DAS INVESTMENT: Herr Janzen, viele Betriebe klagen über steigende Abbruchquoten in der Ausbildung. Was beobachten Sie in Ihrer Arbeit mit Ausbildern?
Eduard Janzen: Wir sehen eine radikale Verschiebung im Ausbildungsmarkt. Früher gab es 20 Bewerber auf eine Stelle – heute ist es genau umgekehrt. Wer ausbildet, steht im Wettbewerb mit Studium, Auslandsjahr, Selbstständigkeit und nicht zuletzt mit den Dopamin-Kicks von Social Media. Ghosting ist zur neuen Absageform geworden – per Whatsapp oder durch einfaches Nichterscheinen am ersten Tag.
Was unterscheidet die Generation Z so stark von früheren Jahrgängen?
Janzen: Die Gen Z ist mit permanentem Feedback aufgewachsen – Likes, DMs, Pushnachrichten. Wenn im Betrieb das direkte Feedback ausbleibt, entsteht sofort Unsicherheit. Dazu kommt: Diese Generation wünscht sich Sinn im Job, emotionale Sicherheit und klare Trennung von Arbeit und Freizeit. Fachwissen allein reicht nicht mehr – es geht um Haltung, Beziehung und Begleitung.
Inwieweit spielt die Beziehungsarbeit eine Rolle in der Ausbildung?
Janzen: Sie ist der Dreh- und Angelpunkt. Ohne Beziehung kein Lernen – das ist neurobiologisch belegt. Unser Gehirn kann nur dann nachhaltig lernen, wenn wir uns sicher fühlen. Das geschieht über Oxytocin – das sogenannte Bindungshormon. Wenn die Beziehung zum Ausbilder oder zur Fachkraft brüchig ist, schaltet das Gehirn in den Überlebensmodus. Dann geht kein Wissen rein, keine Motivation raus.
Was bedeutet das konkret für Ausbildungsbetriebe?
Janzen: Jeder Kontaktpunkt – jeder Blick, jede Anweisung – ist ein Kettenglied in der Beziehungskette. Ist diese instabil, kostet es viel Energie und Geld, den Azubi im Unternehmen zu halten. Beziehung ist die stärkste Währung in der Ausbildung. Unternehmen investieren heute in Technik, Tools, Boni – aber sie vergessen, dass echte Bindung über echte Menschen entsteht. Wir brauchen Mentoren statt Vorgesetzte.
Manche Betriebe berichten auch von einem auffallend hohen Krankenstand unter jungen Auszubildenden. Ist das ein Mythos?
Janzen: Nein, aber er ist erklärbar. Viele Jugendliche bringen aus ihrer Entwicklung nicht die nötige Resilienz mit – psychisch wie körperlich. Dauerstress, sozialer Druck, Vergleiche auf Tiktok – all das hinterlässt Spuren. Ausbildung ist heute auch ein Stück weit Erziehungsarbeit. Wer Azubis begleiten will, braucht nicht nur Know-how, sondern auch Empathie und Geduld. Deshalb trainieren wir Ausbilder zu Talentmentoren, die das ganze Potenzial ihrer Schützlinge freilegen – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich.
Was raten Sie Unternehmen, die die Generation Z besser erreichen möchten?
Janzen: Erstens: modern kommunizieren. Whatsapp statt Bewerbungsmappe. Zweitens: Beziehung über Prozesse stellen. Drittens: Feedback geben – und zwar regelmäßig. Und viertens: echte Entwicklung ermöglichen. Die Generation Z will wachsen – aber bitte in einem Umfeld, das ihr Sicherheit und Sinn gibt. Wer das bieten kann, wird loyale, motivierte Fachkräfte entwickeln – und sich langfristig von der Konkurrenz abheben.
Über Eduard Janzen
Eduard Janzen ist Geschäftsführer von Ausbilderschein 24 und Experte für digitale Ausbildungsmethoden. Ursprünglich als Industriekaufmann tätig, wechselte er in die Bildungsbranche und leitet seit 2020 die Weiterentwicklung des Unternehmens. Mit über 15.000 qualifizierten Ausbildern im Netzwerk kennt er die Herausforderungen moderner Ausbildung aus erster Hand. Mit seiner Erfahrung als Trainer und Sprecher setzt er sich dafür ein, die betriebliche Ausbildung praxisnah und nachhaltig zu verbessern.




