Deutschland galt lange als das Land des Bargelds, des Sparbuchs und des Kapitalerhalts. Rund 3,6 Billionen Euro schlummerten 2025 auf deutschen Giro- und Tagesgeldkonten. Schlecht verzinst, aber liquide und sicher.   

In unsicheren Zeiten würde man erwarten, dass Sparer und Anleger hierzulande noch vorsichtiger werden. Der hohe Goldpreis und schwankende Kryptokurse, aber auch politische und wirtschaftliche Unsicherheit liefern auf den ersten Blick auch gute Gründe dafür, dass Anleger dem vertrauten Terrain des Kapitalerhalts und der Risikovermeidung treu bleiben. 

Veränderte Risikokultur 

Die aktuelle Studie „Retail Investor Beat“ von Etoro zeigt jedoch, dass es so einfach nicht ist. Die deutsche Risikokultur verändert sich. So gaben im Q1‑Report 2026 gaben fast drei Viertel der Privatanleger in Deutschland ihre eigene Risikobereitschaft mit moderat oder hoch an. 51 Prozent nehmen gewisse Schwankungen bewusst in Kauf, um langfristig eine höhere Rendite zu erzielen. 22 Prozent stufen ihre Risikoneigung sogar als hoch oder sehr hoch ein. 

Die Deutschen, plötzlich ein Volk von Zockern? Wohl kaum. Aber Risiko wird in Deutschland neu definiert. Die jüngere Generation geht Risiko nicht mehr grundsätzlich aus dem Weg, sondern sie versteht es, dosiert es und steuert es innerhalb eines breiten, diversifizierten Portfolios

Am deutlichsten zeigt sich dieser Wandel bei der Gen Z. Im ersten Quartal 2026 hielten 52 Prozent der deutschen Gen‑Z‑Investoren im Alter von 18 bis 27 Jahren Kryptoassets. Damit waren Kryptowährungen in dieser Gruppe weiter verbreitet als sowohl deutsche als auch ausländische Aktien (jeweils 46 Prozent). Zudem wollte gut jeder fünfte Anleger seine Kryptopositionierung weiter ausbauen. 

Diese Zahlen stehen nicht allein. Zusammen mit Daten des Deutschen Aktieninstituts (DAI) zeichnen sie das Bild eines größeren Umbruchs in der deutschen Anlagekultur. Laut DAI erreichte die Zahl der Aktionäre in 2025 einen neuen Höchststand. 14,1 Millionen Menschen in der Bundesrepublik hielten Aktien und damit zwei Millionen mehr als im Jahr zuvor. Getrieben wurde dieses Wachstum vor allem von den unter 40‑Jährigen, die 60 Prozent des Zuwachses ausmachten. 

Für einen Markt, der lange synonym war für Sparbücher, Tagesgeld und Lebensversicherungen, ist das bemerkenswert. Vermögensaufbau wird zur Selbstverständlichkeit, er wird digitaler und selbstbestimmter. Krypto ist Teil dieser Entwicklung – nicht, weil jede junge Anlegerin und jeder junge Anleger darin den schnellen Reichtum wittert, sondern weil sie digitale Assets als Baustein eines langfristigen Portfolios begreifen. 

Vom Hype zum Habit: Krypto als fester Portfoliobaustein 

Die erste Phase des Kryptomarkts war geprägt von einem enormen Hype, von starken Kursbewegungen, Social‑Media‑Euphorie und spekulativem Trading. Dieses Bild hat sich in vielen Köpfen fest eingeprägt. Aber für viele junge Anleger ist es nicht mehr zeitgemäß. Für sie hat sich Krypto weiterentwickelt, weg vom spekulativen Trade hin zum festen Portfoliobaustein. 

Gen Z ersetzt klassische Anlagen nicht mit digitalen Assets, sondern ergänzt sie. Krypto ist dabei nur ein Teil in einem größeren Asset‑Mix-Puzzle. Volatilität ist dabei kein Grund mehr, nicht in Krypto zu investieren. Sie ist einfach nur eine weitere Größe, die im Portfolio aktiv gesteuert wird. 

Und nicht nur Krypto wird hierzulande heute anders gesehen, auch andere Anlageklassen werden immer beliebter. Im ersten Quartal 2026 hielten 40 Prozent der deutschen Privatanleger Rohstoffe und damit deutlich mehr als im globalen Durchschnitt von 32 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Krypto‑Investoren unter deutschen Privatanlegern von 35 Prozent im ersten Quartal 2025 auf 40 Prozent im ersten Quartal 2026. 

Anleger bauen ganz grundsätzlich breiter diversifizierte Portfolios auf. Sie investieren in inländische und internationale Aktien, in Rohstoffe, Kryptowerte und Anleihen. Mit anderen Worten: Die Risikobereitschaft wächst, das Bewusstsein für Portfolio‑Diversifikation auch. 

Genau das ist der springende Punkt: Deutschland wird nicht zum Land der Zocker. Aber zu einem Land, in dem Anleger souverän mit kalkuliertem Risiko umzugehen verstehen. 

Strukturierter, informierter, weniger impulsiv 

Das Klischee vom impulsiven jungen Krypto‑Investor ist überholt. Jüngere Anleger sind mit digitalen Tools, Echtzeitdaten, Finanz-Content, Portfolio‑Apps und zunehmend auch mit KI‑gestützter Analyse aufgewachsen. Ihr Anlageprozess ist häufig systematischer, als viele glauben. 

Der Zugang zu Informationen hat die Kräfteverhältnisse im Markt verschoben. Die Lücke zwischen privaten und professionellen Investoren ist noch da, aber sie ist kleiner geworden. Privatanleger können heute selbst recherchieren, vergleichen, gewichten und umschichten – und zwar in einem Tempo und mit einer Transparenz, von der ihre Elterngeneration nicht einmal zu träumen wagte. 

Dadurch hat sich auch die Wahrnehmung von Krypto gewandelt. Für viele junge Anleger geht es nicht mehr nur darum, von einzelnen Tokens überzeugt zu sein. Es geht ihnen um die Infrastruktur digitaler Finanzmärkte als Ganzes: Blockchain‑Netzwerke, dezentrale Abwicklung, Stablecoins, tokenisierte Vermögenswerte und die zunehmende Digitalisierung der Kapitalmärkte insgesamt. 

Krypto ist Teil eines großen Ganzen. Die nächste Phase digitaler Assets dürfte weniger von der Spekulation einzelner Coins geprägt sein als von der Tokenisierung traditioneller Anlageklassen – von Fonds und Anleihen über Rohstoffe bis hin zu den privaten Märkten. 

Deutschland mit seiner traditionell vorsichtigen Anlagekultur wird diesen Wandel hin zu digitalen Vermögenswerten vermutlich nicht allein über spekulative Trades vollziehen. Treiber könnten vielmehr konkrete Nutzenaspekte sein: effizientere Marktinfrastrukturen, Teileigentum (Fractional Ownership), höhere Transparenz und neue Wege der Produktdistribution. 

Was heißt das für den deutschen Markt? 

Die deutschen Privathaushalte verfügen über ein enormes Geldvermögen. Laut DZ Bank stieg das private Geldvermögen in Deutschland 2025 erstmals die Marke von 10 Billionen Euro. Für 2026 ist weiteres Wachstum prognostiziert. 

Wenn auch nur ein kleiner Teil dieses Kapitals aus niedrig verzinsten Guthaben in diversifizierte Kapitalmarktanlagen umgeschichtet wird, hat das erhebliche Auswirkungen. Die Nachfrage nach Aktien, ETFs, Rohstoffen, digitalen Assets und perspektivisch tokenisierten Produkten würde gestärkt, die Rolle der Privatanleger im deutschen Kapitalmarkt verändert. 

Risiken managen statt vermeiden 

Jahrzehntelang lautete die große Frage der deutschen Anlegerkultur: Wie vermeide ich Risiko? Die jüngere Generation stellt eine andere: Welche Risiken lohnen sich – und wie manage ich sie? 

Regelmäßiges Investieren, breite Diversifikation und langfristiger Vermögensaufbau werden zum Standard. Und digitale Assets gehören ganz selbstverständlich dazu. Die aktuelle Entwicklung ist nicht nur eine einfache Verschiebung zwischen Anlageklassen. Sie ist der Beginn einer neuen deutschen Risikokultur: digitaler, diversifizierter und offener dafür, die Kapitalmärkte aktiv zum Vermögensaufbau zu nutzen. 

Über die Studie

Der „Retail Investor Beat“ von Etoro basiert auf einer Umfrage unter 11.000 Privatanlegerinnen und Privatanlegern aus 13 Ländern auf drei Kontinenten. In den folgenden Ländern wurden jeweils 1.000 Teilnehmer befragt: Vereinigtes Königreich, USA, Deutschland, Frankreich, Australien, Singapur, Italien und Spanien.

Über den Autor

Pascal Nörrenberg
Pascal Nörrenberg

Pascal Nörrenberg ist seit 2023 als Regional Manager DACH und Managing Director bei Etoro tätig. Zuvor war er im Wealth Management der UBS sowie als Head of Capital Markets Sales bei ING aktiv. Seine Karriere begann er bei der WestLB, mit Stationen bei Citi in Frankfurt und London. Nörrenberg verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im internationalen Bank- und Kapitalmarktgeschäft. Er ist Diplom-Volkswirt (Universität Bayreuth und Sorbonne).