Geldpolitische Lockerung

„EZB entwickelt Intoleranz gegenüber niedriger Inflation“

Das höchste Wachstumstempo des Euroraums seit drei Jahren wird wohl nicht ausreichen, Mario Draghi von einer weiteren Lockerung der Geldpolitik abzuhalten.

Auch wenn für diese Woche erwartete Daten zeigen dürften, dass die Expansion sich im ersten Quartal beschleunigt hat, hat es den Anschein, als sei der Präsident der Europäischen Zentralbank fest entschlossen, die Lockerung voranzutreiben - sei es mit Zinssenkungen, sei es mittels der Zuführung von Liquidität. Eine Inflation, die weniger als die Hälfte der EZB- Zielvorgaben erreicht, deutet auf eine zu träge Konjunkturerholung, urteilen Volkswirte von Unicredit bis UBS.

“Eine etwas stärkere Wirtschaftsentwicklung macht keinen großen Unterschied”, sagte Marco Valli, leitender Volkswirt Euroraum bei Unicredit in Mailand. Er rechnet damit, dass die EZB sowohl den Hauptrefinanzierungs- als auch den Einlagensatz im Juni senken wird. “Die EZB entwickelt eine zunehmende Intoleranz gegenüber niedriger Inflation.”

Draghi fürchtet, dass eine längere Periode verhaltenen Preisauftriebs die Konjunkturerholung im Währungsblock der 18 aus der Bahn werfen könnte, bevor sie Fuß fasst. Seine Ankündigung aus der vergangenen Woche, wonach die Währungshüter sich “wohl fühlen” bei dem Gedanken, im Juni aktiv zu werden, klingt nach neuen bevorstehenden Maßnahmen in der Geldpolitik.

In der jüngsten Erhebung des vierteljährlichen Bloomberg Markets Global Investor Poll sagten drei Viertel der Befragen, dass Deflation für den Euroraum eine größere Gefahr sei als Inflation.

Die Wirtschaftsleistung des Euroraums wuchs in den drei Monaten bis März um 0,4 Prozent, so der Mittelwert einer Bloomberg News Umfrage unter 40 Volkswirten. Das wäre doppelt so viel wie im Quartal zuvor und die höchste Zuwachsrate seit Anfang 2011. Die Region ließ im zweiten Quartal vergangenen Jahres ihre bislang längste Rezession hinter sich.

Das Statistikamt der Europäischen Union gibt die Daten für das Bruttoinlandsprodukt am Donnerstag dieser Woche um 11 Uhr MESZ in Luxemburg bekannt. Am Vormittag desselben Tags legen Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und die Niederlande ihre Wachstumszahlen vor.

In Deutschland hat sich das Wachstum wohl auf 0,7 Prozent beschleunigt, während Italien und Frankreich jeweils für das zweite Quartal in Folge eine Expansion anzeigen werden, wie separate Bloomberg-Umfragen signalisieren.

“Die Erholung geht weiter, aber sie vollzieht sich in langsamem Tempo und bleibt recht bescheiden”, sagte Draghi vergangene Woche in Brüssel im Anschluss an die monatliche Sitzung des EZB-Rats. “Es besteht Konsens hinsichtlich der Unzufriedenheit mit dem erwarteten Verlauf der Inflation.”

Die EU-Statistikbehörde gibt am 3. Juni ihre Erstschätzung für die Entwicklung der Verbraucherpreise im Mai. Im April lag die Inflationsrate nach der ersten Einschätzung des Statistikamts bei 0,7 Prozent. Das ist zwar mehr als die 0,5 Prozent, die für März ermittelt wurden, liegt aber unter der Erwartung und weit unterhalb des EZB-Zielwertes von etwas weniger als 2 Prozent. Seit Oktober liegt die Inflationsrate unter einem Prozent.

Draghi wird revidierte makroökonomische Prognosen vorlegen, wenn der EZB-Rat im Juni zu seiner nächsten Sitzung in Frankfurt zusammentritt. Im März sagte die EZB einen Zuwachs des BIP von 1,2 Prozent für dieses, von 1,5 Prozent für nächstes und von 1,8 Prozent für übernächstes Jahr voraus. Die Inflation würde demnach 2014 bei 1 Prozent liegen und sich bis 2016 auf 1,5 Prozent beschleunigen.

Reinhard Cluse, Volkswirt bei der UBS in London, änderte seine Prognose nach Draghis Brüsseler Äußerungen. Neuerdings rechnet er mit einer Zinssenkung.

Alles in allem sei es unwahrscheinlich, dass die Daten “die EZB im Juni von einer Zinssenkung abhalten”, sagte Cluse. “Was das BIP angeht, so hätte selbst eine gewaltige positive Überraschung keine sofortige Auswirkung auf die Inflation.”

Auch wenn die Konjunktur sich erholt und Umfragen Ländern wie Spanien und Irland eine Aufwärtsentwicklung bescheinigen, so rutscht die Arbeitslosigkeit doch nur im Schneckentempo von ihrem Höchststand ab. Offenbar ist die Expansion an den Arbeitsmärkten noch nicht angekommen, was wiederum die Gesamtnachfrage dämpft.

Draghi sagte im Anschluss an die Zinsentscheidung vom April, es sei seine größte Befürchtung, dass eine anhaltende Stagnation zur Folge habe, dass die hohe Arbeitslosigkeit sich zu einer strukturellen verfestige.

“Was wir wirklich wollen, ist eine schnelle Erholung”, sagte Erik Nielsen, leitender Volkswirt bei Unicredit in London. “Aber wenn der Notenbank das konventionelle Instrumentarium ausgeht, muss sie sich den unkonventionellen Instrumenten zuwenden. Dabei handelt es sich allerdings um solche, die - wenn überhaupt - erst in allerjüngster Zeit zum Einsatz gekommen sind, so dass ihre volle Wirksamkeit ungewiss bleibt.”

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