Richtung des EZB-Zielwertes von unter aber nahe 2 Prozent verbessert. Die Forward Guidance ist somit eine wichtige Ergänzung der Beschlüsse zu Leitzinsen und APP.
